Universelle Jugendkultur

Motown - Sound des jungen Amerika

Universelle Jugendkultur: Motown - Sound des jungen Amerika Universelle Jugendkultur: Motown - Sound des jungen Amerika Foto: Universal Music
Von |

Vor 50 Jahren gründete Berry Gordy die legendäre Plattenfirma in Detroit. Dort erschienen die Evergreens von Soul-Stars wie Diana Roos und den Supremes, Stevie Wonder und Jackson Five. Diese Musik überwand Rassengrenzen und war Ausdruck einer universellen Jugendkultur. Amerika war so jung in jenen Tagen. Das Land schien keine Sorgen zu haben, und diese Musik lieferte das zuckersüße Schubidu zur Untermalung des Leichtseins. In den Liedern, die im Zweifamilienhaus dieses windigen Geschäftsmannes in der amerikanischen Auto-Metropole Detroit entstanden, sangen schöne Menschen meist von Flirt und Liebelei, manchmal vom Unerhört-Bleiben-und-dann-Getröstet-Werden, aber selten von Trauer und Unglück. Das war Soul, schwarz und doch pastellig-bunt, warm wie Honigmilch, mit ordentlich Schmalz und Schmelz, der Sound von Motown.

Die 70er Jahre waren die künstlerisch aufregendste Zeit bei Motown

Im Januar 1959 ging das los mit den Hits von Berry Gordys Plattenfirma. Der Gelegenheits-Zuhälter, Ex-Boxer, vormalige Plattenverkäufer und ehemalige Fließband-Arbeiter in den Ford-Fabriken hatte sich 800 Euro Startkapital bei Mum und Dad geborgt. Er übertrug die Verfahren der modernen Industriegesellschaft auf die Musik: rasch gefertigte und doch hochwertige Hits am laufenden Meter. Es klappte, 110 Top-Ten-Erfolge hatte Motown mit Künstlern wie Diana Ross und den Supremes, Stevie Wonder, Jackson Five und Temptations in den nächsten zehn Jahren. Die Titel kennt jeder Radiohörer: „Stop! In the name of Love“, „Ain’t no Mountain high enough“, „Baby Love“, „My Girl“, „Reach out, I’ll be there“, „You keep me hangin’ on“. Gordy stieg zum erfolgreichsten schwarzen Unternehmer der USA auf.

Der im Gründungsjahr 29-Jährige wollte Ohrwürmer, er wollte sie hineinbohren in die Köpfe, wollte Lieder zum Leben machen, jeder sollte seine Songs mögen, jeder - und eben das war das Revolutionäre. Gordy thematisierte nicht den Unterschied zwischen Schwarz und Weiß. Er schuf eine bürgerliche Jugendkultur für alle. Vorher hatte das weiße Amerika schwarze Musik nur gehört, wenn weiße Sänger wie Elvis Presley sie spielten. Gordy durchbrach die Rassengrenze in der Kunst. Er war ein Menschenfänger, ein Verführer: Seinen mehrstimmigen Harmoniegesängen konnte man nicht widerstehen. Zum Rhythmus des Schellen-Tambourins musste man mitklatschen. Und wenn der Bassist im ersten Refrain eines Songs mit der Arbeit begann, wippten die meisten bereits in friedlicher Benommenheit. Viele der frühen Motown-Songs wirken heute alt und durchgenudelt. Aber nicht, weil sie schlecht gemacht sind. In ihnen ist vielmehr das Urmuster der späteren Pop-Produktion enthalten - da ist alles drin, was heute als R’n’B, House und Funk firmiert. Wer zum Beispiel Beyoncé mag, hört Motown gleich mit.

Der Despot Gordy erzwang den Erfolg, er führte ein hartes Regiment. Jeden Tag wurden bei Motown drei Lieder gefertigt, gesungen von den diversen Stars des Hauses, stets in Begleitung der hauseigenen, chronisch unterbezahlten Band. Hatte ein Künstler mit einem Song keinen Erfolg, sang ihn ein anderer neu ein. Das Studio war 24 Stunden am Tag in Betrieb. Der Stress muss enorm gewesen sein. Claudette Robinson, Sängerin bei der Band Miracles und Ehefrau des Motown-Stars Smokey Robinson, soll sieben Fehlgeburten gehabt haben, bevor ihr erstes Kind gesund zur Welt kam. Ein Herz hatte Gordy nur für Diana Ross. Nachdem die beiden ein Paar geworden waren, arbeitete er verbissen an der Solokarriere der Sängerin. Viele Musiker verließen damals enttäuscht die Plattenfirma. Motown verlor die magische Formel für Hits. Später ging auch Diana Ross.

Große Pop-Alben

Mit Beginn des Vietnam-Krieges wurde der Heile-Welt-Sound allmählich zum Anachronismus. Amerika wurde erwachsen, die Jugend zornig. Gordy ließ widerwillig gesellschaftskritische Songs zu und komplexe Arrangements. „War“ von Edwin Starr ist ein Beispiel: wuchtig statt süß, böse statt lieb. Die 70er Jahre waren denn auch die künstlerisch faszinierendste Zeit des Labels. In dieser Niedergangs- und Blütephase erschien bei Motown eine Handvoll der größten Alben des Pop: „Innervisions“ von Stevie Wonder (1973), „What’s going on“ von Marvin Gaye (’71) und die beiden LPs „All Directions“ (’72) und „Masterpiece“ (’73) von den Temptations. Das sind Meisterwerke, die mit jedem Hören wachsen, die bewegen können, aufregen.

In den 80ern und 90ern lieferten Stevie Wonder und Lionel Richie Hits, Gruppen wie Boys II Men kamen hinzu. Aber Motown war nur noch eine Plattenfirma unter vielen. Das klang gut, aber nicht mehr besonders. Schließlich verkaufte Gordy den Laden - für 61 Millionen Dollar. Den Namen gibt es weiter, sein Schöpfer lebt in Los Angeles.

Nächste Woche feiert Gordy seinen größten Erfolg. Er fliegt nach Washington. Zur Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten der USA.

Quelle: rpo