Simon Denny "Mine" im K21 in Düsseldorf

Es zwitschert in Amazons Arbeiterkäfig

Simon Denny "Mine" im K21 in Düsseldorf: Es zwitschert in Amazons Arbeiterkäfig Simon Denny "Mine" im K21 in Düsseldorf: Es zwitschert in Amazons Arbeiterkäfig Foto: Kunstsammlung / Achim Kukulies
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Im K21 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf stellt der Neuseeländer Simon Denny eine pervertierte Arbeitswelt mit schrägen und spielerischen Mitteln der Kunst zur Schau. Als Themen hat er den Bergbau in seiner Heimat, den Klimawandel und das Artensterben gewählt.

Man muss Simon Denny nicht kennen – obwohl der hemdsärmelige Neuseeländer (Jahrgang 1982) unter Kunst­insidern Kult­status genießt und eine Professur in Hamburg innehat. Hätte er nicht den absurden Menschenkäfig von Amazon nachgebaut und als ideologische Real­skulptur seinem Ausstellungsparcours vorangestellt, würde man die Schau „Mine“, die jetzt im K21 angelaufen ist, vielleicht nicht so wichtig nehmen. In dieser einen Arbeit legt er sämtliche Spuren zu seinem künstlerisch-komplexen Denkmodell an, das die Herausforderungen der Zeit an Ökologie, Neoliberalismus und Digitalisierung kalkuliert und miteinander verwebt.

Der „Amazon Worker Cage“ beschäftigt Kopf und Sinne. Überlebensgroß ist er, von außen verschließbar. In diesem weißen Käfig sollten tatsächlich Arbeiter geschützt werden, und zwar vor Kollege Roboter, der in denselben Lagerhallen arbeitet wie die Menschen. In der von Algorithmen gesteuerten Box sollten Greifarme auf verschiedenen Ebenen für eingeschränkte Handlungsfähigkeit sorgen.

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Nach eigenen Angaben wollte Amazon der hohen Verletzungsgefahr im Arbeitsprozess mit dieser Konstruktion begegnen. Es blieb indes beim Patent, dessen Zeichnung der Künstler weiterentwickelte. Nach Protesten von US-Ethikern, die von einem menschlichen Maschinenballett sprachen, hatte Amazon von der Realisierung des Menschenkäfigs abgesehen.

Früher hielten sich Fürsten und andere Reiche Papageien in großen Käfigen – einerseits dienten die Tiere zur Unterhaltung, andererseits waren sie eine Demonstration von Wohlstand und von Liebe zur Exotik. Vielleicht in Erinnerung daran, als Anspielung auf den Verlust an sich, auf das Artensterben, auf die Bedrohung durch die (digitale) Vergitterung der (analogen) Welt, hat der Künstler wieder einen Vogel in den Käfig gesetzt.

Dieser dem Roststirn-Dornschnabel aus Tasmanien nachempfundene, virtuelle Piepmatz ist allerdings nicht echt. Erst dank einer iOS-Schnittstelle wird er lebendig, wenn man mit dem Smartphone oder Tablet eine pyramidale Form mit Grafikmuster im Käfig angesteuert hat. Dann ertönt die Stimme dieses fast ausgestorbenen Vogels. Sein Avatar hüpft unruhig hin und her.

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Und nach dem Amazon-Krimi beginnt mit diesem Vogel eine neue Geschichte: Das Tier soll erinnern an Hunderttausende Kanarienvögel, die früher als lebendes Frühwarnsystem in Minen eingesetzt wurden, um die Bergleute vor der steigenden Konzentration giftiger Gase zu warnen. Der Tod der Tiere war das Signal für die drohende Gefahr. Die beiden Kuratorinnen, Susanne Gaensheimer und Agnieszka Skolimowska, deuten die Arbeiten als „Warnung vor dem Artensterben und vor den von Menschen verschuldeten ökologischen Katastrophen“.

Das alleine wäre dem Künstler wohl zu wenig. Gleichzeitig, so steht es im Programmheft, ist der Kunstbetrachter auf Geräte angewiesen, deren Produktion Ressourcen ausbeutet, den Klimawandel befördert und das Habitat des Vogels schrittweise zerstört. „Extraktion“ ist ein modernes Schlagwort und Hauptthema der hier vorgestellten, künstlerischen Episode in einem mitunter wirren Themenpark: Simon Denny will das System entlarven, das ein vorherrschendes Prinzip im Umgang der Menschen mit der Umwelt möglich macht.

Die Wechselwirkungen gehen noch viel weiter. So hängen an den Wänden des ersten Raumes weiße Papierpäckchen, Wandreliefs also, die aus Stapeln des gedruckten Amazon-Patents hergestellt wurden. Kunst aus Abfall, denn eigentlich gehören die Papiere in die blaue Tonne. Ideologisch sowieso.

So viele Worte und Erklärungen für die Bilder einer Ausstellung finden zu müssen, ist anstrengend und mitunter angestrengt. Eigentlich soll der Besucher ja nur schauen und erleben dürfen. In den Räumen 2 und 3 wird die Situation noch verwirrender. Allein der Boden, auf dem man sich fortbewegt, liefert – als Plattform eines beliebten australischen Spiels à la Monopoly – ein Rätsel.

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Die großen, aus Pappe gebauten Gerätschaften des Bergbaus, die Videos, die in die Tiefe gehen, die sinnlos angehäuften Stapel Spiele. Hier und da sind QR-Codes angebracht, sodass das Smartphone den Weg ins Kunstwerk bahnt. Spiele tauchen auf unterschiedlichen Ebenen der Ausstellung immer wieder auf. Großes Rahmenthema ist der Bergbau, der in Australien von hoher Relevanz ist.

Bei all den Vorschusslorbeeren von Direktorin Gaensheimer, die Denny in ihrer Frankfurter Zeit kennen und schätzen lernte, gelten Einschränkungen: Ästhetisch mäßig befriedigend ist die aufgeblähte Wissenschaftsschau, die zwar mit starken, aber international nicht verständlichen Formaten arbeitet. Der Besucher braucht viel Energie und große Neugier, um sich den Kontext anzueignen und womöglich die Spiele mitzuspielen. Oder er starrt einfach nur den weißen Käfig an mit Amazons Anschlag auf die Würde des Menschen.

Eine Führung ist empfehlenswert

Ort Auf der Bel Etage im Ständehaus (K21) der Kunstsammlung NRW, Ständehausstraße 1, sind Simon Dennys Werke bis 17. Januar zu sehen: Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Eintritt zwölf, ermäßigt zehn Euro.

Begleitprogramm Empfehlenswert ist die Teilnahme an einer Führung. Der Katalog umfasst das Brettspiel „Extractor“, 35 Euro. Buchung per E-Mail an: service@kunstsammlung.de

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Quelle: RP