Kraftwerk-Konzert in Wolfsburg

Die Mensch-Maschine hat Heimweh

Kraftwerk-Konzert in Wolfsburg: Die Mensch-Maschine hat Heimweh Kraftwerk-Konzert in Wolfsburg: Die Mensch-Maschine hat Heimweh Foto: AFP
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Die Düsseldorfer Band Kraftwerk gab am Wochenende drei Konzerte in einem stillgelegten Heizkraftwerk in Wolfsburg. Bei dem ersten Auftritt in Deutschland nach dem Rückzug Florian Schneiders fiel ein Keyboard aus. Seither weiß man: Auch eine "Mensch-Maschine" hat Gefühle.

Dass dieses Konzert ein faszinierendes Erlebnis wurde, gegenwartsverliebt und unerwartet technoid, war nur zu kleinen Teilen dem Ort zu verdanken. Obwohl er sensationell ist. Die Bühne lag unter 5000 Tonnen Stahl im alten Heizkraftwerk von VW, einer Kathedrale aus massiven Trägern und roten Backsteinen. Die vier mächtigen Schornsteine bliesen seit der Inbetriebnahme durch Ferdinand Porsche vor 70 Jahren in die Luft, was von der Kohle übrig blieb, die über den Mittellandkanal herangeschafft wurde. Ein Monument des alten Westdeutschlands, romantisch in seiner damaligen Fortschrittshoffnung, die man allenthalben spürt in der kalten Halle, auf den eisernen Treppen und zwischen den Ketten, von deren Gliedern es über zwanzig Meter hallend in dunkel glänzende Becken tropft.

Hier nun spielte die deutscheste aller Bands auf Einladung von VW drei Konzerte an zwei Tagen: Kraftwerk aus Düsseldorf, eben zurückgekehrt von einer Südamerika-Tournee mit der britischen Band Radiohead. Sie begann wie gewohnt mit dem Stück "Mensch-Maschine", ihr programmiertes Manifest, erstklassig der Sound, wuchtig die Bässe, kristallin der digitale Dreiklang "Maschine, Maschine, Maschine". Aber nachdem man sich die Gänsehaut des Beginnens von den Armen gestreift hatte, die Monumentalität der Leinwand mit ihren Projektionen aus Radsport, Großstadt und PS-Wollust Gewohnheit geworden war, legte sich Lethargie auf das Empfinden. Die Sehnsucht nach Großartigkeit war zu schnell gestillt worden. Nun wurde es gemütlich in der Avantgarde, und man hörte auf zu hoffen. Bis das Unglaubliche geschah.

Nach den ersten Takten von "Computerliebe" - ­ ausgerechnet dieses Stück! ­ - brach die Musik ab, die Projektion gefror. "Das Keyboard hat seinen Geist aufgegeben", sagte der Perfektionist Ralf Hütter, aber gar nicht zerknirscht oder nervös ob des größten anzunehmenen Unfalls oder der Tatsache, dass sein Keyboard offenbar spirituelle Abgründe kennt, sondern gelassen. Und als es einfach nicht wieder anspringen wollte, fuhr er fort, mit ruhiger Stimme: "Das viele Reisen. Vielleicht hat es Heimweh." Es senkte sich der Vorhang. Und man saß da und dachte an E.T.A. Hoffmann und die Automatenfrau Olympia, die immer nur "Ach, ach" sagte, wenn Nathanael um sie warb, und man fand es gar nicht schlimm, sondern irgendwie schön, eine neue Definition der "Mensch-Maschine", ganz eigenartig, erhellend gar.

Es wurde zuletzt viel geschrieben über Kraftwerk. Im 39. Jahr des Bestehens ist Florian Schneider ausgestiegen, einer der beiden Begründer. Die Liste der Verdienste ist lang, die populäre Musik verdankt ihren Klang zu großen Teilen diesen Musikern, die als solche gar nicht in Erscheinung treten mögen, sondern das Konzept über alles stellen, das der "Mensch-Maschine". Viel wurde gestritten, ob das überhaupt noch Sinn macht, Kraftwerk als Ein-Mann-Unternehmen von Ralf Hütter, der die drei freien Plätze auf der Bühne mit verdienten, aber austauschbaren Angestellten in schwarzen Kampfanzügen auffüllt. Man diskutierte bis Konzertbeginn, der Mittdreißiger aus England etwa, der eine der rasch vergriffenen 3600 Karten im Internet ergattern konnte und dieses Live-Erlebnis mit einem Wochenende in Berlin verband. Auf dem Weg über die wacklige Pontonbrücke zwischen polierter Autostadt und schroffem Werksgelände sagte er, es werde wohl nicht mehr als ein gediegenes Best-of-Programm alter Helden. Zwei Stunden später freute er sich über seinen Irrtum.

Denn rasch hob sich der Vorhang wieder, und es begann ein überwältigender zweiter Teil. "Expo 2000" wurde im Remix des Detroiter DJ Rolando aufgeführt, bretthart und industriell. "Trans Europa Express" war in seiner wuchtigen Monotonie erhebend, und man begriff, warum dieses Stück so viele Künstler bis heute inspiriert. "Musique non stop" rollte von giftigen Beats getrieben durch das Publikum. Da saßen Kunstfreunde in weißen Hemden und schwarzen Jacken, vorne standen von der berühmten Kraftwerk-LP-Hülle inspirierte Japanerinnen in roten Blusen mit schwarzen Krawatten und Männer, die ihre Depeche-Mode-T-Shirts in die Hosen gesteckt hatten. Später teilten Hostessen 3D-Brillen aus. Bei "Radioaktivität" - wie beinahe alle Stücke für die Clubkultur der Gegenwart adaptiert ­- schoss ein Sendemast Strahlung in Wellen-Kaskaden auf die schreienden Zuschauer, zu "Vitamin" sprudelte eine Brausetablette Bläschen, die bis nahe an die Augen tanzten. Es war mehr als eine Revue, es war eine Neu-Deutung des Ursprungsmythos der elektroakustischen Robotik.

Der Gedanke, der hinter dem Sound von Kraftwerk steht, das ist die Erkenntnis aus diesen erhebenden Konzerten, hat sich von ihren Schöpfern gelöst. Er büßte nicht an Relevanz ein, das Konzept ist stärker als ein Bandgefüge. Es ist autonom. Beim Verlassen der Industrie-Kathedrale hörte man die visionären Zeilen aus "Musique nonstop": "Es wird immer weitergehen / Musik als Träger von Ideen."

Quelle: rpo