Kölner Band Klee

Pop-Balladen aus Utopia

Kölner Band Klee: Pop-Balladen aus Utopia Kölner Band Klee: Pop-Balladen aus Utopia Foto: (c) Espen Eichhöfer/ Ostkreuz für Universal 2008
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Die Kölner Band Klee veröffentlicht mit „Berge versetzen“ ihr bisher intensivstes Pop-Album. Sängerin Suzie Kerstgens zog von Sonsbeck über Duisburg nach Köln und steht plötzlich da, wo sie immer hinwollte: auf der Bühne. An ihr erstes Konzert kann sich Suzie Kerstgens noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Auf den Schultern dieses Jungen hatte sie gesessen, um einen Meter über allen anderen Besuchern der Kölner Band BAP beim Spielen der komischen Mundartnummern zuzuhören. Als Teen aus der niederrheinischen Gemeinde Sonsbeck war sie mit ihrer besten Freundin zum BAP-Konzert in Xantens Amphitheater gepilgert. „Meine Geschwister arbeiteten da als Kartenabreißer, deshalb kam ich rein, obwohl ich kein BAP-Fan war. Ich verstand kein Wort von dem, was Wolfgang Niedecken sang, aber wir waren gebannt vom Moment.“

Vielleicht war es dieser Abend, an dem Suzie Kerstgens zum ersten Mal ein bisschen Popstar wurde. Über den Schultern, über allen anderen schwebte sie und fühlte ein tiefes Glück, wie es nur Teenagermädchen fühlen können. Dieser Moment wirkte nach. Es folgte ein hartes Training: Suzie spielte im elterlichen Wohnzimmer auf dem Federballschläger Nena-Songs nach, lernte als Jugendliche britischen Pop lieben, begann ein Studium der Germanistik und Philosophie in Duisburg („Wenn die Uni langweilig war, ging ich immer in den Zoo“), zog schließlich nach Köln. Hier schließlich beginnt die Geschichte von Klee, einer Band, die vielleicht Deutschlands lupenreinste Variante von Popmusik spielt.

Die Domstadt ist das popmusikalische Mekka Westdeutschlands. Musikstars dieser Welt gastieren dort. Eine eigenständige, über die Grenzen des Rheinlands bekannte Bandszene hat sich aber dort im Gegensatz zu Musikstädten wie Hamburg oder Berlin nie bilden können. Köln und Popmusik, das sei eine besondere Liaison, bemerkt Suzie. „Köln ist für mich ein Utopia, geprägt durch Offenheit und Toleranz. Wir haben hier eine sehr gute Indiepop-Szene. Das wird oft außerhalb nicht wahrgenommen.“ Sie verweist auf die Bands Erdmöbel und Wolke, in deren Kontext sich auch Klees Musik verorten lässt. In Köln frönt man einer Spielart von Pop, die nicht durch schroffe Kanten hässlicher gemacht werden muss. Der Klee-Sound ist luftig, lieblich, träumerisch und deshalb international. Längst haben deshalb auch andere Nationen die Band entdeckt.

In Amerika wird die Band als Teil einer „Europäischen Welle“ wahrgenommen. Auch in England sind Klee populär, spielten dort unter anderem als Vorband von The Wedding Present. Manche Lieder singen sie dort auf englisch, andere wiederum auf deutsch. Und Suzie stellt fest: „Popmusik ist eine Sprache jenseits der Sprache.“

1997 schon begann die musikalische Karriere der Band – damals nannten sich Tom Deininger, Sten Servaes und Sängerin Suzie noch Rallye und spielten einen zackigen Gitarrenpop. Die Gitarre ist mit den vergangenen drei veröffentlichen Alben immer öfter dem Computer gewichen. Klee wurden musikalisch kühler, elektrischer, doch die Texte boten immer häufiger die warme Schulter. Kaum eine andere Band singt derart offensiv von der Zweisamkeit – manchmal sogar an der Grenze zum Kitsch.

Parallelen zu Coldplay

Suzie weiß das, sie macht es zum Markenzeichen ihrer Band und erkennt eine zwiespältige Beziehung der Deutschen zu ihrer Popmusik: „Lange Zeit wollte Deutschland die Popmusik nicht gern haben. Musik musste laut oder schroff sein, sonst war sie Schlager.“ In England sei das nie so gewesen, da habe man den echten Pop immer zu schätzen gewusst. Unverkennbar sind die Parallelen von Klee zu Coldplay: „Dieser Vergleich ehrt mich. Ich bewundere, dass mit Coldplay eine Form von Popmusik möglich geworden ist, die schön, aber dennoch clever ist.“

Dass diese Band auch die Deutschen erreicht, freut die Wahlkölnerin. In den vergangenen Jahren nämlich erkennt Suzie Kerstgens eine neue Liebe der Deutschen zur schönen Popmusik: „Es ist schön, dass in diesem Land die Musiklandschaft breiter geworden ist, nicht mehr so spartenabhängig.“ Und so finden sich auf dem neuen Album „Berge versetzen“ Lieder zum Tanzen und zum Denken. Der Veröffentlichung fieberte Suzie Kerstgens seit Tagen entgegen. Die Angst des Künstlers vor den Reaktionen der Öffentlichkeit kennt auch sie. „Aber wir stehen hinter diesem Album und sind uns sicher, dass es unser bisher bestes Werk ist.“ Mit solcher Überzeugung kann ein Musiker nur dann sprechen, wenn er Beachtung erfährt. Klee werden beachtet.

Spätestens vor fünf Jahren muss Suzie Kerstgens gemerkt haben, dass sie endgültig ein Popstar ist. Damals stand sie mit BAP-Sänger Wolfgang Niedecken im Studio, um ein Lied für dessen Best-Of-Album neu einzuspielen. Sie musste an sich halten: BAP, das war doch die Band, zu der sie als kleines Sonsbecker Mädchen auf den Schultern durchs Amphitheater schwebte. „Da merkte ich: ein Kreis schließt sich.“

Suzie Kerstgens, das ist nicht mehr das Mädchen mit dem Federballschläger. Auf Schultern muss sie bei Konzerten auch nicht mehr sitzen. Sie ist selbst groß genug.

Quelle: rpo