Neues Album kommt

Es geht voran: Fehlfarben werden 30

Neues Album kommt: Es geht voran: Fehlfarben werden 30 Neues Album kommt: Es geht voran: Fehlfarben werden 30 Foto: V2
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Sie haben mit „Monarchie und Alltag“ eines der besten Alben in deutscher Sprache aufgenommen. Überhaupt gibt es wenige Bands, die so zeitgemäß und erfindungsreich texten. Die Plattenkäufer wollten davon lange nichts wissen. Nun hat die Gruppe um Sänger Peter Hein Geburtstag. Dieses Lied ist schuld. „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran.“ Es ist der einzige größere Hit der Fehlfarben - und das am wenigsten band-typische Stück. „Ein Jahr (Es geht voran)“, wie der volle Titel lautet, erschien 1982 gegen den Willen der Band als Single, damals hatte die Neue Deutsche Welle mit Künstlern wie Nena und Markus ihren kommerziellen Höhepunkt erreicht. Noch heute geht keine NDW-Party ohne dieses Lied zu Ende, und nun denken viele Menschen: „Fehlfarben, das ist so was wie Geier Sturzflug.“

Dabei hatten die Fehlfarben gar nichts mit dieser Musikrichtung zu tun. „Ein Jahr“ war ja schon 1980 erschienen, auf „Monarchie und Alltag“, dem großen, unverwüstlichen, ewig jungen Album der Düsseldorfer Band. Das war Punk und Ska, hart und tanzbar, das war neu und bot einen anderen Zugang zum Singen auf Deutsch. Die Texte richten sich an ein großstädtisches Publikum, sie reflektieren die unmittelbare Gegenwart und formulieren Dagegensein auf witzige, selbstironische Weise. „Monarchie und Alltag“ ist eine der größten deutschen Platten. Und zum 30. Geburtstag dieser sympathischen Widerborste sollte man sie noch einmal auflegen und genießen.

Umfeld Ratinger Hof

Die Fehlfarben werden 1979 von Mitgliedern diverser Bands aus dem Umfeld des Ratinger Hofs gegründet. Punk war gesellschaftsfähig geworden, die Szene nicht mehr sehr kreativ. Bei einem gemeinsamen England-Urlaub hatte man die Liebe zum Ska, einer schnellen Variante von Reggae, entdeckt, und man beschloss, auch so was zu machen. Auf der ersten Single, „Abenteuer & Freiheit“, gibt es den neuen Sound zu hören. „Es ist zu spät für die alten Bewegungen“, skandiert Sänger und Texter Peter Hein, „wir sind noch wenig, doch wir haben uns gefunden, wir stehen im Dunkeln bereit. / Nimm deine Pfoten von meinem Anzug, guck dich doch selbst mal im Spiegel an.“ Das klingt irgendwie anders und ist vor allem sehr professionell gemacht.

Die großen Plattenfirmen werden aufmerksam, sie haben noch viel Geld. Ein Vertrag mit dem Major-Label EMI eröffnet den Fehlfarben bisher nie dagewesene Möglichkeiten. Schließlich sind auch Helden wie The Clash bei EMI unter Vertrag. Doch der Pakt mit der Plattenindustrie wird von den Fans als Verrat gewertet. Entsprechend schlägt den Renegaten auf Tour Antipathie entgegen. Der Anfang vom vorläufigen Ende.

Kurz nach Veröffentlichung des Debütalbums „Monarchie und Alltag“ im Oktober 1980 steigt Peter Hein aus - ins bürgerliche Berufsleben. Er hatte - ganz im Widerspruch zu den Gepflogenheiten der Szene - eine Festanstellung bei der Kopierer-Firma Xerox. Die Band macht zunächst weiter. Erst nach zwei weiteren Alben mit Gitarrist Thomas Schwebel als Sänger trennen sich die Fehlfarben 1984.

„Monarchie und Alltag“ taucht dennoch ständig in diversen Bestenlisten auf. Und allmählich entdecken auch die Plattenkäufer die Band. So kommt es zu einem seltenen Phänomen: Im Jahr 2000 - ganze 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung - bekommt „Monarchie und Alltag“ eine Goldene Schallplatte. Die Fehlfarben sind wieder wer.

2002 gab's das Comeback

Und deshalb raffen sie sich zu einem Comeback auf. Im Kielwasser der viel gelesenen und später verfilmten Dokumentation „Verschwende deine Jugend“, die Jürgen Teipel über Punk in Deutschland schrieb, überraschen sie 2002 mit ihrer Rückkehr. Während Punk mit der Ausstellung „Zurück zum Beton“ im Museum - zumindest in Düsseldorf - angekommen ist, beeindruckt die gereifte Band live mit großer Spielfreude. Auch das neue Album „Knietief im Dispo“ überzeugt mit Charme und Wortwitz. Selten wurde etwa die Sprachlosigkeit des Herzens treffender und dem Heute angemessener geschildert als in dem Song „Grauschleier“, der in jede Lyriksammlung zur Zeit gehört: „Ich habe das alles schon 1000 Mal gesehen. / Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen. / Und doch jedes Mal wenn ich sie seh’, / Weiß ich nicht wie es gehn soll. / Ich finde nicht den Dreh. / Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, / Den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat.“

Die Band veröffentlicht wieder regelmäßig Platten, Peter Hein hat ein lesenswertes Buch geschrieben und lebt inzwischen in Wien. Auch im Jubiläumsjahr ruhen sie sich nicht aus: Im März kommt ein Live-Album mit einem Mitschnitt der letzten Tour. Mit Beatsteaks-Produzent Moses Schneider stand man bereits im Studio, um ein neues Album einzuspielen. Man könnte sagen: Es geht voran.

Quelle: rpo