Erstes Album der Pop-Sensation

Traurige Lieder von Lana del Rey

Erstes Album der Pop-Sensation: Traurige Lieder von Lana del Rey Erstes Album der Pop-Sensation: Traurige Lieder von Lana del Rey Foto: dpa, Jörg Carstensen
Von |

Die 25-jährige Amerikanerin lieferte mit "Video Games" den Hit des vergangenen Jahres. Am Freitag erscheint nun ihr erstes Album. Es versammelt zwölf tief melancholische Stücke. Wer die Lieder hört, fragt sich: Warum haben heute so viele Musiker schlechte Laune?

Starke Stimme: Lana del Rey - der neue Star am Pop-Himmel Starke Stimme: Lana del Rey - der neue Star am Pop-Himmel Starke Stimme: Lana del Rey - der neue Star am Pop-Himmel Starke Stimme Lana del Rey - der neue Star am Pop-Himmel 12 Fotos Gerne würde man eine neue Platte mit gut gelaunter Musik hören, mit lebenbejahenden Liedern und daseinstrunkenen Texten. Stattdessen sind Musiker heute immer bloß traurig, so hat es zumindest den Anschein.

Junge Männer lassen sich Bärte stehen, gehen in den Wald und singen zur Gitarre von der Einsamkeit. Und die Frauen wollen lieber älter wirken, deshalb ziehen sie sich an wie ihre Mütter und schreiben Songs, die klingen, als habe Dusty Springfield sie einst unter Tränen komponiert.

Vielleicht ist das so in Krisenzeiten, man sehnt jene Tage zurück, als es den Menschen besser ging. Allmählich wird die Nostalgie jedoch zur Obsession, es hat kein Künstler mehr den Mut, die Gegenwart zum Klingen zu bringen – ausgenommen Lady Gaga, wobei deren aktuelles Album in seiner Unzumutbarkeit eher hochmütig als couragiert wirkt.

Sehr gut und sehr langweilig

Die Sängerin, die also am besten in diese Zeit passt, weil sie mit 2012 so gar nichts am Hut hat, ist Lana del Rey. Am Freitag veröffentlicht die 25-Jährige ihr Debütalbum. "Born To Die" ist sehr gut. Und sehr langweilig.

Lana del Rey lernten einige bereits im Sommer über das Internet kennen. Sie hatte ihren Song "Video Games" hochgeladen und einen Video-Clip gestaltet, ausschließlich aus sepiabraunen Super-8-Bildern. "Video Games" wurde das Lied des Jahres, von Herbst an konnte es jeder mitsingen, und tatsächlich ist es perfekt.

Single "Video Games" erobert die Charts: Pop-Sensation Lana del Rey Single "Video Games" erobert die Charts Pop-Sensation Lana del Rey Zum Artikel » Als "Hollywood Sadcore" bezeichnet die Künstlerin das von ihr erfundene Genre: eine Mischung aus weißem Soul und digitalem R'n'B, aus "Wenn die Gondeln Trauer tragen" und "Lost Highway". Im Zentrum steht dabei die Stimme, tief und betörend. Die Produzenten legen Hall darauf, und das ergibt eine seltsam unheilvolle und doch unwiderstehliche Atmosphäre.

Das Album führt diese Masche nun fort, natürlich, denn sie ist enorm erfolgreich. Es gibt kaum eine Musikerin, über die in den vergangenen Monaten so intensiv berichtet wurde; die Öffentlichkeit ist verliebt in das Mädchen, um deren Kopf Weltschmerz und Seelenpein in grauen Wölkchen stehen.

Von Luft und Liebe

Und Lana del Rey liefert reichlich Bilder zur Illustration ihrer Musik. Im Ski-Ort Lake Placid wuchs sie auf, sagt sie. Ihr Vater ist mit Geschäften im Internet reich geworden, 14-jährig wurde sie aufs Internat geschickt, mit 18 ging sie nach New York.

 In der großen Stadt lebte sie von Luft und Liebe, dann nahm sie eine Platte auf, darauf hört man hübsche Arrangements, nett und austauschbar; im Internet findet man sie heute noch. Im Laden hingegen nicht mehr, das Album wurde rasch vom Markt genommen, denn bald erkannten einflussreiche Leute das Talent von Elizabeth Grant – so heißt sie bürgerlich.

Neues Album: "Born to die": Lana Del Rey auf Platz Eins mit "Viedeo Games" Neues Album: "Born to die" Lana Del Rey auf Platz Eins mit "Viedeo Games" Zum Artikel » Sie gaben ihr 10.000 Euro Vorschuss, davon ließ sie sich die Lippen aufspritzen, und einige Zeit später kam "Video Games". Es gibt Menschen, die erklären den Erfolg von Lana del Rey mit den Begriffen Echtheit und Natürlichkeit. Sie sei das Gegenstück zur Kunstfigur Lady Gaga. Nichts ist indes falscher: Was Lana del Rey tut, ist das Gleiche, was ihre Kollegin macht: nachahmen und parodieren. Ähnliches Verfahren, anderes Ergebnis.

Extrem langsames Tempo

Lana del Rey tritt auf wie die sardonische Halbschwester von Mrs. Robinson aus dem Film "Reifeprüfung": Über die Sachen, von denen sie singt, hat man selbst Erwachsene bisher nur flüstern hören. Sie lockt, und man weiß nicht, ob man folgen oder weglaufen soll, denn beides dürfte schmerzhaft werden.

Es geht um Leidenschaft und Trennung, um existenzielle Dramen und die Lust am Verbotenen. Das Tempo der Lieder ist extrem langsam, was ihre Eindringlichkeit noch verstärkt, und dass Lana del Rey gelegentlich betont, dass der späte Jim Morrison und Elvis ihre Hausheiligen seien, nimmt man ihr gern ab. Einige Stücke sind denn auch programmatisch betitelt: "Dark Paradise" und "Summertime Sadness" etwa.

Starke Stimme & Lolita-Charme : Lana del Rey - an dieser Frau kommt (fast) keiner vorbei Starke Stimme & Lolita-Charme Lana del Rey - an dieser Frau kommt (fast) keiner vorbei Zum Artikel » Guy Chambers, ehemals Produzent von Robbie Williams, und Eg White, der schon für Adele arbeitete, haben die zwölf Songs großartig und tadellos eingerichtet. Der Titelsong des Albums, "Born To Die", reicht gar an die erste Single heran. Manche Stücke fallen hingegen ab, es sind die beat-lastigen Nummern, die sich allzu frech aus dem HipHop bedienen.

Musikalischer Transit

Trotz der hochwertigen Produktion verhindert irgendetwas, dass man beim Hören dieser CD in Euphorie fällt. Vielleicht liegt es daran, dass man das alles eigentlich schon über hat: diesen brüchigen Glamour, die Bilder von Flamingos mit verschmutztem Gefieder.

Überhaupt ist es kaum nachvollziehbar, warum die Plattenfirma dieses Album nicht schon vor Weihnachten veröffentlichte. Es hätte erfolgreicher werden können als die Sammlung nachgelassener Songs von Amy Winehouse.

Die Musik von Lana del Rey wirkt geliehen. Lieber hätte man etwas Eigenes. Etwas, das einen zurück in die Zeit bringt, in der man lebt. Das hier ist musikalischer Transit. Hoffentlich kommt bald jemand und holt uns aus dem Wartesaal. Wer auch immer es sein mag, Lana del Rey ist es nicht.

Du bist bei Facebook? Dann werde hier Fan von TONIGHT.de!

Quelle: RP