Neues Buch

"Schoßgebete" von Charlotte Roche – viel Lärm um wenig

Neues Buch: "Schoßgebete" von Charlotte Roche – viel Lärm um wenig Neues Buch: "Schoßgebete" von Charlotte Roche – viel Lärm um wenig Foto: dpa
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Heute erscheint der zweite Roman von TV-Moderatorin Charlotte Roche (33). Gerade nach ihrem umstrittenen Bestseller "Feuchtgebiete" knüpfen sich daran viele Erwartungen. Ihr neues Buch heißt "Schoßgebete", ist autobiographisch, lasziv – und über weite Strecken banal.

Auf Seite 20 hat man das Gröbste hinter sich. Denn bis zur Seite 20 wurden diverse Spielarten körperbetonter Zwischenmenschlichkeit ausführlich beschrieben, die – von der Pornoindustrie vorexerziert – inzwischen als Beleg für vitale Sexualität gelten. Dabei bewegen sich Elizabeth und Georg – die beiden Hauptakteure von "Schoßgebete", dem neuen Roman von Charlotte Roche – durchaus auf gesellschaftlich sanktioniertem Grund und Boden: Die beiden sind miteinander verheiratet, sind bürgerlich und bodenständig.

Diese 20 Seiten sind die erotische Präambel, über die vielleicht künftige Germanistengenerationen herausfinden werden, dass sie die längste Beschreibung von Oralpraktiken in der europäischen Literaturgeschichte sind. Wer weiß das schon so genau? Aber denkbar sind solche Expertisen sehr wohl, zumal nach all dem Brimborium, den Autorin, Verlag und bevorzugte Medien um das Buch eins nach "Feuchtgebiete" veranstaltet haben.

Besuch bei der Therapeutin

Und wenn wir auf den nachfolgenden 260 Seiten die Heldin beim Gemüseschneiden beobachten, sie zur Therapeutin Frau Drescher oder wahlweise mit ihrem Mann bei einem gemeinsamen Bordellbesuch begleiten, dann fragt man sich schon, ob es tatsächlich die "FAZ" gewesen ist, die uns "Schoßgebete" als rasend komisches, gar staunenswertes Meisterwerk ans Herz legte, in dem nicht nur über Sex gesprochen wird, sondern auch noch "detailfreudig" und "unverkrampft". Leute, Leute. Zustimmen können wir dieser verwegenen Erstrezension nur in diesem Punkt: ",Schoßgebete' ist komplexer, reifer und anspruchsvoller als der Erstling." Geschenkt!

Charlotte Roche (image/jpeg) 2008 hatte Charlotte Roche mit ihrem Buch "Feuchtgebiete" für Furore gesorgt. Über zwei Millionen Mal verkaufte sich das Werk. Und selbst beim gereiften Zweitling finden sich haufenweise derart blödsinnige Sätze, dass man sich nicht nur fragen muss, warum sie gedruckt wurden, sondern auch, wie sie überhaupt ein halbwegs sprachsensibles Lektorat passieren konnten: "Bei uns wird immer am Esstisch gegessen, mit allen, die anwesend sind." Oder: "Trotzdem bin ich mir sicher, dass man nur wegen Sex zusammenkommt, weil man denkt, das passt gut. Wegen der Gene, das riecht man, dann passt es auch akrobatisch."

Wundersamerweise kommt dennoch eine Geschichte zustande, und wer diese über das gleiche Alter von Autorin und Heldin (33 Jahre) hinaus für autobiographisch hält, liegt nicht falsch. Das ist keine exegetische Leistung: Für diese Verbindungslinien hat die TV-Moderatorin und Bestsellerautorin in glänzender Selbstvermarktung schon selbst gesorgt; hat vorab von ihrer Alkohol-, Mager- und Sexsucht geplaudert, von ihren Therapien und ihrem Willen, stets die Mutigste und Krasseste zu sein – aber auch von ihrem großen Lebensdrama. 2001 verunglückten ihre drei Brüder in Belgien bei einem Autounfall tödlich. Sie waren auf dem Weg zur geplanten Hochzeit von Charlotte Roche in England. Und sie wählten nur deshalb das Auto, damit das opulente Brautkleid knitterfrei zum Fest gebracht werden konnte.

Eine Lebenszäsur von unvorstellbarem Grauen, begleitet auch von Schuldgefühlen. "Diese Geschichte", so heißt es im Roman, "hat mein ganzes Leben ruiniert." Und: "Mein Mann hat einen Scherbenhaufen geheiratet." Die Geschichte des Unfalls ist in der Mitte des Romans platziert; sie liefert damit Erklärungsmuster für das Vorhergegangene und das Nachfolgende. Der vermeintlich pornographische und skandalöse Roman nimmt plötzlich eine andere Färbung an: Er wird zu einer pathologischen Geschichte. Auch deshalb, weil sich Heldin und Autorin stets im ungeschützten, öffentlichen Raum bewegen. Natürlich sind sie nicht ein und dieselbe Person, aber sie unternehmen diese Gratwanderung Hand in Hand.

Diesen stillen Kern der "Schoßgebete" aber kann man nicht einfach aus einem Gefühl von Anteilnahme jeder Kritik entziehen; er muss als Teil eines literarischen Werks bewertbar bleiben. Die dramatische Geschichte des Autounfalls rettet das Buch nicht, seine Sprache, seine Ästhetik und Gedankenkargheit. Es bleibt ein geschmackloses Buch, in dem Offenheit und Ehrlichkeit mit Exhibitionismus verwechselt werden. Natürlich gehört dazu auch der Titel "Schoßgebete", der auf den christlichen Akt der Gottesanrufung anspielt und sich ins Sexuelle verkehrt. Das Wortspiel dürfte Roche mit grimmiger Freude gewählt haben, bezeichnet sie sich doch gerne als eine Hardcore-Atheistin.

Bestseller garantiert

Dass auch die "Schoßgebete" ein Bestseller werden, ist bereits zum Erstverkaufstag fraglos. Der Verkauf der gigantischen Startauflage von 500.000 Exemplaren dürfte allein durch den entfachten Rummel, durch die öffentliche Präsenz der Autorin, das vermutete Skandalon des Buches sowie die nachwirkende Erinnerung an die "Feuchtgebiete" gesichert sein. Es solle vorerst ihr letzter Roman sein, hat Charlotte Roche gesagt. Vielleicht stimmt es auch nicht. Was soll's.

Jedenfalls endet das Buch aus Sicht von Elizabeth mit einem Hoffnungsschimmer. Hat doch ihr Mann zu erkennen gegeben, dass er ihr einen Seitensprung mit Jochen – das ist ihr "Fremdgehkandidat Nummer eins" – gestatten würde. Endlich ein weiterer Mann – eine Sehnsucht, die wie ein ominöses Leitmotiv durchs Buch züngelt. Zum Glück wird die Erlaubnis erst auf Seite 282 gegeben. Es bleibt für den Vollzug somit nur noch eine halbe Seite. Und die – so haben wir es in anderer Paarungsbesetzung zu Beginn des Werks erfahren – reicht bei Charlotte Roche allenfalls zu einem keuschen Wangenkuss.

Quelle: RP