Ein Tonträger erobert die Musik-Welt

30 Jahre CD: Geliebte Silberscheibe

Ein Tonträger erobert die Musik-Welt: 30 Jahre CD: Geliebte Silberscheibe Ein Tonträger erobert die Musik-Welt: 30 Jahre CD: Geliebte Silberscheibe Foto: DDP
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Auch nach 30 Jahren hängen die Deutschen unverändert an der CD: 2009 kauften sie immerhin noch 147,3 Millionen Musik-Alben auf Compact Disc. Verglichen mit nur 56,9 Millionen Musik-Downloads ist sie damit weiter der beliebteste deutsche Tonträger – "entgegen aller Erwartungen", wie der Bundesverband Musikindustrie betont.

Damit ist der deutsche Musikmarkt weltweit eine Ausnahme. Als Gründe der anhaltenden Beliebtheit der Silberscheiben vermutet der Verband ein "vergleichsweise konservatives Konsumentenverhalten", das von der Branche mit aufwändigen Editionen gestützt wird. Dabei war der Speicher-Dinosaurier eigentlich längst totgesagt: Ab dem Jahr 2000 gingen die CD-Verkäufe in nur drei Jahren von mehr als 200 Millionen um mehr als ein Viertel zurück, doch seit sieben Jahren sind die Verkäufe stabil.

Dass die CD überhaupt ein Erfolg werden und sowohl der Langspielplatte als auch der Compact Cassette den Rang ablaufen könnte, war vor 30 Jahren nicht abzusehen und eigentlich eher unwahrscheinlich. Das Bonner Haus der Geschichte würde den runden Geburtstag der Compact Disc gern schon am 15. April feiern, ihre Erfinder Philips und Sony wohl lieber erst 2012. Denn als die beiden Konzerne ihre Gemeinschaftsentwicklung vom 4. bis zum 18. September 1981 auf der 33. Internationalen Funkausstellung in Berlin erstmals der Öffentlichkeit präsentierten, glaubte niemand so recht, dass diese zwölf Zentimeter breite Silberscheibe mit 74 Minuten Spieldauer eine Chance hätte.

Philips konnte keine CDs anbieten, Sony keine CD-Player

Für das Misstrauen gab es im Herbst 1981 zwei gute Gründe: Philips konnte keine CDs anbieten, Sony keine CD-Player. Zudem traute Philips und Sony 1981 niemand zu, dass ausgerechnet sie einen neuen Abspiel-Standard für Musik etablieren könnten. Die beiden Unternehmen befanden sich in der damaligen System-Schlacht verschiedener Video-Systeme gerade auf dem Weg des Scheiterns: Philips, einst Erfinder der Compact Cassette, rannte mit dem System „Video 2000“ auf Kosten seiner Kunden in die technische Sackgasse, Walkman-Erfinder Sony fand keine Mitstreiter für sein "Betamax"-Format gegen die VHS-Konkurrenz.

"Die neue Laser-Schallplatte lässt sich auf Plattenspielern nicht abspielen"

Die damals nur von Freaks gelesene "Computerwoche" – der erste IBM-PC für den Hausgebrauch war erst im August 1981 auf den Markt gekommen – bescheinigte den beiden Unternehmen "Mut", sagte der CD aber keine große Zukunft voraus: Die neue "Laser-Schallplatte" lasse sich schließlich auf herkömmlichen Plattenspielern gar nicht abspielen. "Mit der Vorstellung der neuen Wiedergabetechnik war damit automatisch die Aufforderung an den Verbraucher verbunden, seine bisherige Plattensammlung samt Abspielgerät in die Mülltone zu werfen", schloss das Magazin – und behielt mit seiner Skepsis fast zehn Jahre lang recht. Sowohl bei Sony als auch bei Philips haderten die Ingenieure lange mit dem Format der neuen "Laser-Schallplatte". Sony sah anfangs keinen Grund, warum die CD nicht die gleiche Größe wie eine Langspielplatte haben sollte. Dabei lag er auf der Hand: Niemals hätten die Plattenverlage und Musiklabels damals einem System zugestimmt, bei dem mehrere Langspielplatten auf eine Laser-Scheibe gepasst hätten. Ihr Absatz-Konzept klebte am "Album".

Den Philips-Ingenieuren konnte die neue CD dagegen gar nicht klein genug sein. Der spätere Sony-Boss Norio Ôga, der in Berlin an der Hochschule der Künste studiert hatte, soll das 1980 im "Red Book" endgültig festgelegte CD-Format schließlich durch eine inhaltliche Forderung bestimmt haben: Auf eine CD müsse mindestens die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven passen, verlangte er. Wohl ins Reich der Legende gehört, dass ausgerechnet der ausgebildete Opernsänger und Karajan-Fan Ôga dabei als Maßstab auf der etwas längeren Einspielung Wilhelm Furtwänglers bestanden haben soll – statt auf der Fassung Herbert von Karajans, der die Berliner Symphoniker gute acht Minuten schneller durch die Notenberge der Neunten dirigiert hatte.

Gemeinsame CD-Entwicklung 1979

Als der Chef von Philips’ Audio-Abteilung, Joop van Tilburg, und Sony-Präsident Akio Morita die gemeinsame CD-Entwicklung 1979 verkündeten, sicherten sie sich die Unterstützung Karajans, der fortan kräftig die Werbetrommel für das Projekt "Compact Disk" rührte. Der frühere Philips-Ingenieur und spätere Mathematik-Professor der Uni-Essen, Kees A. Schouhamer Immink, der Mitglied des Entwickler-Teams war, bestritt im Gegensatz zur offiziellen Philips-Darstellung, dass Beethoven überhaupt etwas mit der Speicher-Größe der CD zu tun hatte: "Diese Geschichten sollten Sie nicht glauben."

Aus Sicht der Philips-Ingenieure sollte die CD mit einer Laufzeit von 74 Minuten auf eine Breite von 11,5 Zentimetern kommen. Sony schlug dagegen 12 Zentimeter vor. Da das Philips-Argument, 11,5 Zentimeter seien kompatibler zu vielen europäischen Normen, für ein weltweites Produkt wenig überzeugend war, verlegten sich die Philips-Ingenieure auf eine abenteuerliche Behauptung: Mit 12 Zentimetern Durchmesser könne man die CD nicht mehr in eine normale Tasche eines Sakkos stecken. Um das Gegenteil zu beweisen, ließ Sony weltweit Mitarbeiter ausschwärmen und nachmessen. Das Ergebnis: 12 Zentimeter stellten nirgends ein Problem dar.

Die erste gepresste CD war das ABBA-Album "The Visitors" Die ersten CDs, die dann tatsächlich in Massen gepresst wurden, enthielten weder die Furtwängler- noch die Karajan-Version von Beethovens 9. Sinfonie. Die erste am 17. August 1982 in Philips‘ frisch errichtetem CD-Werk in Hannover-Langenhagen gepresste CD war das ABBA-Album "The Visitors". Aus dem Platten-Katalog der deutschen Polygram, die damals zu Philips gehörte, wurden bis zum Jahresende 150 Titel als CD angeboten. Während Philips bei der CD schneller war, warf Sony mit dem Modell CDP-101 am 1.Oktober 1982 den ersten CD-Player auf den Markt. Die erste Sony-CD aus dem Platten-Fundus seiner Firma CBS war Billy Joels "52nd Street", rund 100 weitere Titel folgten. Und dann passierte erst einmal lange nichts, was nach einem spektakulären Erfolg für die CD aussah. Das lag auch daran, dass das bestehende Repertoire der Platten-Labels einfach in analogen Aufnahmen auf die CD übertragen wurde.

Dire Straits brachten die Wende

Erst das berühmte Album "Brothers in Arms" der Dire Straits, das Philips 1985 als eines der ersten vollständig digital aufnehmen ließ, schoss auch verkäuferisch mit mehr als einer Million Exemplare durch die Decke. Doch die meisten Label produzierten bis zum Ende der 80er Jahre weiter von jedem neuen Album neben der CD auch eine Langspielplatte. Und dann passierte, was die Erfinder gar nicht auf dem Schirm hatten, als sie 1981 auf der IFA ihre "Laser-Schallplatte" vorstellten: Die CD entwickelte sich zum universellen Datenträger. "Wir hätten uns niemals vorstellen können, dass die Computer- und Unterhaltungsindustrie sich ebenfalls für die digitale CD als Speichermedium entscheiden würde", so Piet Kramer, der in der Optical Group von Philips an der CD-Entwicklung mitarbeitete.

Die CD entwickelte sich zur DVD und zur Blue-ray-Disk weiter, doch das Ur-Fomat von zwölf Zentimetern Durchmesser mit einem 1,5 Zentimeter breiten Loch in der Mitte wurde nie angetastet. Und das alles Dank Beethoven.

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Quelle: RP