"Infamous: Second Son" im Test für PlayStation 4

"Whoho": Ein Wort, ein Spiel!

"Infamous: Second Son" im Test für PlayStation 4: "Whoho": Ein Wort, ein Spiel! "Infamous: Second Son" im Test für PlayStation 4: "Whoho": Ein Wort, ein Spiel!
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Infamous: Second Son im Test | PlayStation 4 "Whoho": Ein Wort, ein Spiel! 7 Fotos

Mit dem dritten Spiel der Infamous-Reihe präsentieren Entwickler Sucker Punch und Publisher Sony endlich einen neuen PS4-Exklusiv-Titel. Hat sich das Warten gelohnt? Ja, hat es. Man muss nur ein wenig Geduld haben.

"Whoho!" Wenn es ein Wort gibt, mit dem ich Infamous: Second Son beschreiben müsste, dann wäre es das. Denn „Whoho“ habe ich oft gesagt oder zumindest gedacht, als ich Second Son gespielt habe. Es kam mir schon nach wenigen Sekunden über die Lippen. Grafisch ist das Spiel einfach nur atemberaubend. Und was mir immer im Gedächtnis bleiben wird, ist der Moment, als ich auf der Spitze des Aussichtsturms „Space Needle“ in Seattle stand und auf den Pazifik blickte: Die untergehende Sonne blitzte zwischen Wolken auf und tauchte die Meeresoberfläche in rötlich-dämmriges Licht.

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Es war ein wunderschöner Moment, bei dem man den Programmierern von Sucker Punch nur noch anerkennend auf die Schulter klopfen möchte. „Whoho“ dachte ich auch bei der Liebe zum Detail in der offenen Welt von Seattle: Am Hafen schwimmt die weggeworfene Verpackung eines Riegels im Wasser. Rauch und Dampf schlängeln sich realistisch aus den Kaminen und Neonreklamen tauchen die Straßen in ihr Meer aus kühlem, künstlichem Licht. Noch mehr Atmosphäre geht kaum.

Und auch Delsin Rowe ist Whoho. Ihn spielt man in Infamous: Second Son. Und er ist nicht nur ein grandios animierter Charakter, sondern auch ein selten saucooler Spieleheld. Voller jugendlichem Übermut nimmt er die Superkräfte ab, die er zufällig in sich entdeckt hat. Und wenn er in einer Rauchwolke aufgeht, die durch einen Lüftungsschacht schießt, ist das nicht nur umwerfend umgesetzt: Man erkennt die vielen, sich bewegenden Partikel, aus denen sich diese Wolke zusammensetzt. Ich sehe es nicht nur, ich empfinde es.

So macht es einfach nur Spaß, diese Superkräfte einzusetzen. Schnell fühle ich mich mächtig. Mächtiger als die Soldaten des DUP, des Department of Unified Protection (Abteilung des einheitlichen Schutzes). Sie sind auf der Jagd nach den Mutanten, die sie nur als Bioterroristen bezeichnen – damit auch der letzte Bürger weiß, wer hier die angeblich Bösen sind. 

Grafik, Steuerung, Storytelling und Charaktere sind Sucker Punch gut gelungen

Das Spiel setzt einige Jahre nach Infamous 2 ein: Alle „Übermenschen“, die Conduits, wie sich selbst nennen, sollten an sich vernichtet sein. Tatsächlich sind sie es nicht. Und deswegen wurde das DUP geschaffen: Sie jagen die letzten – je nach Sichtweise – Bioterroristen oder Conduits und versetzen die Bevölkerung mit durchsichtiger, aber auch subtilerer Propaganda gezielt in Angst vor jenen Übermenschen.

Nein, die beiden anderen Infamous-Teile muss man nicht kennen, um das zu verstehen. Das Spiel führt zwar nicht langsam, aber dennoch Schritt für Schritt in die Spielewelt ein. Ich habe mich schnell zurechtgefunden, obwohl ich Infamous 2 damals übersprungen habe. Das Storytelling ist Sucker Punch eben gut gelungen – und nicht nur das: Delsin ist zunächst nur ein selbst ernannter, rebellischer Graffiti-Künstler, der nur durch Zufall auf einen Conduit stößt. Dieser "erweckt" die Superkräfte in ihm und bringt ihn so ungewollt ins Fadenkreuz des DUP.

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Seine Flucht, seine Entwicklung, sein Versuch einen neuen Platz in dieser Welt zu finden – das alles ist spannend und mitreißend inszeniert. Ebenso seine Bemühungen, die faschistoide DUP aufzuhalten, die den Genozid an den "Übermenschen" vollenden will. Und diesen ernsten, schweren Themen rund um Verfolgung, Rassismus, Internierung und Folter tut es gut, dass Delsin mit seiner coolen, teils albernen Art der Story immer wieder etwas von ihrer Schwere nimmt. Zugegeben, Delsin und auch die anderen Haupt-Charaktere sind bisweilen klischeehaft. Die Story ist nicht ganz so tiefgründig, wie es anfangs scheint, doch es passt eben alles. So wie bei einer guten Comic-Verfilmung.

Und die Hürde, um das Spiel zu genießen, ist nicht groß: Delsins mit der Zeit immer größere Vielfalt an Superkräften lässt sich recht leicht mit dem Gamepad einsetzen. Zudem hat Sucker Punch einen sinnvollen Einsatz für das Touchpad des PS4-Controllers gefunden: Das Öffnen von Türen oder das Hochheben von Gegenstände funktioniert mit einem Wisch.

Auch die Bewegungserkennung wurde geschickt eingesetzt: Wenn Delsin ein Graffiti sprühen möchte, schüttelt man die Spraydose quasi mit dem Controller und lenkt die Dose dann mit den Bewegungen des PS4-Gamepads. Das ist zwar nicht mehr als ein nettes Gimmick, aber es macht Spaß. Zumal Delsin ein breites Spektrum an gewitzten bis tiefgründigen Wandmalereien hat. Da schlägt wieder die Liebe zum Detail durch.

Herausforderungen gibt es, man muss sie sich aber geduldig erarbeiten

Also alles Whoho? Leider nicht: Die Stadt besticht durch ihre Atmosphäre, aber sie wirkt wenig belebt. Zwar gibt es überall Passanten, die spazieren gehen, auf Bänken sitzen oder an einer Ecke stehen, einem applaudieren oder Angst haben – aber so wirklich springt der Funke nicht über. Vielleicht auch, weil Delsin meist auf Dächern und oft so schnell unterwegs ist, dass es nur selten Berührungspunkte gibt.

Seattle scheint irgendwann nicht mehr zu sein als eine (zugegeben sehr offene) Bühne für meine Superkräfte, auf der ich eine Menge zerstören kann. Mit Los Santos in GTA V oder Städten aus der Assassin’s-Creed-Reihe ist Seattle in Second Son indes nicht zu vergleichen. Zumal es in Seattle sonst nur wenig zu entdecken gibt: Die Stadt ist aufgeteilt in 13 Viertel. Und hat man in einem Bezirk das mobile Kontrollzentrum der DUP zerstört, werden alle Geheimnisse auf der Karte eines Viertels aufgedeckt. Da hätte Sucker Punch den Spieler nicht so sehr an die Hand nehmen müssen. Dennoch entwickelt Second Son einen gewissen Suchtfaktor: Am Ende bin ich eben doch ein Jäger und Sammler. Ich wollte unbedingt alle Viertel von der Kontrolle durch das DUP befreien, obwohl das meist optional ist.

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Ein größeres Problem ist, dass Delsin schnell übermächtig wirkt. So gut erzählt und spannend die Story ist, so wenig herausfordernd ist das Spiel über weite Strecken und verliert sich gerne in sich wiederholende Aufgaben mit leichten Variationen. Nur ab und an hatte ich Probleme. Die meiste Zeit aber war ich Herr der Lage in Seattle. Das Gefühl "Superkräfte zu haben" ist zwar sehr überzeugend in Szene gesetzt, aber ein wenig mehr Herausforderung hätte dem Spiel gut getan. So muss ich in Infamous: Second Son sehr viel Gameplay-Gemüse essen, bis ich dann zu spielerischen Bonbons komme und zu den etwas anderen Missionen oder Bossfights.

Dennoch hat das Spiel einen Wiederspielwert. Ständig kann man sich entscheiden, was für ein Conduit man sein möchte: ein Held, der den Menschen zeigt, dass die DUP-Propaganda verfehlt ist. Jemand, der hilft, der es vermeidet, andere zu töten und sich für die Stadt einsetzt. Oder missbraucht man seine Macht für seine eigenen Ziele, geht rücksichtslos und egoistisch vor, und mordet sich als Psycho durch die Metropole?

Je nachdem, welchen Weg man wählt, gibt es unterschiedliche Karma-Punkte. Und diese Wahlmöglichkeiten gibt es nicht nur an zwei oder drei Stellen im Spiel, sie durchziehen Second Son. Bei jedem Kampf muss man entscheiden, ob man beispielsweise sich ergebende Gegner brutal aus dem Weg räumt oder einfach nur betäubt. Hat man genug Karma-Punkte gesammelt, kann man als Held Kräfte mit chirurgischer Präzision oder als Psycho Fähigkeiten mit flächendeckender Verwüstungskraft freischalten. Es sind zwei tatsächlich unterschiedliche Spielweisen.

Eins bleibt aber: Esst erst euer Gameplay-Gemüse, dann gibt es die Spiele-Bonbons.

Infamous: Second Son ist ab sofort erhätlich für PlayStation 4.

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