Rundgang auf der Spiel 2014 in Essen

Bretter vorm Kopf

Rundgang auf der Spiel 2014 in Essen: Bretter vorm Kopf Rundgang auf der Spiel 2014 in Essen: Bretter vorm Kopf Foto: Daniel Hecht

Ob die Spielemesse in Essen nun wirklich die größte ihrer Art weltweit ist, darüber lässt sich debattieren. Mit einer Fläche von 58.000 Quadratmetern und einer Besucherzahl von rund 150.000 begeisterten Spielern jeden Alters verblassen jedoch alle PR-Zahlen schnell, wenn man einmal selbst in den Sog der bunten Welten innerhalb der dichtgedrängten Gänge gerät.

Auch dieses Jahr war ich wieder mit dabei und habe mich nicht nur durch die Gänge gedrückt, sondern konnte auch den ein, oder anderen Titel vor Ort anspielen. Letzteres ist überhaupt der Clou der Spielemesse in Essen: Beinahe jedes Spiel lässt sich nicht nur anspielen, sondern wird Euch auch anhand einiger netter Standbetreuer erklärt. Das heißt im besten Fall: Ihr könnt den Titel daheim gleich selbst spielen, ohne Euch durch das Regelwerk wälzen zu müssen. Ein Luxus, den viele Spielefans über die letzten Jahre zu schätzen gelernt haben.

Spielemesse 2014 in Essen | Rundgang auf der Spiel '14 Bretter vorm Kopf 16 Fotos

Die Eintrittspreise der Messe sind mit ca. 10 Euro weiterhin recht human, täuschen aber nicht über den Fakt hinweg, dass die Messe kommerziell geprägt ist: Gleich zu Beginn der Hallen erwarten Euch riesige Shops, welche ihre Ware meterhoch in Regalen stapeln und auf Tischen auslegen. Die Spiel '14 ist in ihrer viertägigen Öffnungszeit so etwas wie der größte Spielzeugladen in Deutschland, ein Paradies für Schnäppchen-Suchende, Stöberer und Shopping-Nerds. Dabei werden nicht „nur“ Spiele aller Form und Farbe verkauft, auch Rollenspieler, Comic- und Anime-Fans kommen auf ihre Kosten.

Eine Kleinigkeit überrascht in diesem Jahr: Große Preisunterschiede zwischen den Händlern sind (fast!) nicht mehr existent. Während man bei Hanabi (Spiel des Jahres 2013) vor einem Jahr noch um Cent-Beiträge stritt und das Kartenspiel mit einer UVP von 7,99 Euro auf der Messe für 5 bis 7 Euro feilgeboten wurde, kommt das „neue“ Spiel des Jahres 2014 namens Camel Up innerhalb der Messe jetzt durchgängig auf 18 Euro.

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Die Preisempfehlung von 24,99 Euro würde durchaus eine größere Rabatt-Spanne ermöglichen, doch der Messepreis bleibt von Stand zu Stand stabil auf den genannten 18 Euro – fast so, als hätte man es im Vornherein so festgelegt. Auch das Kennerspiel des Jahres 2014 (Istanbul) will sich nicht von den veranschlagten 24 Euro lösen. Dennoch bleibt die Ersparnis gegenüber dem Kauf im Einzelhandel teils beachtlich: Von 15 bis 75 Prozent ist so ziemlich jede Reduzierung dabei, die man sich wünschen kann. 

Hinzukommen Lock-Angebote wie beispielsweise bei Heidelberger: Die Resterampe ist "one way only", der Aktionsverkauf liefert Euch einen 25 Euro Gutschein beim Einkauf eines Deals für 50 Euro. Nebenan bietet Kaufhof dicke Prozente auf sein gesamtes Programm, große Online-Händler wie Spiele-Offensive.de überschlagen sich mit Sonderangeboten und Rabatten. Super!

Kurz bevor ich diesen Beitrag hier in die Tasten gehauen habe, wurde ich von vielen Kollegen nach dem größten Trend der Spiel '14 gefragt... und kann noch immer keine vernünftige Antwort darauf geben. Natürlich ist es immer toll, wenn man einen Beitrag wie diesen mit Überschriften wie „Android und iOS erobern den Brettspielmarkt!“, oder „Kinderspiele so erfolgreich wie nie“ betiteln kann, aber in diesem Fall habe ich mich für das passendere „Bretter vorm Kopf“ entschieden: Nie war es so schwierig, einen eindeutigen Trend festzustellen.

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Dies mag auch daran liegen, dass die Welle an wirklichen Neuheiten (offiziell werden 850 Neuheiten gezählt) erstaunlich überschaubar ausfällt: Viele Hersteller setzen auf ihre eingespielten Klassiker, erweitern diese mit zusätzlichen Inhalten (beinahe wie in der Welt der Videospiele!), lassen sie als neue Edition neu auferstehen (Monopoly), oder verpacken ältere Spielmechaniken im neuen Design ("King of Tokyo: New York", "Carcassonne Goldrausch" und "Die Siedler von Catan – Das alte Ägypten").

Kleinere Trends lassen sich durchaus ausmachen: Historische Spiele mit hohem Strategieanteil blitzen an jeder Ecke auf, von Sankt Petersburg, Nations (jetzt auch als Würfelspiel) über „Die Staufer“ bis hin zu Russian Railroads, welches den Deutschen Spielepreis 2014 absahnen durfte. Da die letzten Jahre von einfachen und schnellen Spielen geprägt waren (Qwirkle, Hanabi), überrascht diese Neuausrichtung ein wenig.

Auch die Verzahnung von App und Brettspiel läuft weiter, wenn auch unaufdringlicher als noch in den letzten Jahren: So verbindet das über Pegasus vertriebene Golems Arcana die Welten aus Video- und Brettspiel (alias Tabletop) scheinbar mühelos und kann sich mit den gigantischen und hervorragend gestalteten Figuren durchaus auch in der Realität sehen lassen.

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Womit wir gleich zum nächsten Trend kommen, der eigentlich kaum mehr als „Trend“, als vielmehr als „etablierte Form der Vermarktung“ angesehen werden kann: Die Internetplattform Kickstarter.com verhilft nicht nur Videospielen zum Start, sondern längst auch Brettspielen.

Hier können diverse Projekte vorgestellt werden, stets mit dem Hintergrundgedanken der Finanzspritze seitens der potentiellen Fans: Wer den Entwicklern Geld „spendet“ erhält dafür diverse Goodies, das unterstützte („gebackede“) Produkt natürlich meist mit dazu. Letzteres kommt natürlich nur zum Tragen, wenn es das Produkt überhaupt bis zur Marktreife bringt: Am Beispiel von Golems Arcana zeigt sich aber, dass auch Brettspiele immer öfters über Kickstarter finanziert werden können.

So laufe auch ich gleich mehrfach an diversen Ständen mit großen „Kickstarter“-Stickern vorbei. Schön zu sehen, dass die Branche sich nicht immer an einen großen Publisher binden muss, um erfolgreich zu sein!

Kommen wir endlich zum Brot und Butter der Spielemesse: den Spielen! Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bislang längst nich alles ausprobieren konnte, was eigentlich auf meinem Zettel steht. Aber für einen kleinen Überblick sollte es dann doch ausreichen.

Hier meine Highlights der Spiel '14:

Abyss (Bombyx)

Die extrem coole Verpackung zieht den Blick sofort auf sich und kommt mit fünf unterschiedlichen Designs daher. Am Inhalt ändert sich dabei nichts: In einem fantastischen Reich mitten im Ozean ist es als angehender König Eure Aufgabe so viel Einfluss wie möglich zu erhalten. Dazu „kauft“ Ihr Euch Verbündete und erhaltet durch diese Zugriff auf die mächtigen „Lords“. Erst mit letzteren könnt Ihr Teile des Reichs unter Eure Fuchtel bekommen und Siegpunkte abkassieren. Das beiliegende Material ist extrem stilvoll gestaltet und die beiligenden Perlen als Zahlungsmittel ein sehr cooles Accessoire. Toll!

Aqua Sphere (Pegasus)

Und gleich das nächste Spiel am Grunde des Ozeans: In einer Unterwasser-Forschungsstation verwaltet Ihr den Einsatz von Wissenschaftlern, Mechanikern und Androiden, um so viel wie möglich aus dem Spielfeld zu ziehen. Dabei dürft Ihr auch U-Boote aussenden, oder bunte Kristalle einheimsen. Da müsst Ihr schon vorausschauend planen, um nicht zum Opfer der Oktopoden zu werden. Trotz seines tollen Designs fristet der Titel im Programm von Pegasus leider aktuell ein Nischendasein zwischen den „Hits“ Camel up und Istanbul.

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Zombie 15 (iello)

Endlich ist die kultige Zombiehatz auch auf Deutsch erhältlich und versüßt Euch den Tag mit dem coolen Wettrennen gegen die Zeit. Das kooperative Spiel für 2 bis 4 Spieler bietet neben diversen Szenarios auch einen beiliegenden Soundtrack, der Euch die stets fünfzehn Minuten andauernden Kämpfe gegen die Untoten noch besser erleben lässt.

Flash Point Erweiterungen (Heidelberger)

Das kooperative Feuerwehrspiel wird mit zwei neuen Karten und zusätzlichen Regeln ergänzt. Pflichtprogramm für Fans von Grisu!

Las Vegas Boulevard (Ravensburger)

Das famose Würfelspiel hat innerhalb meines Spielekreises bereits für sehr viel Aufsehen gesorgt: Die Regeln sind schnell erlernt und danach steht dem wilden Würfeln rund um die Casinos in Las Vegas nichts mehr im Weg. Die Erweiterung „Bouldevard“ kommt mit zusätzlichen Würfeln für bis zu 8 Spieler, neuen Regelvarianten, sowie einem siebten Casino daher. Pflichtprogramm für alle Würfelfans.

Natürlich könnte die Liste ewig so weitergehen, weswegen ich hier nochmal meine persönliche „Einkaufsliste“ reinkopiere ;-)

Istanbul (Pegasus) – Kennerspiel des Jahres 2014.
Camel up (Pegasus) – Spiel des Jahres 2014. Kamelwettrennen im arabischen Setting.

Five Tribes (Days of Wonder) – Anstelle Eure Arbeiter zu setzen, bewegt Ihr sie hier durch Dörfer, über Märkte bis hin zu Oasen. Arabisches Setting.
Escape: Zombie City (Queen Games) – Lustiger Nachkömmling von „Escape“: Zombie-Setting.
Patchwork (Lookout Games) – Stricken für Profis.
Funkenschlag Deluxe (2F Spiele) – Hochkomplexes Strategiespiel im modernen Setting.
Mangrovia (Zoch Verlag) – Einfaches Familienspiel im karibischen Setting.

Templar (Queen Games) – Lustige „Versteck-Hatz“ durch ein Kloster.
X-Wing (Heidelberger) – Kultiges Tabletop mit einfachen Regeln und zig cool gestalteten Raumschiffen im Star Wars Setting.
Die Siedler – Das alte Ägypten (Kosmos) – Neuauflage des Klassikers mit ägyptischer Kulisse.
Smash Up (Pegasus) – Lustiges Kartenspiel mit einer extrem schrillen „Rassen“-Wahl. Comic-Setting.
Maus und Mystik (Heidelberger) – Katze gegen Maus mal anders.

Die Spielemesse in Essen ist noch bis einschließlich Sonntag (19. Oktober) geöffnet. Schaut mal vorbei!

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