Platz 1 der deutschen Charts

Casper - deutscher Rap-Star in engen Hosen

Platz 1 der deutschen Charts: Casper - deutscher Rap-Star in engen Hosen Platz 1 der deutschen Charts: Casper - deutscher Rap-Star in engen Hosen Foto: Andreas Janetschko
Von |

Der 28-jährige Bielefelder Casper macht HipHop auch für die, die sonst keinen HipHop hören, und ist mit seinem neuen Album "XOXO" auf Platz 1 der deutschen Charts eingestiegen. Doch mit seiner Musik allein lässt sich sein riesiger Erfolg nicht erklären.

Auf einmal ist da so jemand. Man hört seinen Namen zum ersten Mal und dann hört man ihn mit einem Mal überall. Und sieht ihn überall. Im Radio, im Internet, in den Zeitungen. Auf einmal ist Casper so jemand. Ein 28-jähriger Bielefelder, der mit richtigem Namen Benjamin Griffey heißt, nun in Berlin lebt, und vor einer Woche sein neues Album "XOXO" veröffentlicht hat. Es ist ein Hip-Hop-Album, aber irgendwie auch nicht, und das ist einer der Gründe, warum Casper momentan überall gefeiert wird und warum seine Platte auf Platz 1 der deutschen Albumcharts eingestiegen ist.

Mit dem deutschen HipHop war in den vergangenen Jahren nicht viel los. Wenn er Schlagzeilen machte, dann ging es darum, wer jetzt wieder wen verprügelt und wer mal wieder für was angeklagt worden war. Deutscher HipHop, das waren in den vergangenen Jahren vor allem Bushido und Sido und all diese Rapper, die sich einredeten, dass sie eine ultraharte Kindheit in einem ultraharten Ghetto verbracht hatten, und die in ihren Songs über nichts anderes sangen als Frauen, Gewalt und Autos und wen sie aktuell besonders schlimm fanden.

Echtes Schlagzeug, echte Gitarre

Casper ist anders, und deshalb erreicht seine Platte sogar die Feuilletons, jene Orte, an denen Hip Hop sonst eher für eine Erfindung von RTL2 gehalten wird. Es beginnt schon mit Caspers Outfit. Er trägt keine weiten Hosen, keine weiten T-Shirts und keine monströsen Basketballschuhe. Er trägt enge Jeans, karierte Baumwollhemden und Leinenschuhe. Und auf dem Kopf eine Mütze. Weshalb er eher aussieht, als wäre er Sänger einer Indie-Rockband als Rapper. Das ist kein Zufall, denn auch seine Musik klingt nicht wie eine typische Hip-Hop-Platte. Auf "XOXO" setzt er nicht auf Samples, für den Beat sorgt ein echtes Schlagzeug, es gibt auch echte Gitarren und ein echtes Klavier. Schließlich steht er auch auf Punk, Hardcore, Britpop und Hamburger Schule. So gibt es Songs, zu denen die Killers oder Coldplay die Musik geliefert haben könnten oder die Gothic-Band The XX. Musik, die unter Druck steht und voller Pathos ist. In einem Lied singt Thees Uhlmann mit, Sänger der Hamburger Indie-Rockband "Tomte".

Auch seine Texte, wie seine Musik vollkommen ironiefrei, setzen nicht auf den üblichen Mix aus Größenwahn und Gewaltfantasien. Er singt über eine frustrierte junge Generation, über ödes Routine-Leben, über den Selbstmord eines Freundes, über das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, über Außenseiter, die zum Abschlussball gehen, über Frauen, die er am liebsten nicht gekannt hätte. Er singt die Zeilen mit einer Stimme, die klingt, als habe er bei einem Bundesligaspiel des FC St. Pauli zwei Stunden schreiend in der Fankurve gestanden und sei dann direkt zu den Aufnahmen ins Studio gefahren. Casper ist sicher nicht der erste, der solche Musik macht. An der Annäherung von Gitarrenmusik und Rap haben schon Run DMC gearbeitet, nachdenkliche deutsche Raptexte haben auch schon Künstler wie Clueso oder die Absoluten Beginner geschrieben. Selten ist sein Sound auf jeden Fall. Aber es ist immer noch Hip Hop.

Doch es ist nicht nur seine überraschende Musik, die Casper zum Star der Stunde macht, es ist auch seine Biografie. Egal, wo man einsteigt, sie taugt überall zur Legendenbildung, weil es immer um jemanden geht, der sich trotz Widerständen nach oben gekämpft hat. Also am besten von Anfang an. Benjamin Griffey kommt im September 1982 im Kreis Lippe zur Welt. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater amerikanischer GI. Zwei Wochen nach Benjamins Geburt zieht seine Familie in die USA, nach Augusta, Georgia. Das Geld ist knapp, die Familie wohnt in einem Trailerpark. Sein Vater ist es, der ihn eines Tages Casper nennt. Weil er trotz des vielen Sonnenscheins so blass ist. Die Ehe mit Caspers Mutter zerbricht aufgrund der vielen Auslandseinsätze des Vaters, sie heiratet einen Schwarzen, der Hip Hop liebt. Weshalb Casper zum ersten Mal vorm Spiegel rappt. Auch diese Ehe dauert nicht lang. Mutter und Sohn verlassen die USA und ziehen zurück nach Deutschland in den Kreis Lippe, da ist er elf und spricht kein Wort Deutsch.

Deutschlernen beim Tischdecken

Die Sprache lernt er durch Strenge. Beim Tischdecken zwingt ihn seine Mutter dazu, immer alles korrekt zu benennen, Gabel, Messer, Teller. Macht er einen Fehler, muss er von vorne anfangen. Weil es in Deutschland noch keine Hip-Hop-Szene gibt, wendet er sich Punk zu, The Clash, Black Flag, Slime. Doch es zieht ihn zurück zum Rap, er zieht zum Studieren nach Bielefeld und gründet die Gruppe „Kinder des Zorns“. Doch weil ihn Hip Hop nach einer Zeit wieder langweilt, fängt er an, in Hardcore-Bands zu spielen. Die wilden Live-Shows begeistern ihn. Diese Energie nimmt er mit, als er sich erneut dem Rap widmet. 2008 erscheint sein Soloalbum „Hin zur Sonne“ auf dem kleinen Label "667", das ihn in der Szene bekannt macht. Schon damals sind seine Texte eher nachdenklich, was ihm bei Hip-Hop-Puristen schnell den Ruf der "Rap-Schwuchtel" und des "Emo-Rappers" einbringt. Schon damals stehen ungewöhnlich viele Frauen im Publikum.

Seine neue Plattenfirma Four Music fördert dieses Image des Einzelkämpfers, des Sonderlings der Hip-Hop-Landschaft in der Presse-Info zum Album und erzählt gerne die Geschichte von einem, der es trotz allem geschafft hat. Denn natürlich verkauft sich so etwas besser und begeistert auch Leute, die Hip Hop sonst für plump halten. Es ist allerdings kein Image, das sie Casper aufgedrückt hat. Das beweisen frühere Songs, das beweisen auch frühere Interviews, in denen er sich stets reflektiert äußert und die Engstirnigkeit der Rap-Szene kritisiert. Diese Szene hat auch sein neues Album nicht mit ungeteilter Begeisterung aufgenommen, zumal es bei dem Label Four Music erschienen ist, das zu 50 Prozent der Major-Plattenfirma Sony gehört. Das kommt nie gut an, weil es schnell Ausverkaufs-Vorwürfe mit sich bringt. Doch Casper stören diese Reaktionen nicht, im Gegenteil. In einem Interview sagte er kürzlich: "Ich will nur eins nicht und das ist Mittelmaß. Die Leute sollen XOXO hassen oder lieben, solange sie es nicht ok finden." Das klingt schon fast wie Bushido.

Autor Sven Grest schreibt für RP Plus.

Du bist bei Facebook? Dann werde hier Fan von TONIGHT.de!

Quelle: RP