Zahlenfolgen, die die Welt bedeuten

Das Passwort Heft: Von Passwörtern, Cheat-Codes und Tricks

Zahlenfolgen, die die Welt bedeuten: Das Passwort Heft: Von Passwörtern, Cheat-Codes und Tricks Zahlenfolgen, die die Welt bedeuten: Das Passwort Heft: Von Passwörtern, Cheat-Codes und Tricks Foto: Daniel Hecht

Es ist sowas wie ein Dinosaurier, genauso alt und genauso bewundernswert: das Passwort-Heft. Vor langer, langer Zeit wurde es genutzt, um seinen Spielfortschritt in wirren Zahlen- und Buchstabenkombinationen zu "speichern". Ein persönlicher Rückblick in eine längst vergessene Zeit.

Mmmmh, mal nachdenken. 1990 war ich 9 Jahre alt, The Guardian Legend erschien in diesem Jahr für's NES, einen genauen Monat kann ich nicht mal über Wikipedia ausmachen. Also werde ich wohl 9 oder 10 Jährchen auf dem Tacho gehabt haben, als ich die wohl längsten Passwörter aller Zeiten auf diese Seiten hier gekritzelt habe:

Passwort Heft (3) (image/jpeg)

Nur wenige Zocker führten damals überhaupt ein Passwort-Heft, die meisten Jungs und Mädels (letztere zu der Zeit noch verschwindend in der Unterzahl) notierten sich die extrem langen Zahlen- und Buchstabenfolgen auf losen Schmierzetteln, auf Pappkartons, mit Filzstiften auf ihren Armen und Beinen, oder sie ritzten die Codes gleich in ihre Schreib- und Wohnzimmertische. Gleich neben legendären Cheat-Codes wie "Oben, Oben, Unten, Unten, Links, Rechts, Links, Rechts, B, A" von Konami.

Passwort-Hefte waren was für Nerds und Streber, für die Kids, die von ihren Eltern mit hochwertigem Schulmaterial ausgerüstet wurden und die Hälfte ihrer Videospiel-Karriere deswegen verpassten, weil ein lautes "Daniel! Essen kommen!" durch die Wände schallte. Obwohl, wenn ich mir aktuelle Online-Spiele anschaue, hat sich zumindest an diesem Verhalten nicht viel geändert: Der Nachwuchs wird noch immer reihenweise aus laufenden Matches herausbefördert, weil Mami Schnitzelken mit Pommes gemacht hat.

Passwort Heft (8) (image/jpeg)

Passwort Heft (9) (image/jpeg)

Konsole einfach abschalten und an derselben Stelle weitermachen, weil das Spiel über eine "Auto-Save"-Funktion besitzt? Science Fiction! Entweder man ließ den grauen Kasten weiterlaufen, oder man riskierte seinen sauer verdienten Spielfortschritt.

Als Junge, der noch gebührenden Respekt vor der "Technik" hatte (mir war damals nicht klar, dass Nintendo-Technik praktisch unkaputtbar ist), wurde dieses längere "Stehen lassen" der Konsole ohne persönliche Bewachung immer mit einem etwas flauen Gefühl in der Magengegend begleitet. Hoffentlich versagt das gute Teil nicht, denn sonst waren bisweilen mehrere Stunden "Spiel" für die Katz gewesen.

Ein Passwort aufzuschreiben dauerte dabei meist länger, als ein gesamtes Mittagessen mit den werten Eltern. Und "Strom sparen" war Ende der 80er, Anfang der 90er eh nur was für Öko-Freaks und Konsorten. Die Welt bejubelte Hifi-Anlagen, Videorekorder und TV-Geräte, auf denen bis weit in die 90er seltsame TV-Shows wie "Geh aufs Ganze", die "Mini Playback Show", "Familien-Duell", "Traumhochzeit" und "Der Preis ist heiß" liefen. Wer interessierte sich da schon für "Öko-Strom"?

Das größte Problem der Passwörter: Es gab keinen Standard, an den sich der Hersteller halten konnten. The Guardian Legend - eine fabulöse Mischung aus Vertikal-Shooter, Top-Down-Shooter und einer Prise Metroidvania / Zelda - nutzte für seine Passwörter zum Beispiel Buchstaben und Zahlen, welche es in wohl keiner Sprache dieser Welt gibt. Praktisch auf jedem zweiten Buchstaben machten es sich diverse Punkte oder Striche bequem, hinzukamen Sonderzeichen und Zahlen. Der wahre Hammer aber war die Länge der Passwörter: 32 Zeichen musstet Ihr eingeben, um euren Spielstand zu sichern!

Passwort Heft (4) (image/jpeg)  

Letzteres ging derweil nicht "einfach" per T9-Tastatur, Touch-Screen oder Siri, sondern erfolgte in harter Schwerstarbeit über ein Digitalkreuz und zwei Knöpfe: A und B. Kein Wunder, dass man sich da gleich zweimal überlegte, ob man die nächste halbe Stunde zum Passwort-Tippen für The Guardian Legend, oder mit einer "einfachen" Runde Super Mario Bros. verbringen sollte.

Hier mal ein Ausschnitt aus dem "Oldie", damit Ihr Euch überhaupt etwas drunter vorstellen könnt. Tipp: Ungeduldige Naturen spulen bis Minute 3:50 vor, um die "andere Seite" des Spiels zu sehen.

Entwickelt wurde The Guardian Legend übrigens von Compile, dem damaligen Garant für fantastische Shooter. Während Irem den Vertrieb in Japan übernahm, kümmerte sich hierzulande Nintendo selbst darum den mutigen Genre-Zwitter per Qualitätssiegel an die Fans zu bringen.

Compile selbst entwickelte später eines der bis heute von vielen Fans am meisten geschätzten Shoot'em up Highlights (und absoluten Geheimtipps) der Prä-32-Bit Ära: Super Aleste (in Nord-Amerika: Space Megaforce)!

Aber ich drifte schon wieder ab! Hier soll es primär um Passwörter gehen... und nicht die coolen Spiele, die dahinter stehen. Obwohl das Blättern durch meine Passwort-Hefte einen ganz Schwall an Kindheitserinnerungen nach oben befördert. Simons Quest. Kickle Cubicle. Gremlins II. Solar Jetman. Captain Planet. Battle of Olympus. Warhawk. Earthworm Jim 2. Mortal Kombat. Herrlich!

Passwort Heft (7) (image/jpeg)

Passwort Heft (11) (image/jpeg)

Passwort Heft (12) (image/jpeg)

Ein weiteres Problem der Passwörter war ihre Wiedergabe im Spiel: Meist musstet Ihr erst sterben, bevor überhaupt ein Passwort angezeigt wurde. Was damals durch externe Anleitungen gelöst wurde (ja, damals lagen den Spielen noch auf Papier geschriebene Anleitungen bei!), gerät heute immer mehr in Vergessenheit.

Dadurch sind insbesondere Retro-Zocker häufig aufgeschmissen, beispielsweise beim Klassiker Metroid (NES): Erst nach dem Tod wird euch die 24-stellige Kombination angezeigt, wobei viele Spieler vorher verwirrt und mit pochenden Herzen die Gänge von Zebes entlanghüpfen und verzweifelt nach einer Speicher-Station suchen.

In "The Guardian Legend" dagegen gab es tatsächlich Speicherräume, in denen euch das Passwort auch ohne Ableben angezeigt wurde.

Passwort Heft (6) (image/jpeg)

Passwort Heft (13) (image/jpeg)

Beim Durchblättern der vielen, vielen Seiten ist mir auch der NES-Klassiker World Cup vor die Augen gesprungen: Ein fabulöses Fußball-Gebolze mit dem wohl heftigsten Sprite-Flackern der Retro-Welt. Teils flackerte die Grafik der Spieler so stark, dass diese für Sekunden schlicht unsichtbar über das Spielfeld rannten. Wettgemacht wurde dieser Umstand durch die genialen Special-Moves, mit denen Ihr den Fußball sogar als Feuerkugel im Tor versenken konntet.

Aber warum zum Geier setzt ein Fußballspiel auf Passwörter? Ganz einfach! Die verschiedenen Cups konnten nach Bestehen "abgespeichert" werden: So konntet Ihr euren Fortschritt bis zum 9. Match, den Viertelfinale, dem Halbfinale und dem großen Finale mit einer extrem entspannten Zahlenkombination festhalten.

Ebenfalls nett zu wissen: Die Mega Man Serie setzte auf kleinere Quadratfelder, welche Ihr mit roten und blauen Kugeln markieren konntet. Dementsprechend leicht festzuhalten waren die Passwörter: B1 Blau, C4 Blau, A2 Rot,... und so weiter. Soweit ich weiß setzte die Serie von Anfang bis Ende auf dieses System - also bis zum ersten Mega Man mit Speicherfunktion (Mega Man 8 erschien 1997 für PlayStation und Sega Saturn in Europa).

Passwort Heft (1) (image/jpeg)

Wer jetzt denkt mit PlayStation und Saturn habe es sich "ausgepasswortet", der irrt: Selbst bis weit hinein in die 32-Bit-Ära waren Passwörter noch immer vertreten, wurden aber immer öfters durch Cheat-Codes ergänzt, bzw. vollkommen ersetzt. Selbst das erste Warhawk für die PlayStation - ein bis heute famoses Flug-Geballer von den Twisted Metal Entwicklern SingleTrac - setzte noch auf die Kombination der PlayStation-Zeichen, um die verschiedenen Level freizuschalten.

Mit der wachsenden Verbreitung der Memory Cards und den internen Speichermöglichkeiten der Konsolen, verabschiedete sich das klassische Passwort langsam aber sicher vom Bildschirm: Anstelle dessen boten euch immer mehr Spiele die Möglichkeit unter einer seperaten "Cheat-Option" bestimmte Zahlenkombinationen auszuprobieren, um damit "Unendlich Leben", "Höhere Sprünge", oder den legendären "Big Head"-Modus freizuschalten.

Die Modi mit Spielfiguren und deren abnormal großen Köpfen sind heutzutage nichts besonderes mehr, tauchten damals aber erstmals 1994 im Basketball-Klassiker NBA Jam (in der Tournament Edition) auf, um später von der Tony Hawk Serie perfektioniert zu werden. Ehrwürdige Erwähnungen gehen an GoldenEye (Nintendo 64) und beide "Rainbox Six: Vegas"-Teile - letztere zeigen, dass der Modus durchaus auch nach 2005 noch "angesagt" war.

Passwort Heft (5) (image/jpeg)

Heute haben wir die Schreckensherrschaft von Passwörtern aus der frühen Konsolentage längst überstanden: Aktuelle Spiele speichern den Spielfortschritt nicht mehr "nur" lokal auf eurer Konsole daheim, sondern gleich in der ominösen "Cloud".

Eine Technik, der wir alle noch immer zwiegespalten gegenüberstehen, doch der praktische Nutzen ist hoch: Während ich hier auf der Arbeit eine Runde Forza Motorsport 6 einlege, kann ich den Titel auf meiner Xbox One daheim an genau derselben Stelle fortsetzen - zumindest wenn die nervige Synchronisation abgeschlossen ist.

Und die benötigt meist länger, als ich für viele Passwörter damals vor der Konsole gesessen hätte. Fortschritt ist halt nicht immer Fortschritt, sondern manchmal nur munteres auf der Stelle hüpfen im neuen Takt. Luxusprobleme! 

Passwörter hingegen haben ihren Schrecken nur teilweise verloren, denn sie sind auch heute noch aktiv. Tatsächlich würde ich fast soweit gehen zu sagen: Passwörter sind aktiver, denn je! Und das nicht nur in Verbindung mit Videospielen, sondern mit so ziemlich allen Knotenpunkten unseres Alltags: Facebook? Passwort! Google? Passwort! Steam? Passwort! Battle.net? Passwort! Bestätigungsemail, falls an einem fremden PC angemeldet? Immer her damit!

Die Zahlen- und Buchstabensuppe schwirrt uns allen also noch immer vor dem Kopf, nur an einem anderen Ort. Zwischen TANs, Online-Rollenspielen, unzähligen Social-Media-Accounts, Netflix und Amazon existiert das Passwort also noch immer als zentrales Element unseres Lebens. 

In Sachen Sicherheit mag mein aktuelles, auf Papier festgehaltenes Passwort-Heft eine ziemlich dumme Idee sein - aber es wurde mir halt so anerzogen. Und wer verzichtet schon gerne auf alte Gewohnheiten?

Mehr Waffen, mehr Level, mehr Helden: "Endboss Content": Können Videospiele zu umfangreich sein? Mehr Waffen, mehr Level, mehr Helden "Endboss Content": Können Videospiele zu umfangreich sein? Zum Artikel »

Fallout 4, Star Wars Battlefront und weitere Highlights: Top 10 der meist erwarteten Spiele 2015 Fallout 4, Star Wars Battlefront und weitere Highlights Top 10 der meist erwarteten Spiele 2015 Zum Artikel » Tokyo Game Lovers In A Dangerous Disney-Spacetime: Daniel's Daddel-Wort im September 2015 Tokyo Game Lovers In A Dangerous Disney-Spacetime Daniel's Daddel-Wort im September 2015 Zum Artikel » Im Koop durch den Kosmos: "Lovers in a dangerous Spacetime" im Test für PC und Xbox One Im Koop durch den Kosmos "Lovers in a dangerous Spacetime" im Test für PC und Xbox One Zum Artikel »