RIP E3, Gamescom und TGS 2020

Das Daddelwort zur Corona-Krise

RIP E3, Gamescom und TGS 2020: Das Daddelwort zur Corona-Krise RIP E3, Gamescom und TGS 2020: Das Daddelwort zur Corona-Krise Foto: Shutterstock.com / Daniel Hecht

Unser Gaming Experte Daniel Hecht war bislang auf so ziemlich jeder Gamescom und Games Convention mit dabei - 2020 muss er erstmals ohne großen Messetrubel zurechtkommen. Was der Ausfall der großen Messe seiner Einschätzung nach für die Branche und für jeden Gamer persönlich bedeutet, erklärt er hier.

So ziemlich jeder von uns hat in der Corona-Krise bereits in vielfacher Hinsicht Dinge verloren, die ihm lieb und wichtig sind: Im schlimmsten Fall das Leben eines Bekannten oder gar Verwandten, oder den Job, oder den Mut - Corona beschert vielen Menschen harte Schicksale. Da scheint es fast zynisch über “Hobbys” wie Videospiele zu reden - immerhin ein reines Luxusgut und definitiv nichts was zum aktuell viel zitierten, “systemkritischen Bereich” gehört.

Aber machen wir uns nichts vor: Es gibt sicher auch genügend Menschen da draußen, welche in den letzten Wochen mehr Zeit als zuvor für sich hatten. Noch nie ließ sich die Welt so einfach retten, wie einfach mit dem Hintern daheim auf der Couch zu bleiben und Netflix zu bingen. Wohl dem, der dies ohne Probleme hinbekommt.

Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox One und PC Die besten Videospiele 2020 67 Fotos

Zugegeben: Ohne Videospiele würde mir zur Zeit einiges fehlen. Allen voran weil der Nachwuchs gelernt hat täglich lautstark nach “Maaaiooo!” zu verlangen und ich ihn mit einer pädagogisch (“garantiert extrem”) wertvollen Runde Mario Kart 8 von der schmerzhaften Kita-Abstinenz erlösen kann. Und auch meine bessere Hälfte ist deutlich entspannter drauf, seit sie täglich mehrere Stunden “auf der Insel” verbringt, um mit extrem “strange” gekleideten Tieren über das Wetter, seltene Fossilien und Inneneinrichtung zu quatschen - praktisch eine Mischung aus “Lost”, “Zuhause im Glück” und “Tupperware-Party” auf Crack - “Animal Crossing: New Horizons” ist aktuell DAS Videospiel der Stunde.

Wer nicht in dieser “Gamer-Blase” lebt, kann nur den Kopf schütteln, wenn Menschen wie wir über das Ausbleiben großer Messen wie der E3 oder der Gamescom geschockt sind - um dann meist ebenso laut ins tiefe Internet-Tal den Verlust zünftiger Volksfeste, Festivals und Bollerwagen Sauftouren zu bemäkeln. Jeder verliert auf seine Weise - und gewinnt überraschend an anderer.

Der letzte Sargnagel?

Es steht nicht erst seit Corona schlecht um die “großen” Videospiel-Messen, wie die E3 in Los Angeles (Juni), die Gamescom in Köln (August) und die Tokyo Game Show (September). Allesamt haben über die letzten Jahre immer mehr Federn lassen müssen - vor allem aber scheint sich das Geschäft dahinter für die großen Publisher wie EA und Activision-Blizzard, sowie die Konsolenhersteller Nintendo, Sony und Microsoft kaum mehr zu lohnen. Und auf die dazugehörigen GIFs und Memes können die Verantwortlichen sicher auch verzichten. “Richtig, Drum-Man? Stimmt’s, Konami?”

Um es nochmal in Erinnerung zurückzurufen: Sowohl Nintendo, als auch Sony wären ohnehin nicht auf der E3 2020 im Juni aufgetreten. Und auch die Buchung der Gamescom war alles andere als vollständig abgeschlossen - letztes Jahr beispielsweise sorgte Blizzard mit seiner Absage für einen herben Schlag gegen die Messe und seine Fans, belegt der durch Spiele wie World of Warcraft, Diablo und Overwatch jahrelang in den Schlagzeilen stehende Publisher doch standesgemäß bereits eine halbe Halle für sich.

Halten wir also fest:

  • E3 2020 - 9. bis 11. Juni 2020 in Los Angeles - ABGESAGT
  • Gamescom 2020 - 25. bis 29. August in Köln - ABGESAGT
  • Tokyo Game Show - 24. bis 27. September 2020 in Tokio - ABGESAGT

Des Weiteren fällt übrigens auch die Paris Games Week (23. bis 27. Oktober) dem Coronavirus zum Opfer, ebenso wie die Blizzcon im November. Von großen ESport-Events wie der ESL One Cologne (16. bis 18. Juli) will ich gar nicht erst anfangen. Es ist eine Liste, die sich endlos fortsetzen lässt - und die vielleicht auch zeigt, wo das Problem der gesamten Branche liegt: Übersättigung. Sowohl inhaltlich, als auch in Sachen PR.

Langeweile daheim?: Unsere Tipps für die Corona-Quarantäne Langeweile daheim? Unsere Tipps für die Corona-Quarantäne Zum Artikel »

New Game +

Anstelle das nächste “Continue” mit teuren Credits zu kaufen, wäre ein “New Game +” im neuen Speicherslot keine schlechte Idee: In der Tat wittern viele jetzt die Chance die gesamte Industrie auf den Kopf zu stellen. Und der Sprung ins “Digitale” sollte zumindest für die Games-Industrie kein kalter sein: Kaum ein anderes Medium ist so sehr mit dem Internet verbunden und davon abhängig. Was spricht also dagegen, dass Messen wie die Gamescom auch in Zukunft rein digital abgehalten werden?

Nun… zum einen vielleicht, dass sich selbst die alteingesessene Altvorderen noch immer schwer tun und wirklich kein PR-Schlamassel auslassen wollen. Das man immer wieder “aneckt” hat zuletzt Microsoft mit ihrer Xbox Series X Präsentation bewiesen: Anstelle des versprochenen “Gameplays” wurden jede Menge kleine Schnipsel gezeigt, was viele Zocker insbesondere in Hinsicht auf den heiß erwarteten Assassin’s Creed Valhalla Gameplay Reveal Trailer auf die Barrikaden trieb. Das soll also das sagenumwobene “Next Gen Gameplay” gewesen sein?

Kurzer Einschub: Das Wort “Gameplay” gehört endlich komplett aus der Videospiel verbannt!. Es ist nicht nur redundanter Kauderwelsch und geistig-dünnschissiger PR-Talk, sondern verleitet selbst gestandene Gaming-Journalisten immer wieder zu so großartigen Stilblüten wie “FIFA 20 brilliert durch sein geniales Gameplay!”. Das ist in etwa so gehaltvoll wie “Das ist ein gutes Buch!”, “Das Wetter ist schön!” und “Das neue Killswitch Engage Album rockt hart!”. Urgs.

Microsoft ist nur das letzte Beispiel von vielen: Activision-Blizzard, Ubisoft, EA… die Menge an großen Publishern, welche immer wieder gerne ordentlich daneben langen, ist riesig. Das besagte Fettnäpfchen haben sie alle nicht nur bereits angefasst, sondern gerne auch mal bis zum letzten Tropfen ausgesaugt.

Sollten wir unseren Eindruck von zukünftigen Videospielen also ausgerechnet in die Hände von den Leuten legen, die bereits mehrfach bewiesen haben, dass sie teils keinen blassen Schimmer davon haben, was wir als Gamer wirklich sehen wollen? Da ist es im Zweifelsfall doch wirklich besser, einfach mal selbst Hand anzulegen. Und eben das funktioniert auf einer Spielemesse ganz hervorragend. Ich persönlich jedenfalls kann (und will!) mir keine Welt ohne diese Option vorstellen.

Internationale Spieltage "Spiel '20": Auch die Spielemesse in Essen ist abgesagt Internationale Spieltage "Spiel '20" Auch die Spielemesse in Essen ist abgesagt Zum Artikel »

PlayStation 5 und Xbox Series X - Can’t touch this!

Das größte “Aber” kommt ausgerechnet in diesem “Corona”-Jahr besonders prominent daher: Mit den neuen Konsolen PlayStation 5 und Xbox Series X drängen Ende des Jahres endlich neue Geräte auf den Markt, die eigentlich jeder Gamer vor dem Kauf gerne mal “inspizieren” würde - und wo lässt sich besser “Hand anlegen” als eben auf einer Spielemesse? Insbesondere die Gamescom in Köln als weltgrößte Publikumsmesse für Videospiele hätte hier ihre Bedeutung für die Branche voll ausspielen und weiter zementieren können.

Mit einem Blick auf das aktuelle Datum ziehen sich bei mir übrigens beide Augenbrauen hoch: Sony und Microsoft mögen noch immer am Erscheinungstermin “Ende 2020” festhalten - und dennoch will ich noch immer nicht so recht daran glauben, dass bei uns zum Weihnachtsfest wirklich eine PlayStation 5 und Xbox Series X unter dem Baum liegen wird, während die Corona Krise die gesamte Welt ordentlich durchschüttelt. Immerhin haben wir bis heute noch keine Ahnung davon, wie die PlayStation 5 überhaupt aussehen soll - von ansprechenden Start-Titeln, die ebenfalls Ende des Jahres fertig sein müssen, ganz zu schweigen.

Der Verzicht auf große Spielemessen würde nicht nur das Aus für das zarte Streicheln neuer Controller und Konsolengehäuse bedeuten - ihr müsstet auch auf viele weitere haptische Spielerfahrungen verzichten. Sich in einem Rennspiel-Sessel anschnallen und von drei riesigen Bildschirmen ins Geschehen und ordentlich durchgerüttelt zu werden? Mit der VR-Brille über Laufbänder hüpfen? Bühnenshows, E-Sport, Cosplay-Turniere, Merchandise, Letsplayer-Autogrammstunden? “Nope, can’t touch this!”

Last but not least lechzen selbst die sozialen Einsiedler-Krebse da draußen zumindest einmal im Jahr nach etwas Menschlichkeit und Nähe zu eben jenen, mit denen wir unser liebstes Hobby teilen.

Netflix, Amazon Prime Video, Disney+: Die Streaming-Highlights im Juni 2020 Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ Die Streaming-Highlights im Juni 2020 Zum Artikel »

Digitale Alternativen: Summer Game Fest und eine digitale Gamescom

Die E3 mag zwar abgesagt sein, dennoch klammern sich viele Publisher weiter an den Zeitrahmen, um ihre digitalen Konferenzen über sämtliche Streamingplattformen (Twitch, YouTube, Facebook, Twitter) zu zeigen. Einige früher, andere später als sonst - die Corona-Krise bringt den Zeitplan auch hier durcheinander.

Bislang bekannt sind folgende Termine:

  • Slate of PlayStation, 4. Juni
  • PC Gaming Show, 6. Juni
  • Steam Game Festival, Summer Edition, 9. bis 14. Juni
  • EA Play, Donnerstag, 11. Juni
  • Cyberpunk 2077 Broadcast, 11. Juni
  • Inside Xbox, Juni und Juli (Termine noch unbekannt)
  • Ubisoft Forward, Sonntag, 12. Juli
  • Gamescom Opening Night Live mit Geoff Keighley, 27. August
  • Gamescom Now, 28. bis 30. August
  • Gamescom - Awesome Indies, 29. August
  • Gamescom - Best of Show, 30. August

Das sind doch zumindest einige Events, auf die sich Gamer auch 2020 freuen dürfen! Beinahe alles auf einem Fleck findet ihr übrigens auf der von Kanadier und “Game Awards”-Guru Geoff Keighley ins Leben gerufenen Seite Summer Game Fest.

Das Game Fest ist bereits am 12. Mai gestartet und findet sein Finale in der Fortsetzung der 2019 erstmals abgehaltenen "Gamescom Opening Night Live" - hier tritt Keighley erneut als Moderator an. Die gut zweistündige Show soll die “digitale Gamescom” mit jeder Menge spannender Enthüllungen einläuten - die perfekte Gelegenheit also, um endlich neue Spiele und die heißesten Infos zur nächsten Konsolengeneration vorzustellen.

Was bleibt sind die Spiele

2020 hatte den wohl lahmsten Start aller Zeiten: Ich kann mich an keinen Jahrgang mehr erinnern, in dem so wenige nennenswerte Titel in den ersten Monaten des Jahres erschienen sind. Heute, Mitte Mai, sieht die Situation besser aus: Mit Doom Eternal, Animal Crossing: New Horizons und dem Final Fantasy 7 Remake sind bereits einige “dicke Dinger” erschienen, für Juni und Juli stehen die nächsten Highlights in Form von “The Last of Us Part II” und “Ghost Tsushima” an. Was danach kommt, erfahren wir (hoffentlich) bereits in den kommenden Wochen.

Abseits der großen Titel erscheinen derweil beinahe täglich neue Indie-Spiele im digitalen Nexus vom PlayStation Network, Xbox Live, dem Nintendo eShop und für PC via Steam und Konsorten. Und eben hier findet sich mein persönliches Highlight des Jahres, das bislang selbst von harten Nerds brutal vernachlässigte “One Step to Eden”, die skill-lastige Evolution des durch “Slay the Spire” endgültig salonfähig gewordenen Kartenspiels mit Rogue-Elementen - und in diesem Fall eben einer dicken Portion Action. Angeblich beruht das Ganze auf der Mega Man Battle Arena Serie, die mir (Asche auf mein Haupt) leider vollkommen fremd ist. Was ich aber sagen kann: Bislang habe ich über 100 Stunden auf der Switch mit “One Step to Eden” verbracht - und bin noch lange nicht satt.

Unsere Tipps: Brett- und Kartenspiele für die Corona Zeit daheim Unsere Tipps Brett- und Kartenspiele für die Corona Zeit daheim Zum Artikel »

Dieser kleine “Indie”-Ausflug soll als Aufhänger für meinen letzten Punkt dienen, um den Fortbestand der Gamescom als “reale” Messe zu verteidigen: Sie ist der einzige Ort der Welt, der so offen und großartig mit dem Thema “Indie Games” umgeht. Durch das “Indie Village” ist in den letzten Jahren eine internationale Bewegung und Zusammenrottung von Indie Entwicklern entstanden, die ihresgleichen sucht.

Selbst als “Otto-Normal-Kellerkind” erlebt man im Indie-Bereich der Gamescom die wohl faszinierendsten Erlebnisse der gesamten Messe: Kunterbunte Multiplayer-Games, krude Walking-Simulator-Konzepte, spaßige Retro-Hommagen und extrem kreative Konzepte reihen sich Bildschirm an Bildschirm - und das meist komplett ohne nervige Wartezeiten. Alleine dafür würde ich die Gamescom immer wieder empfehlen und besuchen. Ob das digitale Format “Awesome Indies” am 29. August dieselbe Sogwirkung entfalten kann, wage ich aktuell zu bezweifeln.

Kurz gesagt: Ich drücke den Veranstaltern ganz doll die Daumen, dass die Messen 2021 wieder stattfinden können. Nicht zuletzt sind es diese Tage im Gamer-Jahr, auf die man sich immer wieder freuen darf - und kein Vergleich zu einem schnell inhalierten YouTube-Video, welches meist ebenso spontan auftaucht, wie es wieder in der inneren Versenkung verschwindet.

Alle Alternativen in NRW: Die Renaissance der Autokinos Alle Alternativen in NRW Die Renaissance der Autokinos Zum Artikel »

Kokosnüsse, Kopfkino, Corona: Diese Dinge werden wir im Sommer 2020 in Düsseldorf vermissen Kokosnüsse, Kopfkino, Corona Diese Dinge werden wir im Sommer 2020 in Düsseldorf vermissen Zum Artikel »

Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox One: Die besten Videospiele des Jahres Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox One Die besten Videospiele des Jahres Zum Artikel »

Balkonien dreht die Boxen auf: Erster Ausblick auf die Sommerhits 2020 Balkonien dreht die Boxen auf Erster Ausblick auf die Sommerhits 2020 Zum Artikel »

Parookaville, Summerjam, Rock am Ring, Juicy Beats: Diese Festivals werden wir 2020 vermissen Parookaville, Summerjam, Rock am Ring, Juicy Beats Diese Festivals werden wir 2020 vermissen Zum Artikel »