Konzert im ISS Dome

Feiern, bis die Ärzte gehen

Konzert im ISS Dome: Feiern, bis die Ärzte gehen Konzert im ISS Dome: Feiern, bis die Ärzte gehen Foto: Hot Action (Universal)
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Party bis der Arzt kommt? Die „beste Band der Welt” drehte den Spieß um. Sie feierte im ausverkauften ISS Dome fast dreieinhalb Stunden lang den Abschluss ihrer Tournee ­und wollte einfach nicht von der Bühne gehen.

Was kommt dabei heraus, wenn die selbsternannte „beste Band der Welt” in der Stadt mit der längsten Theke ihre Tournee ausklingen lässt? Richtig: Die „längste beste Band der Welt”, verkünden Bela, Farin und Rod im ausverkauften ISS Dome und setzen in den kommenden sage und schreibe drei Stunden und 20 Minuten alles daran, den Worten Taten folgen zu lassen. Die Ärzte sind zurück ­ mit dem ersten Studioalbum seit 2003 („Jazz ist anders”) und jener einzigartigen Mischung aus Ironie und Infantilität, die das Trio aus Berlin zu einer der bedeutendsten deutschen Bands überhaupt werden ließ. Generationen von Jugendlichen haben sie in den vergangenen 20 Jahren mit ihrer Musik sozialisiert. Nicht immer zur uneingeschränkten Freude der Erziehungsberechtigten: „Was sollen die Nachbarn sagen?”, persifilieren die Ärzte in ihrer aktuellen Single „Junge” nicht zuletzt auch ihre eigene Vergangenheit auf dem Index der Bundesprüfstelle.

Endfuffziger aus dem Ostblock

Doch die Zeiten haben sich geändert, man trifft auf so manche Mutter-Tochter-Kombination im Rather Dome. Die Ärzte wären nicht die Ärzte, wenn sie nicht damit kokettieren würden, und stellen sich als „gutaussehende Endfuffziger aus dem Ostblock vor”. Denn es stimmt durchaus, was Bela B. verkündet: „Behandelt diese Lieder mit Respekt, sie sind älter als mancher von euch.” Kurzum: Die Ärzte sind längst Kulturgut ­ und Konsens, im Guten. Man kann sie kaum nicht mögen. Und so gibt die Band die eine oder andere Rarität aus den Achtzigern zum Besten, um die Textfestigkeit des Publikums zu testen ­ aber natürlich auch die großen Hits, von „Westerland” über „Zu spät” bis hin zu „Manchmal haben Frauen...”. Wie kaum einer zweiten Gruppe gelingt es ihnen dabei stets, alles aus ihren Fans herauszukitzeln, von denen sie „willenlose Ergebenheit” fordern. „Ich hab mein Gehirn am Eingang abgegeben”, singt die Band vor, und der tausendstimmige Chor folgt bereitwillig, beglückt, lächelnd. Bei „Unrockbar” setzt sich das komplette Publikum hin, nur um beim Refrain kollektiv in die Höhe zu schnellen.

Zwischendurch erteilen die Ärzte Nachhilfeunterricht in La-Ola-Wellen ­ ein Schelm, der angesichts der DEG-Talfahrt Böses denkt. Da gibt es etwa die „politische Text-La-Ola”, die „Sitz-La-Ola mit Juchzen” und die „Eine-Sekunde-Kreisch-La-Ola”, ausgelöst durch das Signalwort ‘pflegeleicht‘. Sie spielen mit Stofftieren, stürmen im Gorilla-Kostüm die Bühne, paaren „Ich ess‘ Blumen” mit „Last Christmas”, und dann erscheint plötzlich noch als Deus ex machina ein Bierkasten von der Hallendecke. Bisweilen ist das scharf an der Grenze zur selbstverordneten Debilität, aber so sind Ärzte-Konzerte schon immer gewesen, und so und nicht anders müssen sie auch sein.

Fast schon zuviel des Guten

Schade nur, dass die Band es an diesem Abend verpasst, den richtigen Moment für ihren Abgang zu wählen. Nach dreieinhalb Zugaben und dem „Schrei nach Liebe” tröpfelt das Konzert noch einige Minuten ziellos vor sich hin. Und so sind dann eben doch schon viele weg, bevor die Ärzte gehen. Wobei es ein Zuviel des Guten für die richtigen Fans wohl gar nicht geben kann. Info: Album und Tour Die CD „Jazz ist anders” ist das siebte Studioalbum der Band seit ihrer Wiedervereinigung 1993. Nach der Abwahl von Christoph Blocher gab es das Album für einige Stunden als Gratis-Download für alle Schweizer, die den Rechtspopulisten nicht gewählt hatten. Seit dem 14. November waren die Ärzte mit ihrer „Es wird Eng”-Tour unterwegs. Ab Mai folgt dann die „Jazzfäst 2008”-Tournee.

Quelle: rpo