Vom Rebell zum Friedenskämpfer

Wie U2 erwachsen wurde

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Wenn man Bono heute in den Palästen der Großen die Welt verbessern sieht, ein bisschen sehr verbissen und immer im Bewusstsein größtmöglicher Gerechtigkeit, dann kann man sich kaum vorstellen, dass er mal ein Stürmer und Dränger gewesen ist, ein Rebell ohne Grund. Der heute 48-jährige Sänger von U2 war ein Punk, in der irischen Variante allerdings. In Dublin mischte man Ende der 1970er Jahre die Vorliebe für böse Gitarrenriffs und Dagegensein mit Naturburschenhaftigkeit und Folklore. Man kann das sehr schön auf frühen Fotos von U2 sehen: schlecht gekleidet und unfrisiert; Bono und Co waren unter den Außenseitern die Einzelgänger.

Jetzt sind die ersten drei Alben einer der erfolgreichsten Bands der Pop-Gegenwart neu aufgelegt worden, in restaurierten Fassungen. U2-Gitarrist The Edge überwachte das Re-Mastering der beinahe 30 Jahre alten Aufnahmen. Der Sound ist nun klarer, Schlagzeug und Gitarre treten nach vorne, die Stücke wirken dynamischer. Bonus-CDs mit B-Seiten und rarem Material begleiten die Edition, und Beiträge zur Entstehungsgeschichte ordnen ein, was man da hört: Die U2-Werdung einer jungen Rock-Gruppe.

Am Anfang der Entwicklung steht „Boy“, bereits in der Besetzung von heute eingespielt, 1980 war das, und diese Platte verblüfft beim Wiederhören am meisten. U2 erinnern hier stark an The Police, manchmal auch an Joy Division. Das Schlagzeug treibt die Songs schroff nach vorne. Die Gitarre fährt hart und scharf dazwischen, dann hebt Bonos Gesang an, klagend, suchend, noch lange nicht gefestigt, weit weg von der stimmlichen Perfektion der „Joshua Tree“-Zeit.

Es geht in den Texten der ältesten U2-Platte um das Erwachsenwerden. Bonos Verse versuchen Gefühle in Bilder zu fassen, aber sie stochern im emotionalen Morgengrauen, finden keine Antworten, weil ihr Urheber die Fragen noch nicht kennt. „Boy“ geht durchaus als später Punk durch, das klingt frisch und, obwohl steinalt, stellenweise unerhört.

„October“ wurde im Jahr nach „Boy“ veröffentlicht, es ist das typische zweite Album einer Band, die mit der ersten Veröffentlichung ihrer über Jahre angestauten Wut Luft machte und nun erst mal nichts mehr hat, das ihr gerade nicht passt.

Bono singt ein bisschen über Religion, die Gitarre ist laut und ungezähmt, sie beißt die verqueren Texte weg. Mit diesem Zwischenwerk hat The Edge seine Rolle als gleichberechtigter Partner neben Bono gefunden, vielleicht musste dieser Kampf erst entschieden werden, bevor man zum nächsten großen Schlag ausholen konnte.

„War“ von 1983 ist, das wird mit der Neuauflage deutlich, das beste U2-Album nach „The Joshua Tree“ von ’87. The Edge spielt die Gitarre wie David Bowies „Ziggy Stardust“: ätzend, rotzig, aber kontrolliert und strukturierend.

Bono hält den Gesang im Zaum, das ist pointierter als noch im Jahr zuvor. „War“ macht deutlich, warum solche Neuausgaben sinnvoll sind: Sie überführen das Prinzip der historisch-kritischen Werkausgabe in die Popmusik und machen die wichtigen Entwicklungslinien sichtbar.

U2 ist auf „War“ eine politische Band, die ihr Thema gefunden hat: die Weltpolitik, das große Ganze. Sie verpackt ihre Botschaften in melodiöse Rocksongs, die noch widerborstig sind, aber eingängig genug, um den Zorn in die Köpfe der Menschen zu bringen.

Bono gibt erstmals den Chefankläger, eine Rolle, die er nicht mehr aufgeben sollte. „Sunday bloody sunday“ und „New year’s day“ heißen die Hits. „War“ erreicht die Spitze der britischen Charts. U2 wurden durch diese Platte, was sie sind.

Zehn weitere Nummer-eins-Alben und 130 Millionen verkaufte Platten folgten.

Tourauftakt: U2 rockt Schalke Tourauftakt: U2 rockt Schalke Tourauftakt: U2 rockt Schalke Tourauftakt U2 rockt Schalke 13 Fotos Vertigo Tour 2005: Kult-Band U2 rockt San Diego Vertigo Tour 2005: Kult-Band U2 rockt San Diego Vertigo Tour 2005: Kult-Band U2 rockt San Diego Vertigo Tour 2005 Kult-Band U2 rockt San Diego 14 Fotos

Quelle: rpo