Düsseldorfer Kult-Band

Die Toten Hosen werden 30

Düsseldorfer Kult-Band: Die Toten Hosen werden 30 Düsseldorfer Kult-Band: Die Toten Hosen werden 30 Foto: dpa, Britta Pedersen
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In der nächsten Woche kehrt Düsseldorfs bekannteste Band zurück an den Ort ihres ersten Konzerts. Im kleinen Bremer "Schlachthof" treten sie auf den Tag genau drei Jahrzehnte später noch einmal auf. Die Anfänger von einst kehren als Superstars zurück. Ein Versuch über den Erfolg.

Fortuna: Toten Hosen besuchen Fortuna Fortuna: Toten Hosen besuchen Fortuna Fortuna: Toten Hosen besuchen Fortuna Fortuna Toten Hosen besuchen Fortuna 25 Fotos Wenn sie 30 werden, sind die meisten Menschen wehmütig. Das Beginnen hat nun ein Ende, denken sie, und Sich-Verlieben, Biertrinken und Tanzen bis in den Morgen wird nie wieder so schön sein wie früher. Die Toten Hosen feiern in der nächsten Woche ihren Dreißigsten, und weil sie keine Jammerlappen sind, wehren sie sich gegen solche Nostalgie: Sie fangen einfach noch einmal an, schon wieder von vorn gewissermaßen – indem sie ihr erstes Konzert im Bremer Schlachthof am 10. April 1982 auf den Tag genau drei Jahrzehnte später neuerlich aufführen. Damals wurden sie auf Plakaten als "Die Toten Hasen" angekündigt; es war das Oster-Wochenende. Heute versprechen sie "das wildeste Konzert seit den Bremer Stadtmusikanten".

Düsseldorf: Das sagen die Fans zu den Toten Hosen Düsseldorf: Das sagen die Fans zu den Toten Hosen Düsseldorf: Das sagen die Fans zu den Toten Hosen Düsseldorf Das sagen die Fans zu den Toten Hosen 14 Fotos Das zeichnet die Toten Hosen aus: die Liebe zur Gegenwart und der spielerische Umgang mit dem, was man von ihnen erwartet. Die frühen Auftritte absolvierten sie in bunten, selbst geschneiderten Hemden und Hosen, die Anti-Uniform der Nonkonformisten. Sie hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung, sie waren Punks, sind es ja heute noch, aber keine von diesen, die nur wissen, was sie nicht wollen. Wichtiger noch als das Widerständige und das bloße Dagegensein ist ihnen, so hat es den Anschein, die Handreichung: Die Toten Hosen sind eine Heimat-Band, sie pflegen Herkunft und Gemeinschaft, und sie bieten Geborgenheit. Wer einmal zum inneren Kreis gehört, wird nicht fallengelassen. Ehemalige Schlagzeuger, vormalige Manager halten den Kontakt. Insofern sind die Toten Hosen das Gegenteil der anderen großen Band aus Düsseldorf: Bei Kraftwerk werden die Sound-Ingenieure ausgetauscht, wenn es nicht mehr passt. Die schreiben dann Erinnerungsbücher mit solchen Titeln: "Ich war ein Roboter".

Das mit der Geborgenheit mag paradox klingen, aber man wird es spätestens auf Konzerten von Campino und Co begreifen. In diesem infernalischen Lärm, den die Endvierziger noch immer produzieren, obwohl sie mitunter (man höre die neue Single "Tage wie diese") ebenso nah an der Schlager-Ballade komponieren wie an der an der Aufmucker-Hymne, fühlt man sich buchstäblich aufgehoben. Die Konzerte müssen als Kernkompetenz dieser Gruppe gelten. Neue Platten sind wichtig, sicher, aber eben nur so wichtig wie Briefe von abwesenden Kindern an die Eltern. Den Auftritten kommt so gesehen die Bedeutung von Besuchen daheim zu, und eben das ist der Sinn von Familie, das Eigentliche: Vollständigkeit.

Dass einem in Bezug auf die Toten Hosen verwandtschaftliche Beziehungen in den Sinn kommen, liegt am Verhältnis der Heimatstadt zu ihrer Band. In Düsseldorf kann man fragen, wen man will, es wird sich kaum jemand abfällig über die Musiker äußern – gleichgültig, welche musikalischen Vorlieben er pflegt oder welchem Milieu er angehört. Die Menschen hier zitieren gern aus der Mythen-Sammlung der Band. Sie berichten vom Video-Clip zum ersten großen Hit, dem "Bommerlunder"-Lied, in welchem der Fassbinder-Schauspieler Kurt Raab 1983 die Rolle eines Priesters übernahm und Marianne Sägebrecht die einer Braut. Das Ganze spielte in einer Kirche in Bayern, es ging hoch her, und nach den Dreharbeiten musste sie neu geweiht werden. Oder die Sache mit der "Damenwahl"-Tournee 1986. Die wurde vom Kondom-Hersteller Fromms gesponsert, und das erregte natürlich Anstoß.

Heute, da es bei Hosen-Konzerten im Backstage-Bereich wohl mehr nach Physiotherapie-Praxis als nach Coffee Shop aussieht, wirken die Geschichten wie Anekdoten aus dem familiären Erlebnis-Schatz. Man schmunzelt drüber, denn: Aus den Jungs ist trotzdem was geworden. Es wirkt tatsächlich so, als seien die Menschen in Düsseldorf irgendwie stolz auf die Gruppe.

"Zum Aufhören ist es noch zu früh": Campino von den Toten Hosen im Interview "Zum Aufhören ist es noch zu früh" Campino von den Toten Hosen im Interview Zum Artikel » Dass dem so sein könnte, muss man den Toten Hosen als größtes Verdienst anrechnen. Es ist der Lohn für eine Haltung. Tu das, was dir am Herzen liegt. Steh zu dem, was du machst. Und – kitschig, dem Thema scheinbar völlig unangemessen, esoterisch, aber wahr – auch dieses: Geh, wohin Dein Herz Dich trägt. Der Biografie Campinos kommt dabei eine wichtige Funktion zu: ein Stürmer und Dränger, der oft allzu harsch austeilte, manchmal fehlte, ab und an irrte, aber ein guter Kerl ist. So einem sieht man gern zu, solche Leute sind sympathisch, weil sie ein Leben haben und nicht bloß eine Karriere.

Die Toten Hosen sind am Vorabend ihres 30. Geburtstages erfolgreicher denn je. Aber die Band-Mitglieder sind unwahrscheinliche Vertreter dieser Liga des Superstar-Geschäfts. Campino etwa lässt sich gern neue Musik empfehlen und berichtet dann in Dankes-Mails von seinen Höreindrücken. Er hört nicht auf zu suchen, er ist einer, der finden will, unbedingt. Wenn er sich echauffiert, über einen Politiker zum Beispiel, fragt er anschließend, ob man seine Meinung denn nachvollziehen könne.

In Düsseldorf trifft man Mitglieder der Toten Hosen in Clubs wie dem ehemaligen Ratinger Hof, der nun "Stone" heißt, oder bei Konzerten in der Bierkneipe "Pitcher". Sie bringen sich ein, für ihren liebsten Fußballclub, den Eishockey-Verein und viele andere Sachen. Sie sind da. Und sicher ist auch das Teil des Erfolgs: Dass sie die angejahrte Lebenseinstellung des Punk in die Jetztzeit übertragen, dass sie sie als engagierte Zeitgenossenschaft deuten. Einer der Helden der Toten Hosen, der Kopf der Band The Clash, heißt Joe Strummer. Er ist längst tot, aber er sagte einen Satz, der zwar pathetisch ist und nach Hermann Hesse für Freunde der Gitarrenmusik klingt, der aber zugleich sehr gut passt: "Punk sein heißt Vorbild sein". Man hat den Eindruck, die Toten Hosen arbeiten an seiner Verwirklichung, und das ist doch ein guter Auftrag über die Zeit des Jubiläums hinaus.

30 Jahre. Nun sind sie also erwachsen. Zufällig ist die Heimatstadt der Toten Hosen in diesen Tagen voll von Werbeplakaten für eine Ü 30-Party in der Disco "Stahlwerk". Die Veranstalter haben sich ein lustiges Motto ausgedacht: "Too Old To Die Young".

Schön, dass es diese Band noch gibt.

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Quelle: RP