Interview mit dem c/o-pop-Chef

"Die Popkomm in Berlin hat versagt"

Interview mit dem c/o-pop-Chef: "Die Popkomm in Berlin hat versagt" Interview mit dem c/o-pop-Chef: "Die Popkomm in Berlin hat versagt" Foto: Christian Schäfer

Nobert Oberhaus, Geschäftsführer der c/o pop in Köln, über die gestiegene Bedeutung für sein Festival mit angeschlossener Messe. Nach der Absage der Popkomm rechnet man in Köln mit rund 30 000 Besuchern. Übermorgen beginnt in Köln die c/o pop. Dem Musikfestival mit angeschlossener Messe kommt im sechsten Jahr seines Bestehens eine besondere Bedeutung zu: Nach der Absage der Popkomm in Berlin ist es zum wichtigsten Forum der Musikwirtschaft geworden. Außerdem will es weiterhin ein Fest für Fans sein: Mehr als 30000 Besucher werden bei den Konzerten von Künstlern wie Whitest Boy Alive und Bill Callahan erwartet. Wir sprachen mit Norbert Oberhaus, Geschäftsführer der c/o pop, über die gewachsene Verantwortung.

Sie haben angekündigt, die c/o pop mache 2009 erstmals Gewinn. Wie kann das sein – mitten in der Krise?

Oberhaus Weil wir stabile Zahlen bei den Festival- und Fachbesuchern erwarten. Sie steigen sogar leicht an. Zudem konnten wir auf der Zielgeraden noch einige Kooperationen mit Sponsoren vermelden – auch in Folge der Popkomm-Absage. Und die Förderungen von Stadt und Land blieben ebenfalls stabil.

Was machen Sie anders als die Popkomm in Berlin? Die wurde mit dem Hinweis auf die Internet-Piraterie abgesagt.

Oberhaus Ich denke, wir alle wissen, dass dies nicht der eigentliche Grund für die Absage ist. Der Komplex illegale Downloads im Zuge der Digitalisierung des Musikmarktes ist weiß Gott kein neues Problem. Was hilft es da, eine Messe abzusagen? Im Gegenteil, man muss nach Lösungen suchen! Wenn wir uns dem Phänomen, dass junge Menschen offensichtlich kein Problem damit haben, von oben herab kriminalisiert zu werden, nicht stellen, dann bekommen wir noch andere Probleme. Auf der anderen Seite muss man aber auch festhalten: Eine Messe wie die Popkomm ist dafür auch nicht mehr das richtige Format und der richtige Ort, um solche Fragen zu diskutieren. Hier bedarf es der Entwicklung neuer Plattformen und Modelle, und hier hat die Popkomm versagt.

Was sind neue Formate?

Oberhaus Man muss den Leuten Gelegenheit geben, die Fragen zu stellen, die sie beschäftigen – und sie dann gemeinsam diskutieren. Man muss Räume schaffen zum Austausch über Fragen wie: Welchen Wert hat Musik heute eigentlich noch? Und sind junge Leute grundsätzlich dazu bereit, dafür zu bezahlen? Bei dieser Debatte können wir es uns nicht erlauben, den Konsumenten außen vor zu lassen. Wir bringen gezielt Menschen aus verschiedenen Branchen zusammen. Mehr denn je gilt: Was können andere Branchen von den Fehlern und den Erfahrungen der Musikbranche lernen? Die Digitalisierung der Welt ist unumkehrbar.

Sie haben die Fragen selber gestellt: Welchen Wert hat Popmusik noch?

Oberhaus Fest steht: Ein Popkultur-Verständnis, wie es sich bis in die frühen 80er Jahre entwickelte, ist obsolet. Musik hat sich zum Unterhaltungsformat entwickelt.

Wenn nicht mehr die Musik die treibende Kraft ist: Was macht dann Popkultur heute aus?

Oberhaus In der physischen Welt am ehesten Mode und Design. In der digitalen Welt das weite Feld der Games und Social-Networks. Aber alles natürlich nach wie vor in Verbindung mit Musik.

Es gibt also eine erkennbare Lücke zwischen der letzten Generation, die noch mit der traditionellen Popkultur aufgewachsen ist, und jener, die seit Mitte der 90er Jahre sozialisiert wurde?

Oberhaus Ja. Aber das ist nicht schlimm. Man kann den Spagat schaffen. Ich bin 1961 geboren und quasi ein analoger Typ. Aber ich will mich mit der digitalen Welt auseinandersetzen. Auch das kann ich thematisieren und im Festival abbilden. Unser Programm schließt niemanden aus. Genauso, wenn es um das Aufeinanderprallen von Hoch- und Subkultur geht: Auch hier gehen wir gezielt Wagnisse ein und machen Experimente, indem wir The Notwist oder Beirut in der Philharmonie spielen lassen. Oder den exzentrischen Piano-Virtuosen Gonzales in der Filiale eines Szene-Modelabels. Analog und digital funktionieren nicht in der Konfrontation, sondern nur im Dialog.

Wann ist ein Festival erfolgreich?

Oberhaus Beim Festival, wenn du auch junge Besucher erreichst; beim Kongress geht es um Relevanz und Akzeptanz in der Branche.

Laut einer Umfrage sehen fast 50 Prozent der Musikindustrie in der c/o pop die Alternative zur Popkomm. Warum so wenige?

Oberhaus In der jetzigen Situation ist das ein enormer Vertrauensvorschuss! Wir sind schließlich nicht die einzigen im Rennen um die Popkomm-Alternative.

Das heißt, die Popkomm wird auch 2010 nicht stattfinden?

Oberhaus Wenn eine Veranstaltung mit solchem Bekanntheitsgrad einmal abgesagt ist, wird es schwer, sie nach einer Pause noch einmal auf die Beine zu stellen. Es scheint mir fraglich, ob die Messe Berlin – Betreiber der Popkomm – dafür das richtige Konzept und die Leute hat.

Wird die c/o pop dadurch noch wichtiger?

Oberhaus Klar, der Druck ist gestiegen. Wir mussten nun schneller aus dem Windschatten der Popkomm heraustreten. Aber wir sehen es als eine schöne, weil auch sportliche Herausforderung.

Wie sieht die c/o pop 2010 aus?

Oberhaus Als Festival wird sie sich weiterentwickeln wie bisher. Vielleicht mit mehr Künstlern, vielleicht musikalisch etwas erweitert. Der Branchentreff könnte neu aufgestellt werden. Wir führen darüber Gespräche mit der Kölnmesse. Und es sind gute Gespräche.

Philipp Holstein führte das Interview.

Quelle: rpo