U2 auf Schalke

Die ganz große Rock-Oper

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Die irische Rock-Gruppe U2 gab in Gelsenkirchen ein bombastisches Konzert vor 70,000 Menschen. Im Mittelpunkt stand U2-Sänger Bono Vox, der eine mitreißende Vorstellung bot, viele Hits der Bandgeschichte brachte –­ und sich wie gewohnt einigen Polit-Kitsch gönnte. Er weiß ganz genau, dass sie nicht mehr anders können, dass er sie gepackt hat, dass sie um seinen Finger gewickelt sind und bereit zum Eingetütetwerden. Er singt „Sunday Bloody Sunday”, und dieses immergrüne Protest-Lied schickt die Band als militärischen Marsch durch die mächtige Halle, vom Schlagzeug bretthart weggetrommelt und mit einem Gitarrenriff versehen, das einem die Nieten an der Lederjacke aufstellt. Er lässt den Song übergehen in eine unerwartete und euphorisierende Cover-Version von „Rock the Casbah” der Punk-Band The Clash und dann in „Pride”, den Kracher aus frühen Tagen, der Hymne, die er ganz nach weit oben treibt, bis unters Arena-Dach, von wo sie nun als herrlich fette Stadionrock-Sauce sämig runtertropft auf die Fans.

Nicht irgendein Rock-Star

Sie singen immer weiter, über das Lied hinaus, sie spucken das „o-hoho-ho-o-hoho-ho” wieder aus, das so etwas wie der Flügelschlag dieser Musikdichtung ist, und es muss das Größte für ihn sein, das zu hören, von 70.000 Menschen, sein Lied. Es ist der Moment höchster Gegenwärtigkeit, größter Zuneigung und Konzentration. Er könnte sich nun hineinwerfen in die Menge, sich tragen lassen und See Genezareth spielen. Aber er ist nicht irgendein Rock-Star, deshalb kürzt er das Schauspiel ab, spricht gegen die Vielstimmigkeit an, ganz ernst, nimmt die Power aus der Veranstaltung, man hört aus seinem Mund den Namen Nelson Mandela, dann kurz was über die „Helden auf den Straßen Irans” und ganz lang eine Predigt zur Verteidigung der unter Hausarrest stehenden birmanischen Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Genie und Nervensäge

Das ist er, Genie und Nervensäge, er will jetzt Stille, er ist Bono Vox, und das hier ein Konzert seiner Band U2. Das irische Quartett spielt das letzte von nur zwei Deutschland-Konzerten in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, ein bombastisches Ereignis zwischen künstlerischer Berauschtheit und zahnweh-machendem Polit-Kitsch. Die Bühne hockt wie eine Spinne mitten im Stadion, giftgrün und 50 Meter hoch, von allen Seiten einsehbar und mit einer umlaufen Videoleinwand gekrönt: 360 Grad, so heißt die Tour von U2.

Als Ouvertüre läuft „Space Oddity” von David Bowie, das Lied über „Major Tom”, und nacheinander betreten sie den Bauch des intergalaktischen Viechs: Schlagzeuger Larry Mullen Jr., Gitarrist The Edge, Bassist Adam Clayton, dann er, Bono. Bowie geht nahtlos in U2 über ­ Trommel, Gitarre, Gesang ­, sie starten mit „Breathe” vom neuen Album „No Line On The Horizon”. Eine Led-Zeppelin-Alarm-Gitarre senst durch die Zuschauerreihen, und überhaupt sind das rockige zwei Stunden, zum Großteil mit Song-Material aus der zweiten Schaffenshälfte der Gruppe bestritten.

Manchmal ein bisschen platt

Die Bandmitglieder umkreisen die Bühne auf Bahnen, die weit ins Publikum greifen, sie wagen sich über mobile Brücken hinaus und werden von Kameras eingefangen, die das Geschehen auf den Leinwand-Ring bringen, es dynamisieren, in Farben tauchen, mit Symbolen verstärken, manchmal ein bisschen platt. Einmal fliegt da eine Friedenstaube über Bonos Gesicht, na ja. Aber man kann sich nicht entziehen, es ist ein Phänomen, die reine Faszination und ein Irrsinn, wie diese vier völlig unironischen Musiker so viele Menschen von Beginn an in ihren Bann ziehen können, mit ihnen spielen, mit einer Musik, die satt ist von Pathos und ihr Aroma erst live richtig entfaltet.

Song-Giganten erst am Schluss

Dabei machen sie es sich nicht unbedingt leicht: U2 sparen die Song-Giganten für den Schlussteil des Sets auf, „One” etwa und „The Unforgettable Fire”, weben aber ab und an Schnipsel von Cover-Versionen ein ­ neben The Clash auch Grönemeyers „Mensch”. Das ist genau genommen eine Bono-Show, der 49-jährige Bühnen-Berserker in schwarzem Leder lässt seinen Dr. Jekyll von Mr. Hyde jagen und doch nicht einfangen. Bono ist ein leidenschaftlicher Entertainer, er steht auf einem Bein, das andere sticht als wütendes L in die Luft, er drückt den Körper nach vorn, das Mikro wie ein Megaphon vor dem Mund, er ist gekommen, um mitzureißen.

Der penetrante Missionar

Aber er ist auch der penetrante Missionar, der eine SMS-Nummer einblenden lässt und mitten im Konzert zu Spenden aufruft. Er lässt den südafrikanischen Bischof Tutu per Videobotschaft eine Rede halten und Dutzende Menschen mit Masken von Aung San Suu Kyi auf die Bühne kommen. Seine minutenlangen Ansprachen werden auf der Leinwand ins Deutsche übersetzt, und manchmal ist das Spruchband schneller als der Redner: Friede, Liebe, wir sind alle eins. Aber dann, ganz am Ende, kommt einer dieser Momente, die man nicht mehr vergisst, wegen der man das alles lieben muss, Rockoper, man gibt sich einfach hin.

Bono tritt zur Zugabe in einem Anzug aus roten Leuchtdioden in die verdunkelte Halle, er atmet tief ein, und man weiß, es ist so weit. Es ist das Lied, das für viele die Quintessenz des Kataloges dieser Gruppe ist, das ganz ekelhaft schmalzig sein mag, aber doch so großartig und in seiner Dramatik überwältigend. Es ist „With Or Without You”, es ist U2, es ist Bono, und wieder hat er sie alle in der Tasche, 70.000 Leute, alle friedlich. Welch ein Glück.

Konzert: U2 - "360 Grad" in der Arena auf Schalke Konzert: U2 - "360 Grad" in der Arena auf Schalke Konzert: U2 - "360 Grad" in der Arena auf Schalke Konzert U2 - "360 Grad" in der Arena auf Schalke 10 Fotos Vertigo Tour 2005: Kult-Band U2 rockt San Diego Vertigo Tour 2005: Kult-Band U2 rockt San Diego Vertigo Tour 2005: Kult-Band U2 rockt San Diego Vertigo Tour 2005 Kult-Band U2 rockt San Diego 14 Fotos

Quelle: rpo