Düsseldorf

Tote Hosen spielen "entartete Musik"

Düsseldorf: Tote Hosen spielen "entartete Musik" Düsseldorf: Tote Hosen spielen "entartete Musik" Foto: dapd, Timm Schamberger
Von |

Vor 75 Jahren fand in Düsseldorf parallel zu den Reichsmusiktagen die Ausstellung "Entartete Musik" statt. Jetzt erinnern drei Konzerte der Toten Hosen mit Musikern der Robert-Schumann-Hochschule an den ästhetischen Terror der Nazis.

Bereits ein Jahr zuvor, im Juli 1937, hatten die Nazis strategisch zugeschlagen und in der entlarvenden Münchner Ausstellung "Entartete Kunst" ihr Verständnis von völkischer Ästhetik unter die Musenfreunde gebracht. Über Bildsprache konnte man sich am Objekt anschaulich verständigen: Dies hier ist eine widernatürliche Linie! Und das hier entspricht nicht dem Naturell eines Erste-Klasse-Ariers!

Unplugged: Die Toten Hosen in der Tonhalle Unplugged: Die Toten Hosen in der Tonhalle Unplugged: Die Toten Hosen in der Tonhalle Unplugged Die Toten Hosen in der Tonhalle 5 Fotos Bei der Musik klappte die Argumentation nicht ganz so gut. Was ist schön, was hässlich? Wer ist ein akzeptabler Komponist und wer ein Verräter an der reinen Tonkunst? Und was ist mit dem Jazz – gilt er als produktiv entzündliche Kunst oder als reine "Negermusik"? Für einen Selektionsvorgang und überhaupt für die Entwicklung des Begriffs von der "entarteten Musik" fanden die Nazis im Jahr 1938 einen hilfreichen Geist: Staatsrat Hans Severus Ziegler. Er hatte die schwierige Aufgabe, parallel zu den in Düsseldorf ausgerichteten Reichsmusiktagen im Jahr 1938 eine Ausstellung zu zeigen, welche den "bösen Buben" der Töne zu unverhohlener Kenntlichkeit verhalf.

Dies waren natürlich Komponisten mit Benefizkonzert in Düsseldorf: Toten Hosen bitten zur DEG-Familienfeier Benefizkonzert in Düsseldorf Toten Hosen bitten zur DEG-Familienfeier Zum Artikel » jüdischer Herkunft, schwarzer Hautfarbe, schwieriger, unerhört moderner Klangsprache, mit Swing und anspringenden Rhythmen. Ihre Namen sind heute weltberühmt, damals rangierten sie hierzulande unter dem Label "unerwünscht": Arnold Schönberg, Ernst Krenek, Kurt Weill, Hanns Eisler, Erwin Schulhoff, Franz Schreker, aber auch Komponisten wie Anton Webern, Paul Hindemith und Igor Strawinsky. Der Bann traf auch bereits verstorbene Künstler wie Alban Berg.

Düsseldorf war damals das Epizentrum des kunstgeschichtlichen Erdbebens, mit dem die Nazis die Musikwelt erschütterten. Die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens ist sich dieser Bürde bewusst geblieben; im Jahr 1988, also 50 Jahre später, wurde in der Düsseldorfer Tonhalle erstmals die große Gedächtnisausstellung "Entartete Musik" von Albrecht Dümling und Peter Girth gezeigt, die danach ihren Weg um die ganze Welt ging. Dies war eine musikwissenschaftliche Großtat, die der Sinnlichkeit nicht entbehrte: In Klangkabinen ließ sich nachhören, zu welchen dröhnenden Tönen und Signalhörnern der Dampfer NSDAP zu steuern gedachte. Anton Bruckner und Richard Wagner waren bei Adolf Hitler natürlich höchst beliebt, und Richard Strauss brachte sich ja selbst regelmäßig ins Spiel durch einschlägige Politmusik-Propaganda.

Demnächst kehrt diese preiswürdige Gedächtnis-Ausstellung zurück an den Rhein, aber noch zuvor wird es ein nicht minder historisches Zusammentreffen hiesiger Künstler geben, die ihren Beitrag zur Wiederaufarbeitung der prekären, in vielen Aspekten widerlichen Geschichte von damals leisten wollen. Die Düsseldorfer Kultband Die Toten Hosen wird gemeinsam mit jungen Orchestermusikern der Robert-Schumann-Musikhochschule an drei Abenden (19. bis 21. Oktober) jene verbotenen Werke von damals erklingen lassen. Sie wollen sich beispielsweise um Kurt Weill kümmern, zudem gibt es unterhaltsame Filmmusik und Kompositionen der Comedian Harmonists. Auf der anderen Seite der Ohrenfreundlichkeit wird Campino höchstselbst die Rolle des Sprechers in Arnold Schönbergs Oratorium "Ein Überlebender aus Warschau" geben – eine komplexe Aufgabe, die er ganz ungewohnt mit Klavierauszug und Korrepetitor lernen muss.

Düsseldorfer Kult-Band: Die Toten Hosen werden 30 Düsseldorfer Kult-Band Die Toten Hosen werden 30 Zum Artikel » Thomas Leander, Prorektor an der Musikhochschule, war vor geraumer Zeit auf die Band zugegangen und hatte ihr sofort die Zusage für die drei Konzerte entlockt. Dass sie später trotz gehörigen Termindrucks nicht zurückgezogen wurde, spricht für die Ernsthaftigkeit der Punkband, die sich ja immer auch als politisches Ensemble verstanden hat. "Wir werden natürlich nicht so professionell wie studierte Musiker auftreten, das haben wir nicht gelernt, und es wird auch sicherlich keinem Vergleich mit perfekten Schallplatten standhalten", sagte Campino gestern. Aber jedermann dürfe ihm und seinen Kollegen die Ernsthaftigkeit und den Enthusiasmus glauben, meinte er. Das überaus opulente Programm jedes der drei Abende wird natürlich auch eigene Songs der Hosen bieten, darunter "Sascha" und "Willkommen in Deutschland".

Den Hochschul-Leuten unter Rektor Raimund Wippermann ist die Freude anzumerken, perfekt an der Strippe gezogen zu haben. Solch ein Konzert hat man schließlich nicht alle Tage. So klingt diese Freude aus Leanders Sicht: "Die Toten Hosen sind ein idealer Partner für ein Gedenkkonzert zur ,Entarteten Musik'. Die Düsseldorfer Band hat sich immer konsequent gegen Rechts engagiert. Jeder von uns hat selbstverständlich einen anderen Zugang zur Musik. Dennoch führt uns das gemeinsame Projekt zusammen. Und für unsere Studierenden ist es eine einmalige Chance, mit der populärsten deutschen Band zusammenzuarbeiten."

Campino hält das Nebeneinander von Klassikern ("Mit denen können wir fachlich gar nicht mithalten") und Punkrockern für befruchtend. Es fiel das Wort vom "Spaß mit Tiefgang". Das ist ein sehr zulässiger Tenor für die Einfühlung der Nachgeborenen in den unvergleichlichen ästhetischen Terror der Nazis.

Quelle: RP