"No Line on The Horizon"

Wie klingt das neue Album von U2?

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Diese Woche erscheint das neue Album der Band U2. Mit "No Line on The Horizon" kehrt sie nach den schwachen Platten der letzten Zeit zu alter Stärke zurück. Bono und Co. wagen mehr Elektronik und traumhafte Arrangements. Verantwortlich für den neuen Sound ist Produzent Brian Eno. Schönheit wächst dort, wo das Eingängige unterbrochen und die Erwartung enttäuscht wird. Insofern ist das neue Album der irischen Rockband U2 eine der wunderbarsten Veröffentlichungen der popmusikalischen Gegenwart. In den ersten 25 Minuten der CD zumindest und in den letzten zehn, aber dort unbedingt.

Naivität und frische Melodieführung

Da trifft man auf das Lied "Magnificent", das in seiner Unschuld, seiner lyrischen Naivität und frischen Melodieführung an den Hit "New years day" von 1983 erinnert. Man bekommt nicht genug davon, will sich hineinlegen in dieses junge Lied einer seit 33 Jahren malochenden Band, man möchte es austrinken, so schön. Die Gitarren wirken wie von duftigen Kissen gedämpft, das Schlagzeug arbeitet im Herzrhythmus, Synthesizer-Flächen öffnen sich zum Himmel hoch wie in seligen Pink-Floyd-Zeiten, alles zerfließt in pastelligen Farben.

Und Bono, der zuletzt ein arger Schreihals war, der textlich großen Mist zusammensang, ein Gockel mit anklagendem Kikeriki, dieser Bono fleht wahrhaftig und sehnend und so traumzerschmolzen, dass man gern sagen würde: Du reicher, anmaßender, schlecht bebrillter, mies gekleideter und einstmals verehrungswürdiger Mann, du bist nun also ein Poet!

Viel war von diesem Album nicht zu erwarten

Dass man es dann doch nicht sagt, hängt mit der zweiten Hälfte von "No Line on the Horizon" zusammen. Viel war von diesem Album nicht zu erwarten. Die letzte U2-Veröffentlichung, "How to dismantle an Atomic Bomb", klang höchstens mittelgut, aber eigentlich nicht mal das. Und die Meldungen aus den Studios, in denen das neue Werk seit 2005 eingespielt wurde, ließen wenig Hoffnung auf Besserung: Zusammenarbeit mit Produzent abgebrochen, neuen engagiert, Veröffentlichung verschoben, Antipathien gegen Bono, vielleicht doch nur Maxi-Single statt LP und so weiter.

Aber U2 hat es geschafft, seinem zuletzt seelenlosen Sound Herz zu geben und, ja: Sinnlichkeit, Gefühl, so ein warmes Vibrieren ­ kurzum: Menschlichkeit. Zu verdanken haben sie es dem Mann, dem derzeit alles gelingt: Brian Eno. Der 60-Jährige hat Coldplays Album zum weltweit erfolgreichsten des vergangenen Jahres gemacht, und ganz früher war er derjenige welcher bei Roxy Music und Talking Heads und bei David Bowie, als der noch richtig gut war. Außerdem ist er Produzent der ganz, ganz großen U2-Werke "The Unforgettable Fire" (1984) und "The Joshua Tree" ('87).

U2 ist nun ein Sextett

Er ist mit seinen satten, düstersüchtigen und orientierungslosen Lieblings-Sorgenkindern nach Marokko und Frankreich und New York und London gefahren und hat sie unter freiem Himmel musizieren lassen,­ den Spirit in the Sky erwartend. Er mischte sich ins Songwriting ein, wie das selten jemand getan hat bei dieser Band. Auf sieben von zwölf Stücken war sein Einfluss maßgeblich, alle wurden in Sechser-Besetzung aufgenommen: die Band, Eno am Synthesizer und sein treuer Adlatus, der Tontechniker Daniel Lanois, an diversen Gitarren. Genau genommen ist U2 nun also ein Sextett.

Eno, das muss man so direkt sagen, hat die Band, deren Mitglieder nach neuesten Schätzungen ein Vermögen von 650 Millionen Euro angehäuft, aber die Kreativität verloren haben, komplett umgekrempelt. Er schenkte ihnen nicht bloß eine mollverliebte Elektronik, pulsierende Soundeffekte und verführerische Grooves.

Ein leicht fließendes Klanggewebe

Er ist sogar so weit gegangen und streute Samples aus seinen alten Platten ein, aus "The Pearl" etwa, ein leicht fließendes Klanggewebe, das er 1985 mit dem Komponisten Harold Budd veröffentlichte. So besteht das Album, das zu den großen von U2 gezählt werden darf, zum einen aus sieben Eno-Songs, die Tiefe und etwas universell Berührendes haben, die sich in neue Gefilde des Schalls wagen. Und zum anderen aus fünf uninteressanten Gitarren-Dreschflegeln, die Bono und Adam Clayton und The Edge und Larry Mullen Jr. vielleicht aus Unsicherheit oder für die Stadion-Konzerte oder warum auch immer auf die CD gepackt haben.

Das sind adrenalinsaure Nierenschläge mit typischen Bono-Unsinns-Versen, rücksichtslos durchgekloppt und mit träge brummendem Sub-Bass wie die aktuelle Single "Get on your Boots". Dass diesen überkommenen Sound andere Bands inzwischen viel besser hinkriegen und dass man sowas einfach nicht mehr hören mag von U2, beweist die Statistik: "Get on your Boots" erreichte in England nicht mal die Top 10 der Charts, das gab es bei Vorab-Singles zu neuen Alben dieser Gruppe seit 1981 nicht mehr.

Für November hat U2 bereits das nächste Werk angekündigt. Es soll weitere Songs aus der Zusammenarbeit mit Brian Eno versammeln, "vor allem ruhige". Kann man sich drauf freuen.

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Quelle: rpo