Zukunftsmusik

„Kraftwerk“ - die Roboter

Zukunftsmusik: „Kraftwerk“ - die Roboter Zukunftsmusik: „Kraftwerk“ - die Roboter Foto: AFP
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Düsseldorf (RP). Vor 30 Jahren erschien „Trans Europa Express“, das Meisterstück der Gruppe Kraftwerk. Die Platte machte die Düsseldorfer zur einflussreichsten deutschen Band. Noch heute klingt sie zeitgemäß.

Die Zukunft begann vor 30 Jahren, leider haben das damals nur wenige kapiert. Punk wütete und übertönte alles. Und als sich seine Protagonisten nicht mal ein Jahr später den Lebenssaft aus den Leibern gerotzt hatten, kam endlich eine Platte zu ihrem Recht, die für das Gegenteil von Punk steht: für Präzision, Disziplin, Distanziertheit und Effizienz - vorwärts durch die Zeit statt „No Future“. Seit ihrem Geburtstag im Jahr 1977 hält ihr Einfluss an: Das ist „Trans Europa Express“ von Kraftwerk.

Kraftwerk ist ja genau genommen keine Band, Ralf Hütter und Florian Schneider, die beiden Verbliebenen aus der Urbesetzung, treten mit ihren wechselnden Partnern auf wie eine Geheimorganisation, ein Denkerbund des Technoiden, wie Wissenschaftler, Oszillosophen gewissermaßen. Das Labor der klassisch ausgebildeten Musiker ist das Kling Klang Studio nahe dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Dort fuhr in den 70ern der TEE durch, der „Rheingold-Express“ von Amsterdam in die Schweiz. Er faszinierte die zwei, er war Industrialisierung, Metropolis.

Ur-Erzählung der elektronischen Musik

Den Klang des Bahnfahrens, das regelmäßige Tscht, Tscht, Tscht stellten Kraftwerk mit Synthesizer, Drum Machine und Sequenzer nach. Der Sound von Hi-Hats besorgt auf „Trans Europa Express“ den Rhythmus. Dazu kommen wiederkehrende Melodie-Muster, und schließlich sorgen ein paar Sätze, mechanisch gesprochen, für Eingängigkeit und zusätzliche Rhythmik. Dieses Verfahren zog sich durch das komplette Album. Man hörte damals das Vorbild Arthur Honegger durch, der 1923 sein Symphonisches Gedicht „Pacific 231“ veröffentlicht hatte, man hörte den Minimalismus Terry Rileys. Heute aber hört man mehr, den Synthie-Pop von Depeche Mode nämlich, vor allem in dem Stück „Schaufensterpuppen“, man hört Techno, House und HipHop. Mit „Trans Europa Express“ lieferte Kraftwerk die Ur-Erzählung der elektronischen Musik.

Heute ist die Band eine der weltweit am tiefsten verehrten. Es ist rührend zu sehen, wie etwa ein Mitglied der knallharten Detroiter Techno-Berserker „Underground Resistance“ im Interview gesteht, „Kräftwörk“ habe ihm die Welt der Musik erklärt. Kraftwerk beschäftigt sich heute ausschließlich mit der Verwaltungsarbeit, die eben anfällt, wenn man ein Mythos ist. Eigentlich kann man sie nur mit Literaten vergleichen, mit den großen Verweigerern Thomas Pynchon und J.D. Salinger. Die Band gibt keine Interviews, hat angeblich kein Telefon im Studio, Post geht ungeöffnet zurück, Fotosessions nein danke, die Plattenfirma mag auch keine Informationen rausgeben, und genau genommen haben sie seit 20 Jahren nichts Neues produziert. Macht aber nichts: 2003 schickte die englische Zeitung „The Guardian“ einen Reporter nach Düsseldorf, zur Spurensuche. Er fand: nichts - und beendete seinen ellenangen Artikel mit den Worten: „Den Pulitzer-Preis werde ich dafür nicht bekommen.“

In Amerika und England ein Hit

Kraftwerk kam aus dem Krautrock, aus der Improvisation. Nach drei Alben veröffentlichten sie 1974 „Autobahn“; ein Bruch, ein Quantensprung, der aus ambitionierten Musikern die Professoren des Techno machte. Der Titelsong war eine 20-minütige Kfz-Vision, funky und elektronisch mit teutonischem Gesang. Die übrigen Stücke fielen dagegen ab, wirkten unentschlossen. Die Platte kam in Amerika und England in die Top 10, sie tanzten dort darauf; man kannte sowas Synthetisches ja nicht, man kannte an Vergleichbarem nur „Popcorn“ von Hot Butter aus Jahr 1972, aber der Song war eine Eintagsfliege.

David Bowie, hört man, soll ganz begeistert gewesen sein von „Autobahn“ und dem Gehabe der Jungs. Er wollte Kraftwerk als Vorband zu seiner „Station to Station“-Tour 1976, aber Kraftwerk mochte keine Vorband sein. Verrückt? Von heute aus betrachtet: genial! Denn damals begann die Band zu leben, was heute ihren Mythos ausmacht, was ihr Millionen eingebracht haben muss: die völlige Verweigerung und das Bild vom Hybrid aus Mensch und Maschine: „Wir sind die Roboter“ heißt ein berühmtes Stück. Bowie spielte übrigens einfach Kraftwerk-Bänder vor den Gigs.

Kraftwerk veränderten mit ihrem radikalen Konzept die Idee dessen, was eine Rockband sein kann. „Trans Europa Express“ enthielt alles, was Kraftwerk ausmacht. Sie perfektionierten es auf „Die Mensch Maschine“ (’78), „Computerwelt“ (’81) und „Electric Cafè“ (’86). Aber keine Platte war so aus einem Guss und so weit ihrer Zeit voraus. Die Zukunft, die mit „Trans Europa Express“ begann, ist unsere Gegenwart.

Quelle: rpo