Alle Alben überarbeitet

Die Beatles vom Staub befreit

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Am Mittwoch erscheinen alle Alben der Fab Four in überarbeiteten Fassungen. Toningenieure haben den größten Schatz der Popmusik aufpoliert. Nun klingen die 40 Jahre alten Songs klarer und druckvoller. Aber nicht immer besser.

Das ist die Quelle der populären Kultur, der Heilige Gral der Popmusik, und genau genommen kann man daran nichts verbessern. Im Song-Katalog der Beatles steckt das ganze musikalische und textliche Potential der Popmusik. Melodien, Harmonien, Rhythmik, Versdichtung, Aufnahmetechnik: Zwischen 1963 und 1970 haben John und Paul und George und Ringo einen Schatz angehäuft, aus dem sich die Lümmel mit den Gitarren und die Brillenträger an den Laptops heute noch bedienen.

Dieser Schatz umfasst zwölf Studio-Alben, sie sind die Kronjuwelen des Pop, das Maß aller Dinge, ein Kochbuch für nachgeborene Musiker. Und deshalb mutet die Idee unsinnig an, diese Meisterwerke auffrischen zu wollen. Aber es ist tatsächlich so: Jemand hat den Heiligen Gral blankgeputzt, das Ambrosia nachgewürzt, der Vollkommenheit ein Hütchen aufgesetzt. Morgen erscheinen alle Beatles-Platten also noch einmal, auf der ganzen Welt, als Einzel-CDs und in aufwendig gestalteten Sammler-Boxen.

In Köln präsentiert

Was sieben Toningenieure in den Londoner Abbey-Road-Studios während der vergangenen vier Jahre geleistet haben, und was die Bilanzen der Industrie in diesem Jahr verschönern dürfte, präsentierte die Plattenfirma EMI gestern in einer Lounge im Zollhafen zu Köln. Das Verfahren nennt sich Remastering, man kann es vergleichen mit der Restaurierung alter Gemälde. Die Farben sollen wieder leuchten wie bei der Entstehung des Werkes, am besten noch ein bisschen heller.

Während der 80er Jahre hat man das mit den Beatles-Songs schon einmal gemacht, als von den analogen, in Blechbüchsen lagernden Originalbändern digitale Kopien angefertigt wurden für die erstmalige Veröffentlichung auf CD. Damals hagelte es Kritik. Große Mühe habe man sich nicht gegeben, lautete der Vorwurf, es klang nämlich alles ein bisschen dunstig, nebelig und nicht so warm wie auf LP. Das Ausgangsmaterial hatte in 20 Jahren Staub angesetzt, den hörte man mit.

Für die Neuausgaben wurde der inzwischen doppelt so dicke Schmutz abgeklopft. Das Ziel war, das Original wieder herauszuarbeiten. Mit neuester Technik wurden kleinste Störgeräusche entfernt, Kratzer übertüncht, Aufnahmefehler korrigiert. Zwei Komplett-Ausgaben werden in den Läden stehen. Denn bis auf die letzten zwei Alben sind alle Veröffentlichungen mono und stereo erschienen. Und so gibt es eben die „Beatles Mono Box“ und die „Beatles Stereo Box“.

Erfolg bahnt sich an

Ein enormer Aufwand, der sich auszahlen wird. In England gilt bereits als ausgemacht, dass jedes der zwölf neuveröffentlichten Studio-Alben plus die beiden Bonus-CDs am Montag in den Top 40 zu finden sein werden. In der Frage, welche Platte auf Platz eins landen wird, führen die Wettbüros derzeit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ vor „Abbey Road“.

Das Ergebnis der Frickel-Arbeit ist beim ersten Hören tatsächlich verblüffend: Jeder Song klingt anders als zuvor, die Veränderung ist stets hörbar, und zwar nicht nur in Nuancen. Das ist faszinierend, an den besten Stellen sogar umwerfend. Vor allem die späteren Stücke gewinnen an Druck. „Taxman“ vom Album „Revolver“ (1966) etwa schüttelt den Hörer von der ersten Note an durch, überrollt ihn mit einem enorm wuchtigen Bass, der sehr gut passt. „Helter Skelter“ vom Weißen Album (1968) ist beim ersten Hören eine brutale Orgie, ein Soundgewitter von revolutionärer Macht. Die Beatles sind dynamischer geworden. Aber eben das ist auf die Dauer ein Problem.

Beatles als Rockband

Das Remastering hat aus den Fab Four tendenziell eine Rockband gemacht. Der Klang ist definiert, die Gitarren spielen nun im Vordergrund, gleichwertig mit der Singstimme mitunter, die Lautstärke wurde aktuellen Standards angepasst. Alles ist klarer, bewusster, ja: schärfer. Das tut nicht jedem Song gut. Bei „While My Guitar Gently Weeps“ verstört das Ergebnis sogar. Durch den Eingriff wurde die zarte George-Harrison-Komposition umgedeutet. Die unsensible Gitarre nimmt dem herzenswarmen Stück das Uneigentliche. Die Weichheit, das Zarte und nicht Festgelegte ist verschwunden und das Lied damit kaputt. Man hat den Schleier weggezogen und es desillusioniert.

Vielleicht ist die Skepsis unbegründet, vielleicht ist sie Ergebnis der Verwirrung bei der Premiere und des harten Vorher-nachher-Vergleichs, den nach einer Übergangszeit kein Hörer mehr wagen wird. Gut möglich, dass diese Edition dem digitalen Zeitalter seine eigenen Beatles zuführt, dass sie wie eine neue Übersetzung eines klassischen literarischen Werkes wirkt und es in die Zukunft tradiert.

Originalität bleibt erhalten

Sicher ist indes, dass auch durch die Bearbeitung nichts vom Geheimnis dieser Musik verlorengegangen ist. Man hört „A Day in the Life“ und „I am the Walrus“ und fragt sich, wie vier junge Männer eine solche Tiefe erreichen konnten, eine derartige Originalität, einen überzeitlichen Ausdruck. Lag es an der glücklichen Kombination von verschiedenen, aber ungeheuer kompatiblen Einzel-Künstlern? Am Produzenten George Martin, seinen kongenialen Ideen? Oder daran, dass diese Art von Musik und die Haltung dem Leben gegenüber, die sie zum Ausdruck bringt, noch so neu waren und es so viel zu entdecken gab? Man wird es nie ergründen, durch das Hören der Musik ohnehin nicht; sie überwältigt. Kritische Analyse unmöglich.

Die Kompositionen rühren an Allgemein-Menschliches, das man nicht packen kann, sie finden ihren Weg ins Herz - dort fühlen sie sich zuhause, von dort kommen sie. Dieses Mysterium ist mit Informationen über Aufnahme-Daten und Produktions-Techniken nicht zu greifen. Die Beatles veränderten alles, sie gaben der Popkultur philosophische und künstlerische Tiefe.

Vielleicht sollte man den morgigen Tag als Gelegenheit zur Erinnerung begreifen. An eine großartige Band, die zu ihrer Zeit ebenso gut klang wie heute.

Die neue Edition

Die zwei Box-Sets mit allen regulären Aufnahmen in Stereo und Mono erscheinen morgen (jeweils ca. 190 Euro). Jedes Studio-Album plus den Soundtrack „Magical Mystery Tour“ und die Sammlung „Past Masters“ wird es auch einzeln geben (ca. 15 bis 20 Euro). Für kurze Zeit werden die CDs mit Filmen über die Entstehung des jeweiligen Albums erhältlich sein.

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Quelle: rpo