Pink Floyd

30 Jahre "The Wall"

Pink Floyd: 30 Jahre "The Wall" Pink Floyd: 30 Jahre "The Wall" Foto: Emi
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Wenige Platten sind derart präsent im Bewusstsein der Menschen wie "The Wall" von Pink Floyd. Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber vielleicht fügen sich die Zeilen des Hits "Another Brick in the Wall" sogar zum bekanntesten Text der Popgeschichte: "We don't need no education / We don't need no thought control (. . .) / Hey teacher leave us kids alone." Ein Hirnrinden-Bohrer; morgens gehört, abends noch im Kopf. Das Doppelalbum erschien vor 30 Jahren, und seither hat es sich rund 25 Millionen Mal verkauft, fast zwei Millionen Mal allein in Deutschland. Noch immer ist irgendwas dran an diesem Werk, noch immer glüht es zwischen diesen Liedern, sie haben ihre Anziehungskraft bewahrt. Sonst würde die Cover-Band The Australian Pink Floyd Show, die auf ihrer anstehenden Tournee "The Wall" Note für Note nachspielt, nicht innerhalb weniger Tage die Arenen in Köln und Oberhausen füllen können.

Dabei ist – wenn man ehrlich ist – dieses von der tyrannischen und genialen Diva Roger Waters ersonnene Konzeptalbum nicht mal richtig gut. Es fällt musikalisch gegen andere Werke der Band ab, gegen "The Dark Side of the Moon" und vor allem gegen "Wish you were here", das selbst Leonard Bernstein verehrte. Es fehlt der Schmelz, der ewig gültige Stücke wie "Shine on you crazy Diamond" so unwiderstehlich macht. Die für damalige Verhältnisse mit 700 000 Dollar Produktionskosten unmäßig teure Komposition "The Wall" ist kantiger, pessimistisch, eher Hardrock als stellare Symphonie, beinahe eintönig.

Das Album und der 1982 aus dessen Motivik hervorgegangene Film mit Bob Geldof in der Hauptrolle erzählen die Geschichte von Pink, einem Kriegshalbwaisen mit Mutterfixation und Schülertrauma. Zwischen Pink und der Welt wächst eine Mauer, die bei den bombastischen musiktheatralischen Aufführungen 1981 in New York, London, Los Angeles und Dortmund und 1990 auf dem Todesstreifen zwischen Ost- und West-Berlin aus Pappe war und sich auf 40 Metern Länge zwölf Meter hoch türmte.

Die Bedeutung von "The Wall" kann man nicht allein über die Musik erfassen. Mit dieser Untergangsoper endet zwei Jahre nach Punk die Ära der Rockmusik als allgemeine Jugendbewegung. Es geht thematisch noch einmal um Widerstand und Weltekel, um Außenseiter und Rebellion, um Jung gegen Alt. Was danach kam, konnte nicht mehr dieselbe Wucht entwickeln. Die Popmusik fächerte sich auf in Genres und Szenen. Es gibt weiterhin die widerständische Geste, aber sie lässt sich nicht mehr universell vermitteln. "Thriller" von Michael Jackson etwa, eine nach 1979 erschienene Platte, die sich besser verkaufte als "The Wall", hatte keine gesellschaftliche Aussage mehr.

"The Wall" ist die späte und dunkle Blüte des Rock 'n' Roll als Agit-Pop. Und es leitete den Verfall einer der größten Bands der Welt ein. Keyboarder Rick Wright verließ die Gruppe, die er 1964 als Architektur-Student mitbegründet hatte. Drummer Nick Mason produzierte lieber Punkrock. Und zwischen dem absolutistisch regierenden Bandleader Waters und seinem Gitarristen David Gilmour kriselte es. Nach dem Album "The Final Cut", das Waters als Fortsetzung von "The Wall" verstand, gab die Band ihre Trennung bekannt. Später wurde Pink Floyd ohne Waters reaktiviert. Aber das war nichts mehr. "The Wall" war das Ende.

Quelle: rpo