Konzert in Oberhausen

13.000 feiern Tokio Hotel

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Beim ersten Deutschland-Konzert ihrer aktuellen Tournee "Humanoid" provozieren Bill Kaulitz und Co. wieder hysterische Anfälle ihrer Fan-Gemeinde. Vor allem die Balladen begeistern das Publikum.

Schrille Schreie gellen durch die Oberhausener Arena. Mädchen fallen ohnmächtig Sanitätern in die Arme. Dabei ist von Tokio Hotel noch gar nichts zu sehen. Auf der Bühne bloß ein Ordner, der Wasserflaschen verteilt. Trotzdem stehen die knapp 13.000 meist weiblichen Fans kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Viele von ihnen haben seit Tagen in der Nähe der Halle gezeltet, haben den ganzen Tag im Regen angestanden und sich ihren Platz vor der Bühne hart erkämpft. Überall im Innenraum liegen schmutzige Ruck- und Schlafsäcke. Als Bill Kaulitz und Co. mit fast zweistündiger Verspätung erscheinen, nimmt das Kreischen ohrenbetäubende Ausmaße an.

In gleißendem Licht entsteigen der 20-jährige Frontmann, sein Zwillingsbruder Tom (Gitarre) und Bassist Georg Listing wie Aliens einer Art kreisrundem UFO. Schlagzeuger Gustav Schäfer bleibt gleich drin sitzen. Das erste Deutschland-Konzert ihrer "Humanoid"-Tour eröffnen sie wie das gleichnamige Album mit dem Hit "Komm": "Komm, entkomm der Welt / Komm, lass dich fallen / Wir suchen nach dem Licht / Wir beide, du und ich", heißt es da.

Schon in diesen ersten drei Minuten erfährt man viel über das Rezept, das Tokio Hotel und ihren Produzenten weltweiten Erfolg beschert: Die schrille Bühnen-Inszenierung vermischt Anleihen aus Glamrock, Gothic und Industrial – im Verlauf der Show schießen sehr grelle Flammen aus dem Boden und auch musikalisch schlägt die Band den Weg ins Dunkle ein, bedient sich bei Depeche Mode ("Menschen suchen Menschen") und Rammstein.

Das Ganze wird jedoch so glatt gebügelt, dass sich eigentlich niemand ernsthaft an der Musik stoßen kann. Hinzu kommen die oft mit Gefühls-Klischees gesättigten Texte. Dass die Band trotzdem stark polarisiert, mag an Sänger Bill Kaulitz liegen. Er ist ein schräger Vogel, ein schwer zu fassender, androgyn wirkender Typ, eine Mischung aus Dave Gahan und Robert Smith, der in seiner gehauchten Moderation an Michael Jackson erinnert. Die Hälfte der deutschen Musikfans himmelt den 20-Jährigen an, die andere Hälfte reagiert allergisch.

Beim Oberhausener Konzert wird natürlich nur gehimmelt. Immerhin haben die jungen Mädchen, die den größten Teil des Publikums ausmachen, tief in die Taschengeldkasse gegriffen, um sich den Besuch leisten zu können. Oder sie sind gleich gemeinsam mit den Eltern angereist. Bei Tokio Hotel können diese von ihren Sprösslingen einiges über die neue Konzertkultur lernen. Erstens: Wenn ein Song zu Ende ist, wird nicht mehr geklatscht, sondern aus voller Seele geschrieen. Das ist praktisch, weil man so das Foto-Handy nie aus der Hand legen muss. Zweitens: Das komplette Konzert wird mit Hilfe des Mobiltelefons gefilmt und anschließend im Internet hochgeladen. Drittens: Bei Balladen schwenkt man keine Feuerzeuge mehr, sondern fluoreszierende Leuchtstäbe.

Anlass dafür gibt es beim ersten Konzert viele. Songs wie "Geisterfahrer", "Für immer jetzt", aber auch der Überhit "Durch den Monsun" sind Herz-Schmerz-Lieder. Gemeinsam mit ihren entrückten Helden dürfen sich die Fans da wie Aliens fühlen.

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Quelle: rpo