Ein besonderer Spaziergang

Mit Campino am Rhein

Ein besonderer Spaziergang: Mit Campino am Rhein Ein besonderer Spaziergang: Mit Campino am Rhein Foto: RP
Von |

In diesen Tagen erscheint das neue Album der Toten Hosen mit dem erstaunlich leisen Titel: "In aller Stille". Nächste Woche läuft der neue Film von Wim Wenders mit Campino in der Hauptrolle an. Wir trafen den Sänger und Schauspieler zum Spaziergang – und fragten nach, ob er noch derselbe ist. Wie spricht man einen 46-Jährigen an, der sich nach einem Lutschbonbon mit Fruchtgeschmack benannt hat und in einer Band singt, die Die Toten Hosen heißt? Soll man es halten wie die Frauen in seinem Büro und "Campi" sagen? Sagt man einfach Du, wegen Punk und so? Oder traut man sich und sagt „Guten Tag, Herr Frege“?

Als Andreas Frege wurde er ja geboren, und eigentlich passt der bürgerliche Name inzwischen besser zu ihm, dem Brandauer-Spezi und Darsteller bei Wim Wenders. Als er da steht am Düsseldorfer Tonhallenufer, reicht man ihm die Hand: "Schön, Sie zu sehen."

Dieses Jahr ist ein besonderes für den Sänger der Toten Hosen. In diesen Tagen erscheint das neue Album "In aller Stille", das musikalisch zwar wie üblich nach "1,2,3, druff!" klingt, nach "Campi" eben, sich aber textlich von den Vorgängern absetzt. Darauf enthalten ist das schönste Lied, das die Band je eingespielt hat: "Auflösen", ein zartes Duett mit Birgit Minichmayr, Campinos Partnerin in Brechts "Dreigroschenoper", die er unter Brandauer in Berlin gegeben hat. "Wenn wir uns jetzt auflösen / Sind wir mehr als wir jemals waren / So wollen wir uns bleiben / Nach diesem Tag", heißt es da.

Kurz nach dem Album kommt "Palermo shooting" ins Kino, der Film von Wim Wenders. Frege verkörpert darin einen Fotografen in der Sinnkrise, eine Rolle, die ihn sympathisch machen wird auch bei denen, die Campino nicht mögen. Er trägt schwarz an diesem kalten, sonnigen Tag. Zugstiefel, enge Hose, dicke Jacke mit Tarnmuster, Armee-Kappe von Stetson. Er ist muffelig, vielleicht bloß angespannt. Erste Fragen verpuffen.

Wie sehen sie sich als Schauspieler? "Gar nicht." Abtasten bringt nichts. Also: Sie spielen den Fotografen Finn ja eher hölzern, sie stolpern staunend und mit großen Augen durch den Film, treffen den Tod, stellen sich die großen Fragen. Und gerade das ist es, das ist der Charme des Ganzen, dieses jungenhafte Einfach-so-sein. Es macht, dass man denkt: Der ist einer von uns.

Er schaut geradeaus, die Hände in den Hosentaschen. Er ist groß, einige Spaziergänger gucken, "das ist doch der . . .", und dann, nach langen Sekunden, muss er schmunzeln. Er sagt: "Man kann Wenders schon abnehmen, dass er weiß, wen er für eine Rolle castet. Und wenn jemand interessant wird wegen seiner Unerfahrenheit, dann ist das schon in Ordnung. Er hätte ja einen erfahrenen Schauspieler nehmen können. Aber Wim hat mir versichert, er wisse, was er da tue."

Herr Frege lernte Wim Wenders beim Videodreh zum Hosen-Song "Warum werde ich nicht satt" kennen. "Damals meinte er, ich würde gern mal was Richtiges mit dir machen. Das habe ich als Kompliment gesehen und dann auch vergessen." Was Richtiges machen. Frege gehört zu einer Generation von Künstlern, Kulturmenschen, Politikern und Einmischern, die anders groß geworden ist als ihre Vorgänger. Sie haben früh die Mechanismen der Popkultur verstehen gelernt, das selbstironische Spiel, den öffentlichkeitswirksamen Effekt.

Eine Bank, sie ist nass. Campino zuckt mit den Schultern, setzt sich. "Manchmal denkt man, dass in der Politik die harten Erfahrungen unserer Vorgänger-Generation bewirkt haben, dass sie sich manchmal für eine Sache einsetzen und nicht aus einer Profilneurose oder verwöhnten Haltung heraus agieren. Ich bin mir nicht sicher, ob das, was kommt, besser ist."

Campino, der Politiker

Ja, sicher sei er politisch. "Für mich ist das eine Frage der Erziehung. Wenn ich die Chance habe, meine Meinung zu sagen, warum sollte ich das nicht tun?" Dann spricht er von Angela Merkel. "Ich halte die Große Koalition für eine Vernunftehe auf Zeit. Ich bin erschrocken über den Mangel an Alternativen. Es war früher sicher einfacher, plakative Botschaften rauszuhauen, weil die Feindbilder klarer waren. Aber spätestens seit der Ära Schröder weiß man, dass das, was man sich als Alternative erträumt hat, auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Wobei das Nein zum Irak-Krieg unermesslich wichtig war. Das war eine Entscheidung mit Rückgrat. Ich bin mir nicht sicher, ob Frau Merkel das gebracht hätte. Ich glaube eher nicht."

"Campi" schaut auf den Rhein. Hier ist er oft. Auf dem Weg mit dem Fahrrad nach Kaiserswerth. Campino schaut ins Weite. "Wenn man Vater wird, verändern sich die Dinge gewaltig. Man muss andere Prioritäten setzen, das Leben kreist nicht mehr um einen selbst. Aber man fühlt sich auch freier, weil man sich seiner selbst sicher wird. Ich habe mich von einem Fundamentalismus gelöst."

In Bezug auf was? "Auf Musik, Politik und meinen ganzen Werdegang. Ich kann akzeptieren, dass Menschen anders leben, mir aber trotzdem viel beibringen können." Was heißt das für die Toten Hosen? "Früher haben wir zum Beispiel puristisch darauf bestanden, keine Effektgeräte einzusetzen. Heute lassen wir andere Ideen zu."

"Man muss Ehrlichkeit finden"

Auf dem Rückweg wirkt er gelöst. Man muss sich das vorstellen: Die Erwartungshaltung an eine neue Platte der Toten Hosen. Diese Band hat ein intensives Verhältnis zu ihren Fans, wie es das vielleicht nur bei Depeche Mode gibt. Wie man unter diesem Druck arbeiten kann? "Man muss eine Ehrlichkeit finden. Man darf nicht versuchen, eine Erwartungshaltung zu erfüllen."

Am Parkschein-Automaten spricht er übers Plattenkaufen. In Berlin, wo er eine Wohnung hat und sein Sohn lebt, den er mit der Schauspielerin Karina Krawczyk hat, gebe es so einen Laden an der Gedächtniskirche. Gute Stimmung. Deshalb jetzt die Frage: Tut der Spagat nicht weh zwischen "Für immer Punk" und Brechts Meckie Messer? Zerreißt man sich nicht zwischen Pop- und Hochkultur? "Der Unterschied ist gar nicht so groß, wie man denkt." Campino steht lässig da. Er hat einen durchdringenden, verschmitzten Blick. Dann reicht er die Hand, lächelt charmant. Was sagt man nun zu diesem Mann?

Auf Wiedersehen, Campino.

Quelle: rpo