Im März in Düsseldorf

Grace Jones - Sirene von Sodom

Im März in Düsseldorf: Grace Jones - Sirene von Sodom Im März in Düsseldorf: Grace Jones - Sirene von Sodom Foto: ddp
Von |

Sie ist einer der größten Popstars der 80er Jahre. Nun geht Grace Jones nach langer Zeit wieder auf Tournee. Die 60-jährige Sängerin zeigte in London eine umwerfende Vorstellung mit den Hits von früher und Songs vom Comeback-Album „Hurricane“. Im März gastiert sie in Düsseldorf.

Der Lärm ist unerträglich, einige halten sich die Ohren zu, andere schreien, minutenlang geht das so, Krach. Aber plötzlich ist Ruhe, und eine mächtige Männerstimme spricht in die schmerzhafte und effektvolle Stille hinein diese Worte: „Ladies and Gentleman: Miss Grace Jones.“ Dann fällt der schwarzseidene Vorhang, und sie steht da. Auf einer Hebebühne. Mit einem irren Kopfschmuck, der an das erinnert, was am Weihnachtsbaum auf der Spitze steckt. In einer Corsage, die an den olympischen Beinen so hoch ausgeschnitten ist, dass Sodom und Gomorrha auf einen Tag fallen. Auf High Heels, hoch und spitz und sexuell. Eine Mischung aus Josephine Baker, Mrs. Robinson und etwas Androidem. Sie fletscht die Zähne, sie fährt die Krallen aus, sie singt eine aufreizend langsame Version des Songs „Nightclubbing“. Die Lichttechnik taucht sie in dramatisches Rot. Das ist Grace Jones.

Mit 60 Jahren geht das ehemalige Model und Bond-Girl, die Muse von Andy Warhol und Königin des Cool, wieder auf Tournee. An vier Tagen spielt sie drei Konzerte im Roundhouse in London, einem dickbäuchigen, turmartigen Gebäude, in dem früher Lokomotiven gewendet wurden. Alle sind nach Camden gekommen, die Nadelstreifen aus der City, die Ladies und Gatten, die jungen Lümmel mit den spitzen Schuhen, die höheren Töchter mit den A.P.C-Kleidern, die bunten Vögel mit Flitter-Lidschatten und Vollbart und die Wagemutigen, die feinste und wahnsinnig teure Blazer zu Tarnhose und Armeestiefeln kombinieren. Man trinkt schweren Wein, der in Liter-Flaschen ausgegeben wird, was gut aussieht, aber unpraktisch ist, und da hinten steht der Sänger Bryan Ferry von Roxy Music. Am Ende werden sie die Köpfe schütteln, „unfassbar!“ murmeln, um Zugaben bitten, nicht heim wollen.

Grace Jones breitet ihre musikalische Biografie als Revue aus: „My Jamaican Guy“, „Pull up to the Bumper“, „La Vie en Rose“ und Titel ihres ersten Albums seit 19 Jahren, dem umwerfenden „Hurricane“. Sie murmelt, steigert sich in einen theatralischen Sopran, das schwarze Volumen ihrer Stimme und die gekünstelte Melodieführung ergänzen einander perfekt. Das ist der typische Sound aus Reggae, New Wave und Electropop. Zu jedem der Songs, die von der Band umwerfend gut, weil herzrhythmusstörend basslastig, massiv, elektronisch verstärkt und quasi robo-jamaikanisch interpretiert werden, präsentiert sie ein neues Hut-Kunstwerk des Designers Philip Treacy: Kaiser-Wilhelm-Pickel, Irokesen-Sägeblatt, Feder-Fontäne.

Der Höhepunkt dieses Festes der vorgeblichen Sündhaftigkeit ist „Love is the Drug“. Die Halle ist komplett dunkel, nur eine kaltblaue Lichtsäule fällt von der Decke auf die Bühne. Grace Jones tritt ein, sie trägt einen metallischen Helm, und wenn sie den Kopf bewegt, zerstäubt dessen Visier das Licht in grelle Blitze wie das Stroboskop in der Disko. Man erkennt nichts mehr, steht unter visuellem Schock, die Augen tränen. Dazu dreschen die Lautsprecher eine ultrabeschleunigte Variante des Hits „Love is the Drug“ auf die Köpfe des Publikums. Der Genuss ist größer als die Sehnsucht nach Erbarmen.

Es ist eine urbane Performance. Sie stammt aus einer Zeit, als man es sich leisten konnte, verantwortungslos zu sein, und Hedonismus das höchste Ideal war. Es ist der Geist des Studio 54, der heidnischsten und champagnerseligsten der New Yorker Clubs. Dort begann Grace Jones in den späten 70ern. Schon damals unterschied sie zwischen Kunst und Leben, Pose und Sein. Dieser Gegensatz würzt heute noch ihren Auftritt.

Nach jedem Vortrag verschwindet Grace Jones im Dunkel der hinteren Bühne zur Umkleide. Ihr Mikrofon bliebt offen, und sie kommentiert in diesen amüsanten Pausen ihr Image, redet über Abgründigkeit und „boys“ und persifliert die professionelle Exaltiertheit ihrer Bühnenexistenz. Sie wolle ja eigentlich gar nicht mehr, aber ihr Management habe gesagt, sie solle doch, und deshalb sei sie hier, „weil ihr wollt, dass ich soll“. Sie erzählt von einem japanischen Radio-Journalisten, der mit ihr einen Interview-Termin verabredet habe. Aber er kam er nicht. „Er hat mich auf der Bühne gesehen und Angst bekommen“, sagt sie und lacht dieses Lachen, das bei Männern freudsche Verlustängste provoziert und ihr deshalb Vergleiche mit Raubtieren und allerlei fauchenden Nachtwesen eingebracht hat.

Doch Grace Jones will nur spielen. Wenn sie ihren Platz an der Stange einnimmt, schlurft die 1,80 Meter große Sirene aus Spanishtown mit gesenkten Lidern an die Stelle, wo die Windmaschine ihr Kostüm aus Stoffstreifen hochpusten soll. Beginnt die Musik, ist sie sofort präsent als übersexualisiertes Zwitterwesen. Die Figur, die sie spielt, kann man sich nur auf einer Chaiselongue liegend vorstellen, von ölig muskelglänzenden Lustknaben mit Trauben gefüttert und stets ein bisschen gelangweilt „Darling“ rufend. Just diese Projektion ist es, die ihre Inszenierung ermöglicht. Wir sind Teil der Show, wir sind junge Römer.

Zuletzt bringt sie „Slave to the Rhythm“, den Knaller von 1985. Dabei hält sie einen Hula-Reifen auf der kreisenden Taille. Das Publikum ist kaum zu beruhigen. Sie lacht dieses Lachen.

Als die Musik in diesem Tempel verklingt, sehnen sich viele danach, ihre Literflaschen Wein zu vergolden, Walpurgisnacht zu feiern und mit Champagner spritzen. Dann geht das Licht an.

Grace Jones tritt am 26. März in der Philipshalle in Düsseldorf auf. Tickets gibt es unter www.rp-ticket.de und unter der rp-ticket-Hotline 0180/3303330.

Quelle: rpo