TONIGHT.de-Daddler Daniel Hecht

Gamescom 2015 - Mein Leben auf dem digitalen Spielplatz

TONIGHT.de-Daddler Daniel Hecht : Gamescom 2015 - Mein Leben auf dem digitalen Spielplatz TONIGHT.de-Daddler Daniel Hecht : Gamescom 2015 - Mein Leben auf dem digitalen Spielplatz Foto: Daniel Hecht

Die versammelte Welt der Videospiele ruft nach Köln und auch in diesem Jahr werden über 330.000 Spieler dem Ruf in die Messehallen am Rhein folgen. Unser TONIGHT.de-Kollege Daniel Hecht ist einer von ihnen.

Es ist wieder die Zeit des Jahres in der meine Finger vor freudiger Spannung kribbeln. Und das liegt nicht daran, dass sie vom zahlreichen, Diabetes-bedingten Fingerkuppel-Piksen und über 25 Jahren am Joypad hervorragend durchblutet sind. Die Begeisterung für das Medium geht weit zurück bis ins Jahr 1986; dem Jahr, in dem Nintendo seine – liebevoll als "Brotkasten" titulierte – Konsolen-Premiere in Form des "Nintendo Entertainment Systems" in Europa feierte.

Mein erstes Spiel: Ice Climber. Zwei kleine Eskimos mit den Namen Nana und (kein Witz!) Popo erklimmen Eisberge und prügeln mit ihren Pixel-Hämmern auf Yetis und Eisbären mit Sonnenbrillen. Was heutzutage als fabelhafter Indie-Spaß gefeiert werden würde, setzte damals den Grundstein für meine Begeisterung von Videospielen. Und sie hält bis heute an.

Auf dem NES lernten nicht nur Mario und Co. das Hüpfen, eine ganze Generation von Spielern verfiel mit mir dem neuen Medium. Mit Atari's Pong wurde die Welt auf das neue Medium aufmerksam gemacht, mit Nintendo und Sega begann der große Aufschwung.

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Kultur wird anfänglich gespielt

Bis es Videospiele jedoch zu dem Ansehen gebracht haben, welches sie heute genießen, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit: Während meiner einer noch Prinzessinnen rettete und mit großen Augen auf die ersten „bösen“ Spiele wie "Doom" blickte, wurde der öffentliche Diskurs um das Medium in Deutschland pädagogisch geprägt. Selbst der um die Jahrtausendwende aufziehende, wissenschaftliche Diskurs wurde stets von eben diesen Stimmen definiert, die um das Wohlergehen einer ganzen Generation junger Daddler besorgt gewesen sind.

Viele werden bereits jetzt die Augenbrauen hochziehen: Wissenschaftlicher Diskurs? Wir reden hier noch über Videospiele, oder? Es ist fürwahr nicht einfach die Menschen davon zu überzeugen, dass Videospiele eben mehr sind, als "nur" bunte Bilder auf dem Bildschirm. Noch viel schwieriger ist es, wenn man dieser Aufgabe als zwölfjähriger Pummel-Nerd gegenüber seinen werten Eltern nachkommen muss.

Ebenso wie in Filmen und in Büchern transportiert das Medium in seinen unzähligen Zeilen von Code eben nicht nur Bilder und Spielmechaniken, sondern Überzeugungssysteme, kulturelle Zitate und immer komplexere Handlungen. Ebenso wie in Kino-Filmen und Büchern finden sich in den Spielwelten Tragödien, Satiren und Komödien. Schon Johan Huizinga hielt in seinem prägenden Werk "Homo Ludens'" ("Der spielende Mensch") fest: "Kultur wird anfänglich gespielt". 

Videospiele, sowie die Geschichten, die sie uns erzählen, sind immer in Bewegung. Wir selbst können nicht nur eingreifen, wir sollen eingreifen. Bücher hingegen sind gegeben, sie werden nicht, sondern wurden bereits realisiert. Niemand von uns kann das Schicksal von Macbeth verhindern, ebenso wenig wie die Leiden des jungen Werthers, wohl aber die Entführung von Prinzessin Peach durch Bowser. Noch besser: Spieler schreiben in Titeln wie Minecraft ihre eigenen Geschichten, oder freuen sich über multiple Enden im vorgetäuschten Korsett der "Entscheidungsfreiheit".

Wer auf der Gamescom unterwegs ist, vergisst diesen komplexen Hintergrund des Mediums sehr schnell, wenn er von Tausenden Jugendlichen umringt ist, die möglichst schnell eine Runde FIFA 16 zocken wollen. Und es ist auch gar nicht nötig, diesen Hintergrund zu kennen, um wirklich Spaß am Spiel zu haben. Dennoch – und daraus werde ich wohl nie erwachsen – fühle ich mich stetig verpflichtet mein Hobby und meinen Beruf als das zu verteidigen, was wirklich dahintersteckt: Gespielte Kulturgeschichte.

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Treffen der Generationen

Auf der Gamescom in Köln werden Spiele so zelebriert, wie kaum an einem anderen Ort: Die Nerds von damals sind längst selbst groß geworden, viele haben mittlerweile Kinder, ich selbst wurde kürzlich Vater. Mehrere Generationen nach mir sind bereits mit Videospielen groß geworden, sei es über das Super Nintendo, die PlayStation, die Dreamcast oder die Xbox. Es ist ein großes Treffen von Gleichgesinnten, ein monumentales Symposium mehrerer Generationen von Spielern. Man versteht sich nicht nur, weil man spielt, sondern weil Videospiele unseren Horizont erweitert haben: Videospieler gehen offener mit Problemen um, als viele Nichtspieler.

Spieler schreiben ihre eigenen Geschichten oder freuen sich über verschiedene Enden in den Titeln, die an mehreren Stellen die Wahl lassen, wie man vorgeht und welche Entscheidung man trifft. Und wenn man scheitert, gibt man nicht auf. Man versucht es erneut und immer wieder, bis man es geschafft hat die digitalen Hürden zu überwinden.  Ein "Game Over" wird nicht akzeptiert, "Continue!" lautet die Devise. Das prägt – auch im realen Leben. Wer spielt, sieht die Welt mit anderen Augen: Er probiert sich aus und misst sich.  

Es sind so viele unterschiedliche Facetten einer neuen Kultur- und Medienform, dass selbst ich mit den Worten ringen muss: Cosplayer, die stolz kostümiert als ihr Lieblings-Held über die Messe laufen und teilweise mehrere Jahre an einem Kostüm arbeiten. E-Sport-Teams, die sich zum großen Schlagabtausch auf der Gamescom treffen, oder einfach nur einige Autogrammkarten unterzeichnen wollen. Populäre YouTuber, berühmte Spiele-Entwickler, Videospiel-Sammler und Retro-Gamer, die auf dem stetig wachsenden Retro-Stand in Halle 10 die komplette Geschichte des Mediums nachvollziehen und selbst anspielen können. Selbst die "Sportler-Jungs", die für ihre "Playsi" eigentlich nur ein einziges Spiel benötigen (FIFA!), werden von der Gamescom magisch angezogen.

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Der Drang zu Spielen liegt in unser aller Wesen verankert: Seien es Kreuzworträtsel oder das Abzählen von Pflastersteinen, Bürostuhl-Rennen oder Videospiele, die Gamescom bedient einen tief sitzenden Urinstinkt. Das Tolle daran: Während die heiligen Hallen der von Videospiel-Premieren beherrschten "Electronic Entertainment Expo" (alias "E3") in Los Angeles dem Fachpublikum vorbehalten bleiben, öffnet die Gamescom ihre Pforten in Köln für Jeden: Seit Jahren werden die großen Spiele zuerst auf der E3 angekündigt, um dann in Köln direkt an die Spieler weitergereicht zu werden.

Mangelnder Mut zu Innovation

In Sachen großer Neuankündigungen sieht es 2015 jedoch mau aus: Die großen Konsolen-Hersteller und Publisher, insbesondere Microsoft, Sony und Nintendo, als auch die millionenschweren und mit unzähligen Studios um den Globus vertretenen Dritthersteller wie EA und Ubisoft, haben das meiste Pulver in Los Angeles bereits verschossen. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass Sony erstmals keine eigene Pressekonferenz vor dem Start der Gamescom am 5. August abhält.

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Bleibt mehr Platz für Microsoft, die bereits am 4. August ein Xbox-Event innerhalb der Kölner Altstadt abhalten und für die Pressekonferenz tatsächlich mit neuem Material auftrumpfen wollen. Für den Konzern steht wortwörtlich viel auf dem Spiel: Insbesondere in Deutschland ist die Xbox One als Konkurrenzkonsole zur PlayStation 4 praktisch kaum relevant, einzig in England und den USA können sich die Verkäufe der Konsole blicken lassen. Ob Exklusivtitel wie "Crackdown" und "Quantum Break", sowie die zeitliche Exklusivität des neuen "Rise of the Tomb Raider" an den Zahlen rütteln können, muss die Zukunft zeigen.

Zur Info: "Rise of the Tomb Raider", das neue Spiel rund um Lara Croft, erscheint am 10. November exklusiv für Xbox One. Die PC-Umsetzung folgt Anfang 2016, PlayStation-Spieler müssen sich bis Ende 2016 gedulden.

Ebenfalls am straucheln ist Nintendo: Der Traditionshersteller hatte kürzlich mit einem schweren, personalen Schlag zu kämpfen, als Firmen-CEO und Präsident Satoru Iwata überraschend im Alter von 55 Jahren an einem Krebsleiden verstarb. Iwata war seit 2002 das Oberhaupt von Nintendo. Unter seiner Führung erzielte die Firma einige der größten Erfolge der Firmengeschichte, darunter die Erfolskonsolen Wii und der Nintendo 3DS.

Die Ende 2012 veröffentlichte Nachfolgekonsole und aktuelles Zugpferd "Wii U" hingegen kämpft mit der mangelhaften Unterstützung der Dritthersteller: Während einige der größten Exklusiv-Titel der letzten Jahre für die Wii U erhältlich sind, ist es letztendlich der mangelnde Spiele-Nachschub und die eigentümliche Vermarktung, die die Konsole auch in Deutschland vor das Aus stellen. Viele Titel hat Nintendo für 2015 nicht mehr in Petto, kleine Hoffnungsschimmer am Horizont sind das Baukasten-Jump’n’run "Super Mario Maker", sowie die Weltraum-Action "Star Fox Zero".

Blizzard trumpft gewaltig auf: Auf der Gamescom wollen die populären Entwickler nicht nur das nächste Add-on zu "World of Warcraft" vorstellen - eine Gamescom-Premiere - sondern haben mit Heroes of the Storm, Hearthstone, Diablo 3 und Starcraft II: Legacy of the Void einen ganzen Haufen von Publikumslieblingen am Start. Beinahe ebenso interessant: 2K Games feiert auf der Gamescom die Premiere vom Open-World-Spiel "Mafia III".

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Negativer Trend und bei aller Liebe zum Medium kaum mehr auszuhalten: Die Entwickler und Publisher laufen immer weiter Gefahr in konservative Gefilde abzudriften. Fortsetzungen und sogenannte "Remakes" und "Remasters" beherrschen 2015 einen Großteil der Gamescom-Hallen: Von "Uncharted 4" über "FIFA 16" (übrigens nicht der 16. Teil, sondern bereits Nummer 23) bis zu "Final Fantasy XV", die Zahlen hinter den Titeln wachsen jährlich. Audiovisuell ein Hochgenuss und entsprechend einfach zu vermarkten, zeigen sich in Sachen Spielmechanik immer größere Abnutzungserscheinungen.

Selbst die in den letzten Jahre als Heilsbringer der Branche angesehene Indie-Szene, also kleine, unabhängige Entwicklerteams, nicht selten 2 bis 10 Mann groß, kann mit ihrem eigenen Aufschwung kaum mehr mithalten und setzt immer wieder auf bereits bekannte Mechaniken und kommerzielle Konzepte. Dabei wachsen eingefleischten Daddel-Fans spätestens beim zwanzigsten "Survival"- oder "Zombie"-Spiel graue Haare.

Willkommen in der virtuellen Realität

Doch auch frischer Wind weht durch die Branche und die Hallen der Gamescom: Vielerorts wird 2015 bereits als das Jahr der VR vermarktet. Ich dagegen bändige meine Erwartungen: Im besten Fall kann sich die "virtuelle Realität", also die durch eine VR-Brille erzeugte "Rundum-Sicht", als weitere Option der visuellen Wiedergabe auf dem Markt behaupten. Im schlimmsten Fall versandet sie bereits nach wenigen Jahren als weiteres Gimmick der Gadget-Geschichte. Vor 2016 werden die Geräte ohnehin kaum interessant für Endnutzer. Die gezeigten Spiele haben zum Großteil noch Pionier-Charakter und können kaum mit ausgereiften Spielmechaniken, als vielmehr dem "Wunder des Neuartigen" überzeugen.

Der erste Blick durch eine der vielen in Entwicklung befindlichen VR-Brillen ist trotz meines vorsichtigen Optimismus ein wahrer Augenöffner: Ganz egal wie minimalistisch die Grafik dargestellt werden mag, das Gefühl des "Mittendrin Seins" ist überwältigend, außergewöhnlich und extrem eindrucksvoll. Auf der Gamescom können alle Wagemutigen mit viel Glück einen ersten Blick auf diese Zukunft erhaschen: Sowohl die von Oculus VR entwicklete Oculus Rift, als auch das fest mit der PlayStation-Marke verbundene Project Morpheus, sowie die HTC Vive und Microsofts Holo Lens werden sicher in der ein, oder anderen Form auf der Messe in Köln zugegen sein.

Wer nach einem langen Tag auf der Messe noch Lust und Zeit übrig hat, dem sei an dieser Stelle das "Video Games Live"-Konzert ans Herz gelegt: Am Freitag, dem 7. August und am Samstag, dem 8. August um jeweils 20 Uhr, sowie am Sonntag, dem 9. August um 18 Uhr beschließt das, von einem riesigen Orchester untermalte, musikalische Highlight die Gamescom zu den passenden Tönen aus Klassikern wie "The Legend of Zelda" und "World of Warcraft". Karten hierzu können über die Webseite http://www.tickethall.de/kuenstler/video-games-live bestellt werden.

Alle Infos zum musikalischen Highlight in Köln: Gamescom 2015: Video Games Live Konzert Alle Infos zum musikalischen Highlight in Köln Gamescom 2015: Video Games Live Konzert Zum Artikel »