Freitag erscheint die neue CD

So klingt der neue Robbie Williams

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Freitag erscheint „Reality Killed The Video Star”, das von Trevor Horn produzierte achte Studio-Album von Robbie Williams. Es soll den 35-jährigen Engländer nach persönlichen Krisen und einer dreijährigen Auszeit zurück zu alter künstlerischer Stärke führen. Das gelingt nur teilweise. In den vergangenen Jahren dürfte sich Robbie Williams häufig gefragt haben, was von ihm als Künstler eigentlich bleiben wird. Auch wenn das bei einem Popstar mit derart gewaltigem Erfolg zunächst verblüffen mag: Die Frage ist im Falle des 35-jährigen Williams berechtigt und ziemlich schmerzhaft. Und die Antwort, die man nach Veröffentlichung seines neuen Albums „Reality Killed The Video Star” darauf geben möchte, wird ihn nicht glücklich machen.

Die Kunst von Robbie Williams ist extrem flüchtig: In seinen besten Momenten schaffte er es, seine Zeit zu bebildern, ein allgemeines Gefühl in große musiktheatralische Vorstellungen zu übersetzen. Das vormalige Mitglied der Band Take That wurde zum hinreißenden Solokünstler, indem es eine in der Gosse erlernte Wendigkeit und seinen Hang zum Kitsch in einer neuartigen Entertainer-Figur vereinte.

Selbstironie als Bestandteil der Popmusik

Diese Figur war von der Wirklichkeit inspiriert, aus ihr heraus geschaffen, aber sie überragte sie doch. Williams gab ihr eine Erzählung. Er berichtete in Texten und Interviews vom Leben des Popstars, von dessen Schwierigkeiten, immer mit einem Augenzwinkern, seinem Markenzeichen. Es ist das große Verdienst von Robbie Williams, die Selbstironie zu einem wichtigen Bestandteil der zeitgenössischen Popmusik gemacht zu haben. Man darf diese Leistung nicht unterschätzen. Eine Hörer-Generation erprobte daran ihre Männlichkeit oder richtete ihre Vorstellung von Männlichkeit danach aus.

Dass er ein solches Bühnen-Ich überhaupt entwickeln konnte, hat er seinen Songschreibern und Komponisten zu verdanken, die ihn mit ästhetisch einwandfreiem, teils überwältigendem Material versorgten und ihm damit Sicherheit gaben und Freiraum. Songs wie „Feel” und „Angels” können den Himmel in Goldglanz tauchen. „Supreme” und „Let Me Entertain You” eröffnen einen neuen Blick auf die Möglichkeiten des Lebens. Mit einer aufreizenden Lässigkeit wechselte er die Stile, was seine Konzerte ­ womöglich sein Hauptwerk ­ zu Ereignissen werden ließ. Nicht in den USA zwar, wo er nie Erfolg hatte und seine Songs nicht mehr veröffentlicht werden, wohl aber im Rest der Welt wurde Robbie Williams zum Phänomen, ein eng an seine Zeit gebundenes.

Das alte Album hat sich schlecht verkauft

Nun sieht es so aus, als habe er nach dem schwachen Album „Intensive Care” und dem engagierten, aber schlecht verkauften „Rudebox”, nach persönlichen Krisen, dem Rauswurf seines Songwriting-Partners Guy Chambers und einer dreijährigen Auszeit seine große Stärke verloren: das Gefühl für die Gegenwart. Das neue Album hat zwei große Momente: Der Eröffnungssong „Morning Sun” ist eine intensive Ballade, die sich in beatleske Höhen aufschwingt ­ er müsste verrückt sein, wenn das nicht die nächste Single-Auskopplung wäre. Außerdem ist da „Blasphemy”, beste britische Song-Kunst, allein schon die Phonetik ist hier ein Genuss. Der Rest ist jedoch am Künstler vorbei produziert. In keinem Song werden Arrangements, Texte und Gesten den Talenten von Robbie Williams durchgängig gerecht.

Es sollte ein großes Album werden, das hatte sich Robbie Williams gewünscht. Eines, das bleibt, dessen Titel man nennt, wenn sein Name fällt. Man merkt den zumeist im Midtempo plätschernden Nummern die zwanghafte Suche nach Zeitlosigkeit und Klassiker-Potential an. Produzent Trevor Horn, der vor 25 Jahren die Rotlicht-Popper Frankie Goes To Hollywood schuf und Grace Jones das gigantische „Slave To The Rhythm” einrichtete, bedient sich ausgiebig bei den Harmonikern der Pop-Historie. Man kann ein Musik-Quiz mit der Platte veranstalten, sie hat kaum originelle Momente, alles ist Eklektizismus.

Es kommt nicht zur Erfüllung

Eine Ballade klingt nach Elton John, es gibt Pet-Shop-Boys-Bezüge, den von Michael Cretu geborgten Sakral-Gesang aus dem Background in „Bodies” und leider auch einen Ausflug in die übelsten Regionen des 70er-Rock ­ im Totalausfall „Do You Mind” etwa. Mal hört man einen gelungenen Refrain, mal einen Wechsel in den Sprechgesang, der viel verheißt. Aber es kommt nicht zur Erfüllung. „Reality Killed The Video Star” wirkt wie eine Collage, die Bruchlinien wurden mit technischer Perfektion übertüncht. Kein Titel sprengt die Gediegenheit der Sonntagmorgen-Stimmung. Aber das war eben die Stärke von Williams, erst Champagner zu servieren, dann heiße Schokolade. Hier ist alles Wasser ohne. Pop-Rock.

Robbie Williams ist in seinem Spätwerk angekommen. Er hat die Zeit verlassen, die seine Inspiration war, er ist der Gegenwart abhanden gekommen. Vielleicht verwirklicht dieses Album seine Vorstellung von einer erwachsenen Platte. Immerhin setzt er einiges Vertrauen in das Produkt. Bislang kündigte er keine Tournee an, die neue Veröffentlichung ist also nicht der Vorwand, mit Konzerten großes Geld zu verdienen. Das ist mutig. Man wünscht ihm Erfolg. Die Produktion soll immens teuer gewesen sein, floppt sie, könnten Plattenfirmen künftig noch zurückhaltender sein bei der Förderung von Musikern, die nicht in der Liga von U2, Madonna, den Stones und auch Coldplay spielen.

Was bleibt von Robbie Williams nach dieser Platte? Es könnte Wehmut sein.

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Quelle: rpo