Philipshalle

"Ich + Ich": Adel Tawil singt allein

Philipshalle: "Ich + Ich": Adel Tawil singt allein Philipshalle: "Ich + Ich": Adel Tawil singt allein Foto: ddp, ddp
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Die Hits des Pop-Duos komponiert und textet Annette Humpe – aber beim Konzert in der Philipshalle traute sich die Dame nicht auf die Bühne. Soul-Stimme Adel Tawil und seine Musiker sorgten dennoch für einen herrlichen Abend voller einfühlsamer Balladen.

Plötzlich ist es dunkel. Richtig dunkel, schwarz wie die Nacht. Von der Band fehlt jede Spur, rätselnde Konzertgäste, angespanntes Lauschen. Weit entfernt von der Bühne erstrahlt dann ein einzelner Scheinwerfer. Der gigantische Lichtkegel offenbart Sänger Adel Tawil und seine Musiker im Zentrum der Philipshalle, umringt von überraschten Fans.

Auf einem knapp bemessenen Podest spielen „Ich + Ich“ eine Unplugged-Session mit Westerngitarre und Klarinette, ein Karton ersetzt das Schlagzeug. Das Konzert ist doch noch nicht vorbei, die Band wechselt nur kurzfristig den Standort. Ein kleiner Ausflug in die Menschenmenge, ein hautnahes Erlebnis mit Lagerfeuerromantik: Adel Tawil umkreist seine musikalischen Mitstreiter und singt „Nur Dich“ von Rio Reiser. Tosender Beifall, ein gelungener Kontrast zur pompösen Pop-Rock-Show.

Mit der selbst komponierten Hitsingle „Vom selben Stern“ beginnt das Konzert, fünf bombastische Lampen in Form von Monden und einem gezackten Stern schweben hell leuchtend über der Bühne. Adel Tawil trägt feines Schwarz, sein Begleitpersonal ebenfalls, nur der Bassist hat ein rotes T-Shirt an. Im Hintergrund eine überdimensionale Leinwand, grell aufflackernde, neonfarbene Muster – eine imposante Lichtschau. Aus den Boxen wummert ein peitschender Basslauf, die Bass-Drum erschallt derart wuchtig, dass sogar die Toilettentüren im Takt mitscheppern.

Untermalt wird der gewaltige, Trip-Hop-lastige Sound von elektronischem Gefiepse und Gesurre, dazu erklingt der Gesang von Adel Tawil hell und klar. Die Band präsentiert den Zuhörern ihr gesamtes musikalisches Repertoire, melancholische Liebesgeschichten wie „Dienen“, „Umarme mich“ und „Stark“ – Ohrwürmer mit schwermütigen Song-Zeilen.

Der zweite Part von „Ich + Ich“, Liedtexterin und Komponistin Annette Humpe, fehlt bei Live-Auftritten. Trotz langjähriger Musikerkarriere (Mitbegründerin der „Neuen Deutschen Welle“) ist das Lampenfieber immer noch zu groß. Auch das Düsseldorfer Publikum muss heute Abend auf ihre Anwesenheit verzichten. Derlei Probleme kennt Tawil nicht. Der Sänger mit Boyband-Vergangenheit („The Boyz“) genießt das Rampenlicht sichtlich, unterstützt seine wehmütigen Liebeshymnen mit geradezu melodramatischem Körpereinsatz. Ein schauspielernder Sänger, der zwischen den Stücken mit seinen Gästen scherzt, den direkten Kontakt zu seinen Fans sucht. Das überwiegend aus Paaren bestehende Publikum lässt sich anstecken, Frisch- und Langzeitverliebte nehmen sich in die Arme, schunkeln wie hypnotisiert mit. Dabei trifft Tawil stets den richtigen Ton: Seine atmosphärisch dichte, kraftvolle Stimme erinnert ein wenig an den deutschen Soul- und R&B-Interpreten Xavier Naidoo. Das Lied „Wenn ich tot bin“ haucht Adel Tawil mehr als er es singt, ein trauriges Liebesgedicht über imaginäres Abschiednehmen.

Zum großen Finale haben sich die Musiker wieder auf der offiziellen Bühne versammelt. Adel Tawil trägt die einfühlsame, sehnsüchtige Ballade „Brücke“ vor, neben ihm steht jetzt eine Geigerin, aus dem Keyboard ertönen sanfte Piano-Klänge. Schluss ist damit nicht – wegen der großen, unüberhörbaren Nachfrage gibt es als Zugabe noch einmal die Eröffnungsnummer „Vom selben Stern“. Rhythmisches Klatschen von den Zuschauern, die meisten singen den Refrain fasziniert mit. Dann geht die Saalbeleuchtung an, reißt die Besucher abrupt aus ihren Träumen, zurück in die Realität. Händchen haltend, in intime Gespräche versunken, verlassen die Fans die Halle. Frau Humpe hat niemand vermisst, „Ich + Ich“ funktioniert auch alleine.

Quelle: rpo