A Hideo Kojima Game

"Metal Gear Solid V: The Phantom Pain" im Test für PlayStation 4

A Hideo Kojima Game: "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain" im Test für PlayStation 4 A Hideo Kojima Game: "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain" im Test für PlayStation 4 Foto: Konami

Snakes vorläufig letztes Abenteuer unter der Regie von Hideo Kojima ist ein Prachtstück von einem Videospiel und eines der größten Highlights des Jahres.

Auch negative PR wie der unschöne Rauswurf von Hideo Kojima bei Konami hat letztendlich eine gute Seite: „Metal Gear Solid V: The Phantom Pain“ war über mehrere Wochen das beherrschende Thema in der Welt der Videospiele und hat so noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, als ohnehin bereits vorgegeben.

Vorab eine Info zum Test: Wir verzichten auf Story-Spoiler und enthüllen nur einen Teil der auftretenden Charaktere!

Schneller Einstieg in die komplexe Geschichte

Die in „Ground Zeroes“ angerissene Geschichte rund um Big Boss, alias „Naked Snake“, alias „Ishmael“, findet im „Phantom Pain“ ihr episches Ende: Snake erwacht nach der Explosion im Hubschrauber im Krankenhaus, muss sich vor anrückenden Truppen und mysteriösen Feinden verstecken und wird schließlich damit beauftragt die Hintermänner des Attentats auszuschalten.

Der Weg der Rache führt ihn und sein Gefolge zur „Mother Base“, einer auf dem Ozean platzierten Plattform, die ihr im Laufe des Spiels erheblich ausbauen und um zahlreiche Features ergänzen könnt. Von hier aus startet ihr alle Aufträge ins afghanische Ödland und reist später bis nach Zentralafrika.

Kojim'burger Puppenkiste "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain" - Screenshots 47 Fotos

Die Geschichte von Metal Gear Solid ist mittlerweile so komplex, dass man als Einsteiger kaum noch mitkommt: Die Protagonisten wechseln die politische Zugehörigkeit wie ihre Unterwäsche, sind meist unter mehreren Namen bekannt und erfreuen sich besonderer Umstände wie geklonten Zwillingen.

Es ist schlicht unmöglich über die Genialität von „Metal Gear Solid“ zu reden, ohne auf Spoiler und zentrale Handlungselemente einzugehen – umso mehr verblüfft der leichthändige Einstieg ins Spiel. Selbst als „Metal Gear“-Neuling kann man durchaus mit dem fünften Teil in die Geschichte einsteigen, die – soviel sei gesagt – den Grundstein für die populären PlayStation-Vorgänger „Metal Gear Solid“, „Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty“ und „Metal Gear Solid 4: Guns of the Patriots“ legt.

Der Wunsch nach einem Remake des ersten PlayStation-Teils, der die Saga populär machte und gerade jetzt Sinn machen würde, wird wohl leider ein Wunsch bleiben: Konami will sich aus dem Videospielbusiness zurückziehen - und das ist bei dem aktuell in der Öffentlichkeit vertretenen Bild der Firma auch gut so.

Awesome Mixtape Vol. 1

Nach dem kinoreifen Vorspann im Krankenhaus verzichtet „The Phantom Pain“ für längere Zeit auf Zwischensequenzen jedweder Art: Wer Hintergrund-Infos wünscht, findet diese in Form von in der Welt verteilten Kassetten, die über Snakes Walkman abgespielt werden können. Praktisch: Mit dem Walkman steuert ihr auch den fabulösen Soundtrack des Spiels an.

Die Kassetten lösen eine weitere, meist kritisierte Form der Handlungswiedergabe der Vorgänger ab: Die nervigen Codec-Gespräche fallen (zum Glück!) flach. Wer mit Grausen zurück an endlos durchgeklickte Gesprächsfetzen denkt, wird Hideo Kojima dafür danken, dass „The Phantom Pain“ den Großteil der komplexen Infos zu Charakteren, Spielwelt und Politik hinter diesen Kassetten versteckt. So ist es schön jederzeit die Alternative zu haben tiefer in die Geschichte einzutauchen - oder eben nicht. Im Vordergrund steht zu jeder Zeit die Spielmechanik.

Abenteuer im Sandkasten

Und diese ist abseits von Snake der eigentliche Star des Spiels: Cleverer und versierter haben wir uns noch nie an feindlichen Posten vorbei geschlichen. Äußere Umstände wie Sand- und Regenstürme, sowie der Tag- und Nacht-Rhythmus machen jede Infiltration zu einem neuen Abenteuer, ebenso wie die zufällig verteilten Wachtposten und verschiedene Alarm-Stufen. Wurdet ihr an einer Straßensperre erwischt, verhalten sich die Soldaten im nächsten Dorf gleich aggressiver und halten besser Ausschau.

Die weite, offene Welt von Afghanistan und Zentralafrika bietet euch auf jeder Mission unzählige Möglichkeiten voranzuschreiten: Mit dem Sniper-Gewehr Wachen ausschalten? Mit dem treuen Gaul (alias „Diamond Horse“) mitten ins Lager stürmen und die Mischpoke vom Pferderücken aus aufmischen? Still und heimlich von Strauch zu Graben kriechen? Die Alarm-Anlagen und den Strom ausschalten und für Verwirrung sorgen? In einem Pappkarton verborgen von Haus zu Haus schleichen? Die Möglichkeiten sind fürwahr grenzenlos!

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Eines der wichtigsten Gadgets von Snake ist das Fernglas: Mit ihm markiert ihr alle Feinde bereits aus großer Entfernung, womit ihr stets über deren aktuellen Aufenthaltsort unterrichtet seid. Meist reicht ein „Scanning“ der Umgebung aus, um einen Posten gehörig aufzumischen – nur fußläufige Patrouillen und in Gebäudne versteckte Soldaten entgehen hin und wieder eurer Aufmerksamkeit und sorgen für überraschenden Ärger.

Wer entdeckt wurde und im Kampf das Zeitliche segnet, muss derweil nicht verzweifeln: „The Phantom Pain“ bietet euch (größtenteils) fair verteilte Rücksetzpunkte, nur gelegentlich nervt euch das Spiel mit der Wiederholung längerer Laufwege. Immerhin merkt ihr bei jedem Neustart, wie viele weitere Optionen ihr bei eurem Ableben eigentlich gehabt hättet, um dieses zu vermeiden. Frust kommt auf diese Weise nur selten auf.

Außerordentlich gut funktioniert die Steuerung von Snake, während sich das Interface angenehm im Hintergrund zurückhält und dabei die Sicht auf das Wesentliche ermöglicht. Die Steuerung ist entsprechend der überwältigenden Anzahl von Bewegungen und Auswahlmöglichkeiten extrem komlex, schafft es aber – vor allem im Vergleich mit Open-World-Spielen wie GTA V – eine klare und verständliche Linie zu fahren.

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So ist ein Knopf voll uns ganz der Schleichmechanik überlassen: Geht in die Hocke, oder haltet den Knopf länger gedrückt um euch flach auf den Boden zu legen. Auf dem Pferd duckt ihr euch mit demselben Knopf zur Seite. Das Menü ruft ihr derweil per „iDroid“ auf: Hier sucht ihr euch Haupt- und Nebenmissionen aus einer Liste heraus, managed die Mother Base und habt alle Infos stets im Blick.

The Man who sold the World

Ein ganz eigenes Spiel abseits der Ausflüge in den virtuellen Sandkasten bietet die „Mother Base“: Neben der obligatorischen, meist durch den Fortschritt im Spiel automatisch freigeschalteten Aufwertung durch neue Räume und Plateaus, dient die Basis als Forschungsstation für unzählige Waffen-Upgrades und Ausrüstungs-Gimmicks, sowie als Trainingslager für eure ganz eigene Privatarmee. Wer will, darf darüber hinaus die quer über Snakes Anzug verteilten Blutspritzer unter der hauseigenen Dusche abwaschen.

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Der größte Clou des Spiels und die wohl kreativste Ergänzung der Spielmechanik seit langer, langer Zeit ist der Fulton-Ballon: Das von Robert Edison Fulton, Jr. entwickelte Gerät dient auch in der realen Welt der Extraktion von Personen aus umkämpften und schwierig erreichbaren Gebieten und wird aktuell von der CIA, der United States Air Force und der United States Navy genutzt.

Dabei wird die jeweilige Person an einen Ballon gebunden, der sich rasant aufplustert und binnen weniger Sekunden in die Höhe schießt – eingesammelt wird das „Paket“ dann von einem Flugzeug. In der virtuellen Welt von „The Phantom Pain“ hängt ihr jedoch nicht nur betäubte Soldaten und Geiseln an die Ballons, sondern entfremdet das Gerät auch gerne mal für andere Zwecke: Versucht mal ein Schaf oder einen Wolf an den Fulton zu binden... oder holt mit einem Fulton-Upgrade ganze Panzer und Lastwagen in eure Basis.

Die entführten Soldaten, die auf dem unfreiwilligen Flug nicht verloren gehen und dann in eurer Basis landen, haben einen hohen Nutzen für eure Mission: Durch Spezialisten schaltet ihr neue Waffen- und Rüstungs-Upgrades frei (zum Beispiel Betäubungsmunition für das Sniper-Gewehr, oder einen „Raketen-Handschuh“), weitere Soldaten beschleunigen die Forschung oder gehen auf Patrouille.

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Negativ: Der eifrige Nutzen des Ballons lässt die alte Mechanik „Ich verstecke die Leiche mal fix in der dunklen Gasse hinter dem Haus“ erheblich in den wortwörtlichen Schatten treten. So säubert ihr mit den Ballons ganze Außenposten in wenigen Minuten von allen anwesenden Soldaten – das raubt die Gefahr zufällig von einer Patrouille entdeckt zu werden.

Abseits vom Nutzen des Fultons sammelt ihr jede Menge Kräuter in der Umgebung, sackt Ressourcen in den Lagern ein und freut euch über die ein oder andere, versteckte Blaupause, die neue Waffen und Gimmicks freischaltet.

Von Diamanten-Hunden und knapp bekleideten Sniper-Ladys

Snake bleibt auf seinem neuen Abenteuer nicht lange alleine: Während der Handlung stoßen neben dem treuen Pferd D. Horse, welches ihr jederzeit per Pfiff zu euch rufen könnt, drei weitere Begleiter an eure Seite. Zum einen wäre da die mysteriöse "Quiet", eine Profi-Sniperin, sowie der von klein auf großgezogene "Diamond Dog": Beide folgen Snake auf Wunsch mit ins Feld – die Auswahl wer euch begleiten soll, muss vor jeder Mission getroffen werden.

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Während der Aufträge unterstützen euch Quiet und Diamond Dog dann auf unterschiedliche Art und Weise: Quiet schaltet feindliche Söldner aus der Ferne mit ihrem Sniper-Gewehr aus, Diamond Dog dagegen erschnüffelt potentielle Gegner selbst hinter Mauern – der einzige Ort, den euer Fernglas bislang nicht erreicht hat.

Durchaus kritikwürdig ist das Design von „Quiet“ als halbnackte Amazone, die sich gerne halbnackt im Regen räkelt und auf der Sitzbank im Hubschrauber die Brüste dermaßen in die Kamera drückt, dass wir spontan rot anlaufen.

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Hideo Kojima betonte zwar bereits vorher, dass er „Quiet“ als genaues Gegenstück zur laufenden „Sexismus in Videospielen“-Debatte entwickelt habe, doch letztendlich können wir nach Abschluss des Spiels nur mit unseren Köpfen schütteln: Die „Nacktheit“ wird in der Story zwar erklärt, doch ist diese Offenbarung vollkommen hanebüchen. So besteht eigentlich kaum ein Zweifel darüber, was Kojima wirklich dabei dachte, als Quiet das erste Mal als Charakter in seinem Kopf aufblitzte: Fügt hier mal alternativ das Bild eines masturbierenden Gorillas ein. „Uuuh Aaah Aaaah!“

Big Boss, Small Bosses

Eine Sache die ich persönlich seit Jahren an der Metal Gear Reihe schätze, sind die epischen Bosskämpfe gegen fantastische und mysteriöse Supermenschen, Cyborgs und Roboter: Der Einzug des Übernatürlichen in die realistisch geprägte Welt des Spiels hat seit jeher einen Großteil der Faszination der Serie ausgemacht.

Leider schwächelt „The Phantom Pain“ ausgerechnet in dieser Königsdisziplin des Franchises: Legendäre Kämpfe wie gegen „The End“ (MGS4), den Cyborg-Ninja „Gray Fox“ (MGS), „Liquid Ocelot“ (MGS4), „The Boss“ (MGS3) und „Psycho Mantis“ (MGS) kann euch „The Phantom Pain“ nicht bieten.

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Zugegeben, einige Bosskämpfe lassen euch durchaus schwitzen und sind audiovisuell aufwendig in Szene gesetzt, doch die grandiosen Kampfmechaniken aus den Vorgängern werden zu keiner Zeit erreicht. Dafür wird ein bestimmter „Typ“ von Boss gleich mehrfach recycled, was einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Eine vertane Chance aus „The Phantom Pain“ ein noch besseres Spiel zu machen!

Kojima lässt die Katze aus dem Karton

Audiovisuell gibt sich „The Phantom Pain“ keine Blöße: Die unterschiedlichen Tageszeiten leuchten das Geschehen teils atemberaubend hübsch aus, der Detailgrad selbst kleinster Gegenstände und Lokalitäten ist überwältigend, Animationen und die Gesichter der Protagonisten lebensecht in Szene gesetzt. Dabei läuft das Geschehen stets flüssig mit 60 Bildern pro Sekunde über den Bildschirm.

Ein besonderes Lob gilt der Kamera, die das Geschehen praktisch immer aus der richtigen Perspektive einfängt und nur selten nachjustiert werden muss: „Third Person“ in Perfektion!

Darüberhinaus freuen wir uns über tolle Synchronsprecher, wenn auch nur auf englisch: Für eine deutsche Synchronisation hat es diesmal nicht gereicht. Gewöhnungsbedürftig bleibt der Sprecherwechsel von Snake: 24-Recke Kiefer Sutherland macht seinen Job gut, doch die Umgewöhnung vom einstigen Serienhelden David Hayter ist hart.

Metal Gear Online

Einen ganz eigenen Mikrokosmos eröffnet die Möglichkeit die Mother Base von anderen Spielern zu infiltrieren und diese zum Gefecht herauszufordern. Investiert also besser von Anfang an in die Verteidigung eurer Anlage durch Geschütztürme und Mörser, sowie zusätzliche Soldaten.

Neben diesem „FOB“-Spielmodus sollen im Oktober noch weitere Online-Modi folgen, etwa die Team-Infiltration, oder ein waschechter „Deathmatch“-Modus. Wirklich austesten konnten wir die Online-Inhalte aufgrund von akuter Zeitnot – der Einzelspieler-Modus beschäftigt euch für weit über 40 Stunden – leider noch nicht.

Ach ja, leider findet sich auch online ein Haar in der Suppe: „The Phantom Pain“ kommt nicht um die gängigen Microtransactions herum und verlangt für Komfort-Optionen bare Münze.

Fazit

Videospiel diesen Kalibers erscheinen nur alle Jubeljahre einmal: Detailliert bis in die Beschriftung von Kassetten im Walkman atmet „Metal Gear Solid V: The Phantom Pain“ in jeder Pixelpore den Esprit eines genialen Entwicklerteams. Hideo Kojima und seine Mannen haben tatsächlich extrem viel richtig gemacht, wenn es um Spielmechanik und den Aufenthalt in einer virtuellen Welt geht.

Umso ärgerlicher, dass der Titel an anderen Stellen hinter den Vorgängern zurückbleibt: Viele Bosskämpfe folgen demselben Muster und sind bisweilen erheblich unspektakulärer, als vergleichbare Bösewichte in den Vorgängern. Über das „Ende“ der Geschichte herrscht bei den Fans ebenfalls viel Ärger: Hier könnt und sollt ihr jedoch erst dann mitreden, wenn ihr es soweit geschafft habt. Bis dahin bietet euch „The Phantom Pain“ über viele, viele Stunden Schleich-Action vom Feinsten.

„Metal Gear Solid V: The Phantom Pain“ erhält von uns 5 von 5 gerettete Hundewelpen, 9 von 10 per Fulton in die Luft geballerte Schafe („Määääh!“) und freut sich über eine zu 90 Prozent erledigte Mission. Over and Out.

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