Bob Dylan und Co.

Wie die Alten den Pop retten

Bob Dylan und Co.: Wie die Alten den Pop retten Bob Dylan und Co.: Wie die Alten den Pop retten Foto: AP
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Die Entwicklung der populären Musik stagniert. Seit Jahren gibt es keine neuen Stilrichtungen mehr. Musiker wie der 60-jährige Brian Eno oder der 67-jährige Bob Dylan gelten plötzlich wieder als Avantgardisten. Sie werden von jungen Kollegen hofiert. Bob Dylan moderiert eine Radiosendung. Man kann sie über das Internet hören. Einmal in der Woche legt der Rockstar Abseitiges auf. Alte Hillbilly-Platten, Singles aus Jamaica, Folkiges von Schellack, Rockabilly, Blues, das Meiste in Mono. Man hört dieser Musik an, dass der Staub der Jahrzehnte darauf liegt. Aber das macht nichts. Je ferner diese Klänge wirken, desto erfrischender sind sie. Man könnte sogar sagen: Sie klingen neu. Sicher hören deshalb so viele jüngere Musiker-Kollegen von Dylan zu. Manchmal liest er deren Mails vor. Sie bedanken sich für die Inspiration. „Ja“, sagt Dylan dann, „die Zukunft der Popmusik liegt in der Vergangenheit.“

Dieser Satz hatte zu keiner Zeit mehr Wahrheitsgehalt als heute. 2008 war das Jahr, in dem die Entwicklung der Popmusik endgültig ihre lineare Fortschrittslogik aufgegeben hat. Bisher ging es stets vorwärts, jeder Trend wurde vom nächsten abgelöst: Rock, Punk, New Wave, HipHop, Electro, Techno. Nun lassen neue Ideen auf sich warten. Es ist eine verstärkte Hinwendung zum Alten zu beobachten, zur Avantgarde des Verwehten. Zitiert wurde zwar schon immer, aus der Vermengung von alten Stilen Neues gewonnen. Doch heute kopiert man. Plattenfirmen bewerben aktuelle Veröffentlichungen damit, dass eine Gruppe exakt klinge wie der Künstler oder die Band von früher. Nicht mehr die Neuartigkeit der Musik drückt ihre Qualität aus, sondern ihre Referenzgrößen in der Historie.

Die erfolgreichsten Alben des Jahres funktionieren nach diesem Prinzip. Die Band Metallica erfreute ihre Fans mit einer Platte, die klingt, als sei sie vor 20 Jahren erschienen. Die neuen Songs von AC/DC wirken sogar noch zehn Jahre älter. Und Coldplay verpflichtete für den Weltbestseller „Viva la Vida“ Brian Eno als Produzenten. Der Mitbegründer von Roxy Music und Musiker der Talking Heads galt bis in die frühen 80er Jahre als Pop-Revolutionär. Seitdem war sein Terminkalender nie mehr so voll wie heute. Soeben verhalf er Grace Jones zum Comeback, und im Februar kommt die von ihm aufgepeppte neue CD von U2.

Die Popkultur ist längst keine Jugendkultur mehr. Bereits in den 90er Jahren wurden die Haltungen des Pop mehr und mehr von Jugendlichkeit und vor allem von einem Ausdruck der Rebellion abgekoppelt. In den 50er Jahren meinten scharfe Gitarren und derbe Lederjacken noch Auflehnung gegen die Eltern. Wer diese Musik hörte, zeigte: Ich spiele nicht mit. Das Subversive verwischte allmählich. Zum einen, weil die Hörer älter wurden und von der Jugend bloß ein Gefühl der Jugendlichkeit retten konnten. Zum anderen, weil die Musikindustrie jede neue Regung der Subkultur aufspürte und vermarktete. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war das Phänomen Tokio Hotel. Die junge Band schmückte sich mit beinahe allen Zeichen, Codes und Gesten der popkulturellen Szenen und subkulturellen Milieus der vergangenen 40 Jahre. Und entwertete sie damit.

Popmusik ist nicht mehr politisch. Wer heute irgendwie dagegen ist, der bringt das nicht durch Sound zum Ausdruck, sondern durch Vermarktungsstrategie. Mit dem unabhängigen Vertrieb von Songs über die eigene Homepage oder Myspace. Subversion ist eine ökonomische, keine künstlerische Angelegenheit mehr. „Ich kenne niemanden, der in den letzten 20 Jahren eine Platte produziert hätte, die in Ordnung klang“, sagte Bob Dylan kürzlich. Und so wendet man sich um, hofft auf retrofuturistische Eingebungen und gräbt nach ehemals Visionärem. Die drei Alben der Talking Heads, an denen Brian Eno beteiligt war, findet man auf Plattenbörsen kaum noch. Dafür werden die Läden überschwemmt mit Nachpressungen historischer Vinyl-Scheiben von Kraftwerk und Pink Floyd. Und von Sammlungen karibischer Lieder aus den 1930er Jahren und anderen exotischen Musiken - oft zusammengestellt von prominenten Musikern. Man verehrt das Alte und hofiert die Alten statt aufzubegehren. Künstler wie Eno (60) und Dylan (67) wirken wie Wächter, die Einlass gewähren zu den Schatzkammern der Inspiration. Auf dass die Musik dereinst wieder so neu klinge wie früher.

Dabei gibt es einen schönen Nebeneffekt. Alt und Jung musizieren gemeinsam und hören zusammen. Die Radiosendung von Bob Dylan ist nur ein Beispiel von vielen. Die womöglich wichtigste Neuerscheinung des Jahres war in diesem Sinne das Album „Easy come, easy go“ von Marianne Faithfull. Bekannt wurde die Sängerin in den 60er Jahren als Groupie der Rolling Stones. Nun interpretiert sie große Popsongs der jüngeren Vergangenheit, wie Jazzmusiker Standards aus dem Great American Songbook tradieren. So werden aus Stücken von Morrissey und Nick Cave überzeitliche Klassiker. Und da Faithfull die Erst-Interpreten der Songs mit ins Studio holt, kann sich jede Generation beim Hören dieser CD der eigenen Zeitgenossenschaft versichern.

Vergangener als gegenwärtig geht es kaum noch.

Quelle: rpo