Neue CD

Bob Dylan besingt die Liebe

Neue CD: Bob Dylan besingt die Liebe Neue CD: Bob Dylan besingt die Liebe Foto: AP
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Das muss eine wunderbare Situation gewesen sein. Vielleicht lag sein Kopf in ihrem Schoß, als er der Geliebten von seinen Plänen erzählte, damals in den 60er Jahren. Und die Folk-Sängerin Joan Baez kraulte in den Locken des Jungen, liebkoste ihn mit den berühmten Worten: „Mein kleiner Vagabund.“ Ein Moment der Zärtlichkeit, ein Augenblick der Erkenntnis. Das ist er, immer noch: ein Nicht-Sesshafter, der durch musikalische Stile streift, durch Beziehungen und Biografien. Nun hat er die nächste Station erreicht: Am 24. April erscheint „Together Through Life“, das 33. Studioalbum des Mannes, den die Welt als Bob Dylan kennt. Dabei ist dieser Name nur eine der Masken des 1941 in Minnesota geborenen Robert Allan Zimmerman. Er geistert auch als Jack Frost und Elston Gunn und Bob Landy durch das eigene Werk, das wiederum ständig in der Zeit mäandert, das gesamte Archiv der populären Kultur und die Lieder der Toten auswertet und sogar noch weiter zurück schreitet zu den Quellen der Erinnerung, bis zur Bibel. „Ich ist ein anderer“, heißt es bei seinem Hausheiligen Rimbaud, auch so ein poet maudit. Und auf „Together Through Life“ zitiert Dylan Ovid, den Dichter der Metamorphose.

Neuerdings flirtet er mit der Leichtigkeit, das ist wieder eine Häutung. Denn sein kommerzielles Comeback seit den späten 90er Jahren gründet auf der sehr düsteren Trilogie, die Dylan den schwachen Alben der 80er Jahre folgen ließ: „Time out of Mind“ (1997), „Love and Theft“ (2001), „Modern Times“ (2006). Die zehn neuen Songs sind heiterer. Sie erzählen von der Liebe, und sie vagabundieren über die Grenze nach Mexiko, dem Sehnsuchtsland der US-Intelligentia. Dylan engagierte David Hidalgo von der Band Los Lobos, und dessen Akkordeon lässt Tex-Mex- und Mariachi-Stimmung aufkommen.

Während Dylan auf „Modern Times“, das ihn nach 30 Jahren erstmals an die Spitze der US-Charts brachte, einen schroffen Sprechgesang perfektionierte, passiert hier Unglaubliches: Dylan singt. Souverän, mit humoristischer Gelassenheit: „Dreams never did work for me anyway, even if they did come true“. Einmal lacht er rostig, „har, har, har“ - wie jemand, der nicht mehr so genau weiß, wie das geht.

Als Album für sich ist „Together Through Life“ mit seinem antik schaukelnden Blues-Pop nicht so erhaben wie die Vorgänger. Aber Neues von Dylan steht nie für sich, und so ist die Platte spannend, weil man einer neuerlichen Verwandlung zusehen kann. Dylans Werk ist ja nicht ausschließlich musikalisch oder literarisch, es ist Performance, größenwahnsinnig im Anspruch auf Gültigkeit.

Alexander Kluge hat gesagt, Dylan sei der erste postmoderne Musiker. Er sang von Beatniks, Frontiermen, Lumberjacks, Seeleuten und Gesetzlosen. Er sah gesellschaftliche Umwälzungen voraus, kommentierte Vietnam und Kuba-Krise, ließ sich bejubeln und ausbuhen, aber von keiner Gruppe und für keine Zeit vereinnahmen. In ihm hat man jemanden, auf den kann man nicht bauen.

Dylan zitierte, kopierte, schuf Wegweisendes aus Traditionellem. Er ließ den ersten Video-Clip der Popgeschichte drehen („Subterranean Homesick Blues“, ’63), produzierte das erste Konzeptalbum („Bringing it all back Home“, ’65) und die erste Doppel-LP („Blonde on Blonde“, ’66). Er zog immer weiter. Es ist ewiges Anfangen in seinem Werk. Jedes Lied wird auf den Konzerten der seit 1988 währenden „Never Ending Tour“ neu geboren. Er schreibt sich selber fort.

Dylan, der Vagabund. Man ist sich seiner unsteten und flackernden Existenz bewusst. Aber man kann ihn nicht fassen. Das macht die neue Platte und all die anderen so faszinierend.

Quelle: rpo