Neuveröffentlichungen zum 70. Geburtstag

Die Ballade von John Lennon und Yoko Ono

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Vor 70 Jahren wurde John Lennon in Liverpool geboren, vor 30 Jahren wurde der Ex-Beatle in New York erschossen. Der geniale Songschreiber wirkte nach der Trennung von seiner Band wie aus der Zeit gefallen. Vor seinem Tod hatte er wie ein Eremit gelebt. Nun sorgt seine Witwe Yoko Ono mit einer Veröffentlichungsoffensive für das ultimative Lennon-Jahr.

Er kam gerade aus dem Aufnahmestudio nach Hause, als ihn die fünf tödlichen Kugeln in den Rücken trafen. Es war der 8. Dezember 1980, und sein Mörder hatte noch seinen Namen gerufen: "Mr. John Lennon!". Lennon stieg um 22.30 Uhr aus der Limousine und drehte sich nicht um, zu oft rief irgendjemand seinen Namen.

Blutend fiel er auf die Stufen des Dakota Building am Central Park in New York, wo er sein Apartment hatte. "Ich bin getroffen", soll er gestöhnt haben, bevor er bewusstlos wurde. "Ich habe John Lennon erschossen", rief sein Mörder, der 25-jährige, geistig verwirrte Mark Chapman. Um 23.30 Uhr stellten die Ärzte im Roosevelt Hospital Lennons Tod fest. Als sie der Witwe die Nachricht überbrachten, sprach Yoko Ono die Worte: "Das ist nicht wahr. Ihr lügt." Fortan verbarg sie ihre Augen in der Öffentlichkeit hinter einer Sonnenbrille.

John Lennon war an seinem Todestag 40 Jahre alt. Der ehemalige Kopf der Beatles hatte just sein fünf Jahre währendes Eremiten-Dasein beendet. Es schien, als hätte der geniale Songschreiber und Selbstdarsteller, dieser von seiner eigenen Brillanz nie zu überzeugende Mann, seinen Frieden gefunden.

"Unsere Stille ist eine Stille der Liebe"

Er war noch einmal Vater geworden, lebte als Hausmann, verfügte über ein Guthaben von geschätzten hundert Millionen US-Dollar und meldete sich mit Yoko Ono ab und an auf ganzseitigen Anzeigen in der New York Times zu Wort: "Unsere Stille ist eine Stille der Liebe und nicht der Gleichgültigkeit", so lautete der Text der letzten Annonce von 1979. Er war dabei, seine Dämonen zu besiegen, den Alkohol, die Eifersucht, die Selbstmordgedanken. 1974 hatte er zuletzt live auf einer Bühne gesungen, aber nun stand das Album "Double Fantasy" pressfrisch in den Läden, eine Sammlung ziemlich kitschiger, aber sehr schöner Lieder. Bis zu diesem Tag im Dezember hatte es sich schleppend verkauft. Nun stieg es auf Platz eins.

Sieben Solo-Alben umfasste Lennons Werk 1980. Es war nicht alles gut. Viele Platten waren widersprüchlich und musikalisch zu wenig ambitioniert, um überzeugen zu können. "Er hatte bewunderswerte Motive, aber kindische Mittel", schrieb jemand über ihn. Popstar sein war ihm nie genug, darunter litten die späten Aufnahmen. Er wollte mehr: Agitprop, Fluxus, Bekehrertum.

Seine besten Alben entstanden direkt nach der Trennung von den Beatles: "Plastic Ono Band" (1970), "Imagine" (1971). Lennon blieb trotz seines Hangs zum Süßlichen dem rohen Rock 'n' Roll und dem wüsten Blues stärker verbunden als sein Schulfreund Paul McCartney. Weißer Flügel und Lederjacke. Er war provokativ, kaltschnäuzig, nervig. Sein Humor war böse, seine Intelligenz scharf. Deshalb mochten ihn so viele in den späten 60ern und frühen 70ern. Seine Texte lieferten die Poesie fürs jugendliche Dagegensein: "Power To The People", "Woman Is The Nigger Of The World", "Give Peace A Chance", "You May Say I'm A Dreamer / But I'm Not The Only One".

Vom US-Geheimdienst bespitzelt

Als er und seine zweite Ehefrau Yoko Ono, die er 1969 auf Gibraltar heiratete, 1971 ihren Wohnsitz aus dem Landhaus "Tittenhurst Park" bei Ascot nach New York verlegten, wurde Lennon vom Geheimdienst bespitzelt. Den Amerikanern war der Mann, der gegen Vietnam protestiert hatte und die Massen an der Leine führen konnte, nicht geheuer. 1976 bekam er eine Green Card. Im Report des FBI lautet der letzte Satz: "Lennon stellt keine Gefahr mehr für die öffentliche Ordnung dar, weil er meist im Drogenrausch ist."

Er konsultierte Gurus, ging fremd, machte eine Schrei- und eine Psychotherapie, trennte sich für 15 Monate von Yoko Ono, floh nach Indien. Es half alles nichts. Das Unglücklichsein, die Teilnahmslosigkeit, all das blieb. Schon zu Beatles-Zeiten machte ihm das Verwirrtsein zu schaffen. Seine Songs "Revolution" und "A Day In The Life" sind Zeugnisse dafür. Sein Gegenprogramm war die Naivität: "All You Need Is Love", sieben Tage "Bed Peace" in Amsterdam und Montreal, überhaupt die Liebe.

Lennon ist eine Figur der 60er Jahre, später schien er durch die Zeit zu taumeln. Ein Abweichler, der über das Akademische, Ordentliche spottete und fürs Makabre, Bizarre stand. Er erfand die Figur des intellektuellen Popmusikers, den Künstler als kritische Instanz. Er gab den bis zur "Sgt.-Pepper"-Phase brav wirkenden Beatles die subversive Würze. Er war ein Liverpooler Kunstschüler, der keine Autorität zuließ, seit sein Vater, ein Schiffskoch, die Mutter verlassen hatte.

An der feinen Schnur des Traumhaften

Er wurde am 9. Oktober 1940 geboren, wuchs bei seiner Tante Mimi auf, hörte Buddy Holly und Gene Vincent. Er fühlte sich allein, unverstanden – auch in seiner Band und in der ersten Ehe mit Cynthia Powell. Nur nicht mit Yoko Ono, der Performance-Künstlerin, die er 1966 traf, seine Lebensfrau, der Mensch, in dem er sich spiegelte. Yoko Ono gab vier Jahre nach seinem Tod die Songs heraus, an denen Lennon arbeitete, als er erschossen wurde. "Alles, was ich will, ist drei Minuten Liebe" heißt es auf "Milk and Honey". Das Cover zeigt das Paar beim Kuss.

Vielleicht ist dies das Drama dieses Hochbegabten, das uns heute noch berührt: dass sich da einer an der feinen Schnur des Traumhaften durchs Leben gehangelt hat und just, als er im Glück angekommen war, abstürzte. Fünf Schüsse. Mark Chapman sitzt seit 30 Jahren in Attica/New York ein, sechs Gnadengesuche wurden abgelehnt. "Leben ist, was dir zustößt", sagte Lennon, "während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen."

Info

Am 1. Oktober erscheinen die Solo-Alben von Lennon in neuen Ausgaben. Für die Edition wurden die Songs in den Abbey-Road-Studios digital überarbeitet und mit Linernotes versehen.

"Double Fantasy" erscheint erstmals mit einer zweiten CD, darauf ist die "Stripped Down"-Version der Platte zu finden, die Lennons Stimme nach Yoko Onos Wünschen in den Vordergrund schiebt.

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Quelle: rpo