Neues Album von Susanne Blech

So muss Elektropop aus Düsseldorf klingen

Neues Album von Susanne Blech: So muss Elektropop aus Düsseldorf klingen Neues Album von Susanne Blech: So muss Elektropop aus Düsseldorf klingen Foto: Bernhard Handick
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Die Band Susanne Blech um Sänger Timon Karl Kaleyta veröffentlicht ihr faszinierendes neues Album "Welt verhindern".

Mit Susanne Blech ist es ein bisschen wie mit einer Party, auf die man eigentlich nicht gehen wollte. Diese Abende, an denen man lieber auf der Couch säße und weit davon entfernt ist, eine Frisur oder Erwartungen zu haben. Und dann, das ist ein ungeschriebenes Gesetz, werden genau das immer die Knallerabende, die Nächte, die tatsächlich erst am Morgen enden.

Susanne Blech wollen mit ihrer Musik um Himmels Willen nichts bewirken. Ihre Kunst formuliert keinen Anspruch auf Verbesserung, es gibt keine Moral in ihren Songzeilen, manchmal nicht einmal Sinn. Und dann bewegt "Welt verhindern", das neue Album der Band, das am 9. Mai in die Läden kommt, eben doch ganz viel. Nämlich den, der es hört.

Denn wenn die Botschaft keine Botschaft, sondern reine Ästhetik ist, nimmt das den Druck, sich richtig zu verhalten. Zu Susanne Blechs Musik muss man nicht weinen oder melancholisch sein, man muss seinen Job, die Hobbys oder Anzahl der in der vergangenen Nacht getrunkenen Weinflaschen nicht kritisch hinterfragen, aber eben auch nicht glorifizieren. Susanne Blech liefern kein Lebenskonzept, nicht einmal ein Lebensgefühl. Die Band macht Elektro-Pop, der entspannt, obwohl er musikalisch aufwühlt.

Bei allem Tempo im Rhythmus, aller Schärfe im Gesang, lässt einen die Musik im bestmöglichen Sinne in Ruhe. Und bewirkt damit den Keine-Erwartungen-Effekt: Auf einmal macht alles gleich so viel Spaß. Zu "Hände hoch, Feuerwehr!" kann man das Bad putzen oder eine Party retten, mit "Wir werden alle nicht Ernst Jünger" auf voller Lautstärke könnte man das Bücherregal umräumen oder die Kündigung schreiben. Und wer "1000 Jahre Kraftwerk" hört, verdreht entweder die Augen oder denkt: Stimmt, jetzt ist eigentlich auch mal genug mit Kraftwerk, jetzt haben wir ja Susanne Blech.

2004 war die Band aus einem Projekt von Sänger Timon Karl Kalyeta und Schlagzeuger und Produzent Sebastian Maier hervorgegangen. Zusammen mit den Geschwistern Jerome und Jobin Vazhayil (Gesang) und Jens und Kay Schilling (Gitarre, Keyboard und Bass, Keyboard) produzierten Kalyeta und Maier zwei Studioalben, ehe sie 2013 einen Vertrag bei der Künstleragentur Four Artists unterzeichneten.

Seither hat die Band aus dem Kreis Rhein-Ruhr für ihre Songs viele Kollegen ins Boot geholt. Zur Single "Helmut Kohl" steuerten Scooter-Frontmann H.P. Baxxter und die Berliner Electro-Band Egotronic Remixe bei, der Schriftsteller und Journalist Benjamin von Stuckrad-Barre schrieb mit Sänger Kalyeta das Lied "Wir werden alle nicht Ernst Jünger" und "Snap!"-Legende MC Turbo B ("Rhythm is a Dancer") ist auf dem neuen Album, das im Verlag von Sony/ATV erscheint, ebenso vertreten wie Johannes Röger alias Strizi Streuner, Sänger der Band Frittenbude. Der hat, genau wie Moderator Simon Gohsejohann, auch einen Auftritt im Video zur aktuellen Single "Welt verhindern".

Die meisten Texte der Band schreibt der Düsseldorfer Sänger Timon Karl Kaleyta jedoch alleine. Es sind Aneinanderreihungen von Behauptungen, die immer nach letztgültiger Feststellung klingen. In der aktuellen Single-Auskoppelung "Welt verhindern" heißt es: "Wir können die Welt verhindern / Den Raum, die Zeit, das Glück / Sofort, für immer, alles verhindern / Denn die Welt zu retten, führt zurück." Keine Weltverbesserung, keine Moral, keine Romantik. Was bleibt denn da übrig? "Thematisch suche ich suggestiv nach sprachlichen Leerstellen", sagt Kaleyta. "Ich frage mich: Was wurde noch nie zuvor auf diese Art und Weise gesagt? Welcher Gedanke ist neu? Ich bin kein Analyst, ich kann vor allem in der Kürze eines banalen Popsongs keine raumgreifenden Gesellschaftsdiagnosen stellen. Das ist auch nicht die Aufgabe der Popmusik. Ich vertrete mit einem Song deshalb keine kohärente Botschaft, ich stelle Thesen und Ideen hintereinander auf und vertraue darauf, dass sich daraus etwas entwickelt, das ich vorher selbst nicht geahnt habe."

Das bereits Gesagte, auf das sich alle schon Tausend Mal verständigt haben, erneut aufzusagen, will Susanne Blech vermeiden. Liebesschwüre sind nicht neu, gesellschaftskritische Formeln sind nicht neu, Lifestyle-Songs sind nicht neu. Kommen für die Band also alle nicht infrage. Und trotzdem erzeugen Musik und Worte am Ende ja dann doch immer Gefühle, auch wenn sie das in erster Instanz vermeiden wollen. Oder gerade deshalb. Weil das kleine Gefühl, das aus der gestriegelten und blanken Fassade herausbricht, gleich so viel größer wirkt. Das ist der Keine-Erwartungen-Effekt, der Susanne Blech und ihre Zuhörer am Ende einholt. Wie bei "Welt verhindern". Während die Arme noch in der Luft tanzen, kann einen da, für eine Songzeile lang nur, die Melancholie niederstrecken: "Zu dope, zu fresh, zu clean / Und am Ende schon wieder zu weit von Paris."

Quelle: RP