Abschluss der Welttournee in Düsseldorf

Schöner leiden mit Depeche Mode

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Die britische Band trat an zwei Abenden in Düsseldorf auf. Vor zwei Mal 50.000 Menschen präsentierte sie Hits aus 30 Jahren. Zumindest beim ersten Konzert wirkten die Musiker matt und hatten Anlaufschwierigkeiten. Es wurde dennoch ein denkwürdiger Abend.

Sie liefern eine für ihre Verhältnisse schwache Vorstellung ab, einige Lieder mögen nicht gelingen, "Wrong" etwa taumelt untertönig und verzweifelt grunzend durch die Halle, ein Desaster. Dem Titel "A Question Of Time" laufen sie vier Minuten lang hinterher, dann ist er entwischt. Nach drei Stücken vom nur bedingt bühnentauglichen aktuellen Album, die dramaturgisch unklug am Anfang platziert werden, haben sie irgendwie den Faden verloren.

Sänger Dave Gahan wirkt müde, scheint auf sich selbst zurückzufallen. Lange kämpft er gegen den Weltschmerz, der ihn wie ein dicht gefügtes Spinnweb vom Publikum trennt, überlässt allzu viele Refrains dem Fan-Gesang, wagt sich kaum einmal hinaus auf den Steg in die Massen. Wie eigenartig, dass man dennoch mit einem guten Gefühl nach Hause geht.

Dass das erste der beiden Konzerte der britischen Band Depeche Mode in der Düsseldorfer Esprit-Arena zumindest in der zweiten Hälfte Momente bot, die einen neuerlich bestärken im Glauben an das Genre des breitbeinigen Stadionrock, ist Martin L. Gore zu verdanken. Er ist der Kopf der drei Musiker, Gitarrist und Elektronik-Frickler. Gore, der eigentlich viel zu klug ist für einen Popstar, rettet das Konzert, er nimmt es in die Hand. Er stellt sich da vorne hin, ein blond gelockter Junge von 48 Jahren. Astrale Fabelwesen müssen ihn in die Arena geleitet haben, in seinem Gesicht schimmert Sternenstaub, und die Augen flackern kosmisch.

Die Düsternis um ihn wird bunt, er beginnt "Insight" vom Album "Ultra", knabenhafte Stimme, reine Emotion, begleitet vom Piano. Es ist eine liebeswunde Klage, eine Petition an die Götter, auf der Leinwand über der für die Verhältnisse derart populärer Bands bescheidenen Bühne geht ein Mond auf â?? es ist der schönste Augenblick in diesen zwei Stunden. Gore legt das herzwehe "Home" nach, 50?000 Menschen singen noch Minuten nach Ende des Lieds das markante "Ohohoho". Damit machen sie sich zu Komplizen des Retters, tragen dazu bei, dass das hier noch etwas wird.

Denn nun kommt er zurück, Martin Gores Widerpart, ein Egozentriker und Selbstdarsteller, wie ihn die Popmusik unbedingt braucht, sein in losem Burgfrieden verbundener Sänger. Dave Gahan gönnt dem Kollegen ein Arsen-verseuchtes Kompliment und wirft sich in die nächsten Songs, als piesacke ihn eine höllische Schwadron mit glühenden Hellebarden. Er dreht sich zu "Policy Of Truth" um die eigene Achse, es spritzt der Schaum.

Den Mikrofon-Ständer hat er mit beiden Händen über den Kopf gestemmt, die innere Hitze dieses Mannes lässt das Metall rot zischen, meint man. Er tanzt zu "I Feel You", das Martin Gore von hinten mit maliziösem Grinsen und scharfen Metal-Riffs in Scheiben schneidet. Er tanzt auf diesen ätzenden Akkorden, denn würde er ruhen, sensten sie ihn um, das ist ein Kampf. Im Hintergrund gibt es Projektionen des Künstlers Anton Corbijn, der mal einen Raben über die Leinwand schickt, dann bunte Bälle. Gahan schwitzt, die obere Hälfte des Gesichts ist schwarz von Kajal, alles verschmiert, die Haare hat der Schwei� an den Kopf geklebt. Sein Gesang ist ein Wüten, und "Enjoy The Silence" wird zum Befehl, da hat er längst die Weste ausgezogen, nun zeigt er seine Narben.

Es macht Spa�, das anzusehen, die Abläufe in der Band, das Miteinander der beiden starken Persönlichkeiten zu verfolgen, Jagger-Richards des Elektro-Pop. Das dritte Band-Mitglied, Andy Fletcher, guckt am Keyboard etwas teilnahmslos, aber er wirkt ja immer, als habe er eben seine Bahncard verloren. Wenn man eine Band über 30 Jahre begleitet, erfreuen einen solche Schauspiele, sie trösten über die offensichtliche Geschwächtheit der Musiker nach einer langen und anstrengenden Tournee hinweg. Dave Gahan hat sich im vergangenen Jahr wegen eines Blasentumors behandeln lassen, Andy Fletcher musste den Tod des Vaters verkraften. Die Düsseldorfer Konzerte wurden verschoben, nun sind die meisten froh, sie überhaupt erleben zu dürfen.

Bei "Never Let Me Down Again" entlädt sich die aufgestaute Vorfreude der Kartenbesitzer. Auf einen Fingerzeig Gahans heben sie die Hände, winken den Song ins dramatische Finale. Synthesizer-Flächen werden geschichtet, Effekte ausgestreut. Gore singt im Background, Gahan führt vorne das Schauspiel "Schmerz und Leiden in verschiedenen Variationen" auf â?? so lautet der Untertitel einer Platte von Depeche Mode. Lichtblitze furchen die Menge. Gahan hockt auf dem Steg, er legt die Hände auf den Boden, eine Demutsgeste. Das Lied brandet über ihn hinweg wie die Flut, es birgt ihn, er ruht in der Musik, er ist sicher. Auf der Leinwand ist sein dunkelfeuchtes Gesicht zu sehen, er ist ein Grubenarbeiter, der für die Wiederkehr dankt. Er gibt noch "Behind The Wheel" und "Personal Jesus" als Zugabe. Dann geht er, ein ausgebranntes Irrlicht, ein Vielgeliebter, der die Sehnsucht doch nicht stillen kann.

Man ist froh, dabei zu sein. Das ist Depeche Mode.

In der Esprit-Arena: 50.000 feiern Depeche Mode In der Esprit-Arena: 50.000 feiern Depeche Mode In der Esprit-Arena: 50.000 feiern Depeche Mode In der Esprit-Arena 50.000 feiern Depeche Mode 31 Fotos Düsseldorf: Depeche Mode: Das sagen die Fans Düsseldorf: Depeche Mode: Das sagen die Fans Düsseldorf: Depeche Mode: Das sagen die Fans Düsseldorf Depeche Mode: Das sagen die Fans 14 Fotos

Quelle: rpo