Für Elektro-Fans

„Bolero“ unter Karajan - in der Techno-Version

Für Elektro-Fans: „Bolero“ unter Karajan - in der Techno-Version Für Elektro-Fans: „Bolero“ unter Karajan - in der Techno-Version Foto: !K7
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Seit ein paar Jahren versucht die Deutsche Grammophon, Hörer aus den verschiedenen Szenen der Popkultur zu gewinnen. Für die schöne Reihe „Yellow Lounge“ etwa stellen Musiker wie Rufus Wainwright ihre Lieblingsklassiker zusammen, zur Veröffentlichung der CD-Sampler werden Menschen, die sonst Gitarren und Rockröhren mehr mögen als Fagotte und Orgelpfeifen, zur Party in Berliner Clubs geladen. Auch für Fans der elektronischen Musik unterhält das Label eine Reihe - „Recomposed“. Zwei Folgen sind erschienen, mit engagierten Bearbeitungen orchestraler Werke, die allerdings wenig gelungen klingen. Jetzt kommt die dritte Ausgabe. Sie ist ein großer Wurf. Carl Craig und Moritz von Oswald durften sich dafür aus dem Schatz der Karajan-Einspielungen bedienen. Craig lebt in Detroit und produziert edel-dunklen Erwachsenen-Techno, aus dem Soul gespeist, im Jazz mündend. Der klassisch ausgebildete Schlagzeuger von Oswald ist Teil der Berliner Techno-Projekte Basic Channel und Rhythm & Sound und beeinflusst die Szene seit den 1990er Jahren mit epischen Stücken, die tief im Reggae gründen, mit dieser Musik aber nur mehr die weiten Hallräume gemein haben. Die Zusammenarbeit der beiden Musiker ist allein schon eine kleine Sensation.

Rund ein Jahr bohrten Craig und von Oswald die Gassenhauer „Bolero“ von Ravel und „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgsky auf, zerlegten und entkernten sie, fügten neu zusammen. Das Ergebnis ist ein eigenes Werk, das von Ravels Komposition nicht viel mehr stehen lässt als den Rhythmus und ein paar Begleitakkorde. Die Deutsche Grammophon borgte dem Duo die 16-Spur-Bänder mit den Originalaufnahmen Karajans. So konnten sie Harfe, Becken, Trompeten herausnehmen, einzeln manipulieren und auf Basslauf, Beats und Trommelwirbel streuen. Dabei gingen Craig/von Oswald nicht persiflierend vor. Sie behandeln ihr Material mit Respekt.

Das lange, in sechs Teilen dargereichte Stück fließt mächtig dahin. Es begnügt sich mit wenigen Melodiezitaten, nimmt die Stimmungen der Originale auf, das repetitive Moment, macht daraus erst Minimal Music im Stile Steve Reichs und wird dann zu düster-wuchtigem Techno. Eine faszinierende Platte, die sowohl für Klassik als auch für Techno Sympathie wecken wird.

„Recomposed by Carl Craig und Moritz von Oswald“, Deutsche Grammophon, CD und 2 LP

Quelle: rpo