"Kill Me Baby One More Time"

Hitman im Test

"Kill Me Baby One More Time": Hitman im Test "Kill Me Baby One More Time": Hitman im Test Foto: Square Enix
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Agent 47 ist zurück. Mehr als drei Jahre hat es gedauert, bis der populäre Auftragsmörder wieder seine rote Krawatte umbinden und die Lederhandschuhe zurechtzupfen durfte.

Nun schickt Publisher Square Enix und Entwickler IO Interactive den Hitman wieder in den Einsatz. Doch diesmal ist etwas anders als sonst. Nein, die Glatze hat Agent 47 immer noch. Besonders gesprächig ist er auch nicht geworden und seine Aufträge führt er immer noch so unterkühlt aus wie eh und je. Wird höchste Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Wie jetzt? Nur ein Level?

Die Ankündigung, dass der neue Teil der beliebten Hitman-Serie im Episodenformat erscheint, hat hohe Wellen geschlagen. Journalisten und Gamer diskutierten gleichermaßen über die Vor- und Nachteile dieses Geschäftsmodells. Die Spieler wittern Abzocke, die Journalistenschaft hofft darauf, dass die Entwickler Feedback noch während des Produktionsprozesses einfließen lassen können.

Bei einem Blick auf den Preis für das Gesamtpaket wird schnell klar, dass Square Enix niemanden über den Tisch ziehen möchte: 12,99 Euro kostet die erste Episode auf Steam, das Gesamtpaket verspricht für 49,99 Euro Zugang zu allen zukünftigen Download-Episoden. Aber liefert Agent 47 auch das ab, wofür er bezahlt wird?

Ja, zum Start von Hitman gibt es neben den Übungsmissionen, die wir bereits in der Beta spielen konnte, tatsächlich nur ein Level: eine Modenschau in einem Pariser Luxusanwesen. Wer es darauf anlegt, kann in 15 bis 20 Minuten mit dem Auftrag in Paris abschließen.

Aber Hitman überlässt Vieles dem Spieler – auch wie er vorgeht. Und es gibt typisch für die Serie viele Wege, die zum Ziel oder besser zu den Zielen führen. Um die zu finden und zu meistern, benötigt es Geduld und die Fähigkeit, Chancen zu erkennen und zu nutzen. Die Aufgabe: Ihr sollt die Geschäftsführer eines Modelabels aus dem Weg räumen, die nebenbei – Zoolander lässt grüßen – Models als Topspione einsetzen, um die Geheimnisse der Reichen, der Mächtigen und der Schönen auf Auktionen anzubieten.

Der erste Streich

Was sofort auffällt: Sowohl die Übungs- als auch das Paris-Level sind weniger "schlauchig" als noch in "Hitman: Absolution". Dadurch werden die Möglichkeiten gleichzeitig weitreichender. In der ersten Übungs-Mission werdet ihr dabei noch an die Hand genommen und die Steuerung erklärt. Wichtig: Der stete Blick auf die Umgebung. Lauscht ihr zwei Hangar-Arbeitern, eröffnet euch das die Möglichkeit euer Ziel mit einem manipulierten Schleudersitz ins Nirvana zu befördern.

Als Anfänger empfiehlt es sich zudem die Wegpunkte, die euch zu interessanten Orten führen, erst einmal aktiviert zu lassen. Habt ihr euch als würdig erwiesen, geht es an den ersten wirklichen Auftrag. Auf der Modenschau in Paris soll Agent 47 seinem Handwerk nachgehen. Hier zeigt sich noch eindrucksvoller, wie viele Möglichkeiten euch das Spiel bietet.

Wieder haben es die dänischen Entwickler von IO Interactive geschafft, eine lebendige, pulsierende Welt voller NPCs zu schaffen, die sich echt anfühlt: Vor dem Laufsteg drängen sich die Zuschauer dicht, die Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Auf der Terrasse lässt es sich kaum vermeiden, mit jemanden zusammenzustoßen, der das auch entsprechend verstört bis genervt kommentiert. Es ist eine Welt zum Ab- und vor allem zum Untertauchen.

Natürlich könnt ihr dabei auch versuchen mit gezückter Waffe alles aus dem Weg zu räumen - der meist schnellste, aber auch unsicherste Weg zum Erfolg ist es, die Zielperson einfach in einer Menschenmenge zu erschießen. Während ihr aber in "Hitman: Absolution" unter besonderen Gegebenheiten noch damit davon kommen konntet, ist dies nun nicht mehr so leicht möglich: Der kahlköpfige Assassine mit dem Tattoo auf dem Hinterkopf kann nicht viel einstecken. Und das Spiel ist auch kein Shooter, sondern es ist ein taktischer Schleicher geblieben, der euch viele Möglichkeiten lässt – wenn ihr sie denn erkennt.

Gelegenheit macht Mörder

Zugegeben: Mit den Standardeinstellungen werdet ihr bei euren düsteren Absichten weitreichend unterstützt. Zum Glück könnt ihr die vielen Hilfen auch ausschalten und seid dann tatsächlich auf euch allein gestellt. Das erhöht nicht nur den Nervenkitzel ungemein, wenn man buchstäblich neue Wege finden und möglichst lautlos Bedienstete ausknocken, die Körper verstecken und sich dann verkleiden muss, sondern es offenbart auch die ursprüngliche Vision hinter dem Spiel.

Die große Begabung von Agent 47 ist es ein Teil der Welt zu werden, in der er sich bewegt: Nur so gelangt ihr unerkannt an die Zielperson. Es ist eine Frage der Vorbereitung, wie man die Mission dann abschließt: ein Brieföffner, die Pistole mit Schalldämpfer, ein inszenierter Unfall, ein Giftcocktail oder ein verdorbenes Getränk, welches das Ziel zum schnellen Aufsuchen der Toilette zwingt.

Die Wachen im Paris-Level sind dabei recht nachsichtig: Wenn ihr euch einem Bereich nähert, zu dem ihr keinen Zutritt habt, warnen sie zunächst und zücken nicht sofort die Waffen. Seid ihr aber erst einmal negativ aufgefallen, was mitunter durch die eigene Nachlässigkeit schnell geschehen kann, fangen sie an, nach einem zu suchen. Zudem sind sie danach vorgewarnt: Jetzt hilft die alte Verkleidung nicht mehr viel.

Das klingt nach einer klugen künstlichen Intelligenz, die aber auch gerne sehr naiv auftritt. Wenn eine Wache auf die Toilette geht, vom Hitman niedergeschlagen und versteckt wird, werden die anderen nicht stutzig. Auch scheinen sie sich nicht zu wundern, wo denn der Kollege auf der Toilette bleibt. Das hinterlässt ein gemischtes Bild. Mal ist die KI zu verständnisvoll bis dumm, dann wiederum unerbittlich.

Daran gewöhnt man sich aber und nutzt das wiederum zu seinem Vorteil, um das Personal wegzulocken – um dann möglichst kreativ und elegant seine Ziele zu erreichen.

Einmal noch mit Sahne

Nein, ein Durchgang reicht nicht, um das Spiel genießen zu können. Die verschiedenen Herausforderungen, die einem gestellt werden, verlangen jedes Mal aufs Neue eine andere Herangehensweise, ein Suchen nach Möglichkeiten. 

Genau hier liegt die Stärke des Spiels: Wenn euch die Entwickler schon so eine spielerische Freiheit bieten, solltet ihr diese auch ausnutzen. Dabei lohnt es sich wirklich, die Missionen mehrfach zu spielen und immer abstrusere Morde zu begehen.

Zudem werdet ihr dafür vom Spiel belohnt: Für den erneuten Abschluss der Mission winken neue Startpunkte und Ausrüstungsgegenstände. Je besser ihr dabei seid, desto mehr Punkte gibt es und desto höher steigt ihr auf. Zudem soll es in Zukunft sogenannte "Live Targets" geben, also spontan zusammengewürfelte Aufträge innerhalb der vorgegeben Level. So dürfte auch Paris noch die ein oder andere Überraschung für euch bereithalten.

Kurz: Langweilig wird Hitman nie, auch wenn es derzeit nur einen Level gibt.

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Tatsächlich ist es erstaunlich, wie viel Abwechslung IO Interactive aus nur einer Karte und einer Mission herausquetschen kann. Damit wird Hitman fast zum Gegenentwurf des Open-World-Wahns der neuen Konsolengeneration: Es ist eine überschaubare Welt, in der aber eine ganze Menge steckt und die einen hohen Wiederspielwert hat. Zumindest bis die nächste Episode zum Download zur Verfügung steht. 

Insgesamt wirkt das Spiel übrigens eine ganze Ecke ernster und erwachsener als der letzte Auftritt von Agent 47. Zwar erfahren wir in den ersten Spielstunden noch nicht sehr viel über die Geschichte, dennoch merkt ihr von Beginn an, dass sich die Entwickler Mühe gegeben haben eine glaubwürdige Story abzuliefern.

Was wir uns zudem sehr gewünscht hätte, wäre ein spektakulärer Cliffhanger, der uns bereits auf den nächsten Teil des Spiels heiß macht: In Episode 2 soll es Agent 47 in die italienische Kleinstadt Sapienza und in Episode 3 nach Marrakesch verschlagen.

Technische Probleme

Zumindest auf der getesteten PS4-Version hat das Spiel kleinere Mängel. Wer einen Spielstand laden möchte, weil er an einer Stelle gescheitert ist oder das Spiel neu gestartet hat, braucht Geduld: 60 Sekunden etwa kann es dauern, bis ihr endlich losmeucheln dürft. Harter Tobak.

Wer über das Touchpad am Controller auf Game-Infos zugreifen will, muss ebenfalls warten, bis sich das Menü aufgebaut hat. Und wer Online spielt und speichert, kann diese Speicherstände Offline nicht aufrufen. An sich kein Problem, wenn Hitman nicht ab und an die Internetverbindung verlieren würde. Dann wird es nervig: Die Spielsession bricht plötzlich ab und man kann nicht auf gespeicherten Stände zugreifen.

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Fazit

Ein bisschen komisch war es schon, als wir nach kaum drei Stunden alle Missionen beendet hatten. Das kennt man normalerweise nur von den Spielen aus dem Hause Telltale. Doch nach dem Attentat ist vor dem Attentat: Hitman bietet uns so viel Freiheit, dass es sich wirklich lohnt mehrfach in die Missionen reinzuschnuppern. Zudem gibt es wirklich kuriose Möglichkeiten seinen Auftrag erfolgreich abzuschließen.

Wer bereits die Vorgänger mochte, insbesondere die älteren Teile der Serie, der wird mit Sicherheit viele Stunden in den weitläufigen Arealen der Level verbringen können. Kurz: Alte Serienfans kommen kaum um das neue Hitman herum und müssen lediglich darüber entscheiden, ob sie aktuell damit leben können jeweils mehr als einen Monat auf die nächste Episode zu warten. Hält man die reine Spielzeit dem Preis von 15 Euro für das Intro-Pack entgegen, ist dieser doch etwas happig.

Wir selbst müssen zugeben den schmackhaften "Köder" vollends geschluckt und nun gehörigen Appetit auf die "Hauptmahlzeit" zu haben: Die nächsten Episoden können nicht früh genug kommen!

"Hitman: Episode 1" erhält von uns 81 von 100 stilvollen Verkleidungen, 4 von 5 giftigen Cocktails und 8 von 10 Klaviersaiten.

Das neue Hitman gibt's per Download für Xbox One, PlayStation 4 und PC.

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