Nachruf auf eine Pop-Diva

Der einsame Tod der Whitney Houston

Nachruf auf eine Pop-Diva: Der einsame Tod der Whitney Houston Nachruf auf eine Pop-Diva: Der einsame Tod der Whitney Houston Foto: dapd, Johannes Eisele/Pool
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Whitney Houston wurde tot in Los Angeles aufgefunden. Zuletzt bot die 48-Jährige ein Bild des Schreckens, Drogen hatten Körper und Stimme zerstört. Vor 20 Jahren stand die einst bestbezahlte Entertainerin der Welt mit ihrem Hit "I Will Always Love You" 14 Wochen auf Platz eins der US-Charts.

Sängerin stirbt mit 48 Jahren: Whitney Houston - ein Rückblick Sängerin stirbt mit 48 Jahren: Whitney Houston - ein Rückblick Sängerin stirbt mit 48 Jahren: Whitney Houston - ein Rückblick Sängerin stirbt mit 48 Jahren Whitney Houston - ein Rückblick 12 Fotos Wenn einer der Großen stirbt, jemand, der das eigene Leben mit vielen Liedern begleitet hat, dann bleibt man zurück und fühlt sich für einen Moment verlassen. Bei Michael Jackson war es vor knapp zwei Jahren so, mit Amy Winehouse erging es vielen ähnlich, und nun ist Whitney Houston tot. Sie sollte am Vorabend der Grammy-Verleihung auf der Party ihres Mentors, des Plattenbosses Clive Davis, auftreten. Am Samstagnachmittag jedoch, um 15.50 Uhr, wurde sie in einer Suite im vierten Stock des Beverly Hilton Hotel ins Los Angeles aufgefunden. Woran sie starb, ist noch nicht geklärt, sie lag offenbar in einer Badewanne, und entdeckt hat sie ihr Leibwächter.

Die Grammy-Verleihung fand dennoch statt, das Programm wurde lediglich verändert. Es gab einen Tribut an Houston, gesungen von der jungen Jennifer Hudson.

„How Will I Know“

Whitney Houston wurde 1985 berühmt, sie war damals 21 Jahre alt, und Clive Davis hatte ihr in jahrelanger Arbeit ein großartiges Debütalbum produziert. Darauf fanden sich Balladen wie „The Greatest Love Of All“, die heute in jeder Staffel von „Popstars“ und „X-Factor“ nachgesungen werden, die auf Hochzeiten Standard sind, sowie Pop-Nummern wie „How Will I Know“. Wer die am Morgen hörte, tanzte durch den Tag wie das Kohlensäurebläschen in der Sinalco.

Kennt man nur die Whitney Houston der letzten 15, 20 Jahre kennt, wird man nicht glauben, wie charmant, hübsch, unschuldig, ja: wie jung diese Frau einmal gewesen ist. Und sie konnte alles. Seit sie elf war, sang sie im Gospel-Chor, ihre Cousine war Dionne Warwick, die Patentante Aretha Franklin, und ihre Mutter Cissy war ebenfalls Musikerin. Houston, hieß es früh, sei eine Beschenkte, sie verband Glamour, Talent und Hingabe, und ihre Gabe war diese Stimme: Sie klang wie poliert, klar und glänzend, und die entweder Trost spendenden oder zum guten Leben ermahnenden Texte passten dazu.

Whitney Houston war die Sängerin der ausgelassenen 80er Jahre, für Video-Clips trug sie bunte Schminke auf. Im Gegensatz zur Gossenbraut Madonna war sie eine höhere Tochter; so eine wie sie traf man nicht in der Disco, sondern vor der Bibliothek. Und wie Michael Jacksons Markenzeichen das Kieksen war, kicherte Houston in ihren Liedern, in fast jeden großen Hit der ersten Jahre baute sie ihr Lachen ein, am schönsten vielleicht in „Love Will Save The Day“ von 1987.

„One Moment In Time“

Diese Heiterkeit, die Reinheit wurden indes allmählich zum Problem, sie waren nicht mehr zeitgemäß. Also änderte Whitney Houston ihren Stil. „I’m Your Baby Tonight“ von 1990 hatte acht Produzenten, das Album klang berechnend, souliger, erwachsener. Man hatte den neuen Sound mit der Ballade „One Moment In Time“ bereits erfolgreich erprobt: Das war der Titelsong der Olympischen Spiele 1988 in Seoul, und im Fernsehen wurde er jeden Abend zum Zusammenschnitt der Bilder des Tages eingespielt. Dieses Lied war so pathetisch, so wirkmächtig und gewaltig, dass man Karies auf der Seele bekam, sich dabei aber sehr erhaben fühlte.

In dieser Zeit veränderte sich das Verhältnis des Publikums zu seinem Star. Man begann nun zu ihr aufzuschauen, sie war in eine mitunter unheimlich anmutende Perfektion und Unverbindlichkeit entschwebt: sieben Nummer-eins-Hits in Folge, bestbezahlte Entertainerin der Welt, dann der Auftritt beim Superbowl 1991. Es lief der zweite Golfkrieg, sie kam im Sportanzug auf die Bühne, sang die Nationalhymne. Am nächsten Tag nannte ein US-Magazin sie „America’s first black Sweetheart“.

„I Will Always Love You“

Die Whitney Houston jener Jahre wird heute von jüngeren Künstlerinnen wie Mariah Carey, Christina Aguilera und Beyoncé als Vorbild verehrt. Houston kultivierte die emotionale Drei-Oktaven-Ballade, ihr größter Erfolg „I Will Always Love You“ aus dem Film „Bodyguard“ (1992), in dem sie neben Kevin Costner die Hauptrolle spielte, stand 14 Wochen auf Platz eins der US-Charts. Er ist das musikalische Herzstück der 90er Jahre, eine in seiner Vibrato-Verliebtheit schwer zu ertragende Nummer eigentlich, ein Herzensbrecher zugleich: Irgendwann ergibt sich jeder.

Jüngere Sängerinnen setzen in den folgenden Jahren auf explizite Sexualität, Houstons Eleganz war nun nicht mehr so gefragt, man kokettierte in Soul und R ’n’ B lieber mit dem Gewöhnlichen, man protzte und stellte sich aus. Houston verliebte sich in den zweifelhaft beleumundeten Kollegen Bobby Brown, „die Prinzessin heiratet den Bad Boy“, sagte sie selber dazu und lachte darüber. Das Paar bekam ein Kind, sie ließen sich mit Drogen erwischen, er verprügelte sie, und von 1996 an soll sie täglich Kokain genommen haben, später Crack. „Es war leicht, an Stoff zu kommen“, sagte sie in der Talkshow von Oprah Winfrey, „es war ja so viel Geld da.“

„My Love Is Your Love“

Whitney Houston glättete und blondierte ihre Haare, ließ sich als laszive Ledermutti vermarkten. Songs wie „My Love Is Your Love“ von 1998 waren zwar populär, aber der Erfolg ließ sich schwerer herstellen, die Pausen zwischen den Alben wurden größer. Man las in den bunten Blättern über sie, von Entziehungskuren, Haftstrafen wegen Drogenbesitzes, Prozessen gegen den Ehemann, 2007 schließlich von der Scheidung. In einer unfassbaren Reality-TV-Serie über ihren Alltag verriet sie den letzten Rest an Würde. Eine Frau nach dem Ruin.

Ihre Alben waren nach wie vor sauber produziert, aber auf ihrer Tournee vor zwei Jahren bot sie ein Bild des Jammers: hager, von Lied eins an in Schweiß gebadet, vergesslich, verwirrt. Whitney Houston hatte ihren Körper zerstört, in den Trümmern versiegte die Stimme. Aber selbst bei diesen Auftritten gab es magische Momente, die akustisch begleiteten Balladen etwa. Das ist ja das Großartige an der Popmusik, dass sie einem die Gänsehaut über die Haut treiben kann, dass man eine einfache Klangfolge hört und sich erinnert und genießt und kurz anderswo ist. Man dachte also an die Szene aus dem Film „Die Verurteilten“, als ein Gefangener über die Lautsprecheranlage des Knastes „Die Hochzeit des Figaro“ in den Gefängnishof überträgt und alle schweren Jungs für ein paar Takte froh sind und frei. Houston gelang so etwas noch immer, und damals gab es denn auch Menschen, die in den nur zur Hälfte gefüllten Hallen „Whitney, du bist die Größte“ riefen. Diese Leute werden Sonntagmorgen, als die Todesnachricht Deutschland erreichte, sehr traurig gewesen sein.

Whitney Houston ist tot. Ihr Leibwächter hat sie gefunden. Was für ein Bild der Einsamkeit.

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Quelle: RP