Hosen-Sänger in Düsseldorf

Campino führt durch sein Leben

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Am Donnerstag bringt die ARD in der Reihe "Deutschland, deine Künstler" einen Beitrag über den Sänger der Toten Hosen. Campino präsentiert sich in dem sehenswerten Film als verletzbarer Mensch, der streng zwischen Bühnenfigur und Privatmann unterscheidet.

Die schönste Szene dieses Films spielt in der Küche, es sieht dort sehr nach Junggeselle aus. Das ist ein Gewirr aus Evian-Kisten, Gewürzdosen, Zetteln, Kaffeetassen. Am Tisch sitzt er selbst, vor sich ein Gebirge aus Schulheften, darin notiert er Ideen für Songs, Gedanken, Beobachtungen. Die Kamera zoomt auf eine krakelige Kinderschrift, sie gehört einem Jungen von 47 Jahren, und er liest diese Passage vor: "Im Schlaf sieht selbst ein Wolf friedlich aus." Er lacht, "na ja", er verzieht das Gesicht zu diesem Grinsen, dem Campino-Grinsen. Nicht alles sei gelungen, sagt er, das müsse er zugeben. Und dafür mag man ihn, den Sänger der Toten Hosen, für diese Selbstironie. Überhaupt mag man ihn nach dieser Dreiviertelstunde ein wenig lieber als zuvor.

Übermorgen bringt die ARD in der Reihe "Deutschland, deine Künstler" einen Beitrag über Andreas Frege, den alle Welt unter dem Namen eines Lutschbonbons kennt. Der Regisseurin Cordula Kablitz-Post ist ein bemerkenswertes Porträt gelungen, weil sich der Musiker öffnet, mehr von sich preisgibt, als er müsste. Campino führt die Zuschauer zu seinen Lieblingsorten in Düsseldorf, der Eisdiele "Eisbär" in Flingern und natürlich zum Ratinger Hof, seinem "Wohnzimmer", wie er sagt. Er lässt sich beim Kickboxen in der Kampfsportschule Kaminari in Wersten beim Training filmen, da fährt er in seinem schwarzen Audi hin.

Manchmal inszeniert er sich. "Ich habe ja immer nur das Härteste gehört, das ich kriegen konnte", sagt er, "als Kind war Hang on Sloopy von den McCoys mein Einschlaf-Lied", ja, so sei das gewesen. In Argentinien gibt er im Radio-Interview mit seinen Drogen-Erfahrungen an, ihr habt ja tolle Sachen hier – in diesem Stil. Aber er kontert diese Show-Einlagen in intimen Gesprächs-Einspielern. Campino, sagt er, das sei eine Kunstfigur. Und der Mensch dahinter möchte nicht, dass sein Sohn dereinst betrunken Auto fahre, wie der Vater es früher getan habe. Es ist bezeichnend, dass er dabei nach einem Konzert hinter der Bühne sitzt, der nackte Oberkörper schneeweiß, die Haare wirr, die Stimme heiser. Campino ist verletzbar.

Er besucht seinen großen Bruder John, der als Lehrer in Berlin arbeitet. Der sagte dem damals 16-jährigen Campino nach dessen miserablem ersten Auftritt mit der Band ZK im Ratinger Hof, dass man Leistung bringen müsse, wenn man wolle, dass die Leute kommen und auch noch bezahlen. Und das sei so etwas wie der wichtigste Satz in seinem Leben geworden. "Du und dein jämmerliches Bekanntsein", sagte der Bruder, als er ihn besoffen bei einer Diskussion im TV gesehen habe. Danach trat Campino kürzer, lebte bewusster, arbeitete professioneller. Und was der Bruder ihm bedeutet, spürt man bei der liebevoll-ruppigen Vorstellung für die Kamera: "Das ist der Mann, der mir AC/DC und die Sex Pistols unter den Weihnachtsbaum gelegt hat." Und dann: "Ich habe lange gedacht, ich kann noch was anderes außer Musik. Irgendwann habe ich gemerkt, das war Selbstbeschiss."

Das ist der Glücksfall eines Porträts, dem man glaubt, dass der Dargestellte wirklich so ist. Campino wirkt melancholisch, aber zufrieden. Unbehaust, aber stolz. Man darf ihm beim Staunen darüber zusehen, wie sich sein Denken verändert. "Seit ich Vater bin, verstehe ich meine Eltern besser." Er bedauere, dass er es nicht geschafft habe, mit der von ihm getrennt lebenden Mutter seines fünfjährigen Sohnes Familie zu sein.

Am Ende klagt Campino darüber, nie ein fantastisches Liebeslied geschrieben zu haben. Er mag es kitschig. Wäre ihm jemals ein Song wie das durch Sinead O' Connor berühmt gewordene "Nothing compares 2 u" gelungen, sagt er, "dann hätte ich sofort aufgehört."

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Quelle: rpo