Wir-sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes

"Heldin" mit Schlafmangel

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Ganz am Anfang, da muss es sich für Judith Holofernes und ihre Band Wir sind Helden angefühlt haben, als habe man eine Tür geöffnet, hinter der sich ein Zauberland befindet. Von null auf Hundert wurde die Band mit ihrer ersten Single "Guten Tag" katapultiert, in ein Popstar-Leben gehievt, von Kritikern und Publikum gefeiert.

Holofernes wurde ob ihrer den Alltag intelligent und humorvoll sezierender Texte so etwas wie die Klassensprecherin der Konsum- und Kapitalismuskritik im deutschen Pop. 2003 war das. Sieben Jahre später sitzt Judith Holofernes, 33, im Auto und fährt durch Berlin. Am Steuer sitzt Pola Roy, 35, Schlagzeuger der Band und seit 2006 Holofernes' Ehemann. Beide sind spät dran, müssen in den Proberaum. Der Babysitter hat sich verspätet, und ausreichend Schlaf haben die Eltern – 2006 wurde Sohn Friedrich geboren, im vergangenen Jahr Tochter Mimi Lucille – auch nicht bekommen. "Aber das Schlafdefizit war schon mal schlimmer", sagt Judith Holofernes.

Fast drei Jahre lang waren Wir sind Helden abgetaucht, ehe jetzt mit "Bring mich nach Hause" das vierte Album erschienen ist. Es ist das persönlichste Album der Band. Die Texte verraten viel über die Frontfrau, vor allem in den ruhigen, düsteren Momenten der Platte. Das Pop-Zauberland glitzert nicht mehr ganz so stark, es ist ein zerbrechliches Gebilde. Ein von Rastlosigkeit und einer überbordenden Sehnsucht nach Ruhe geprägter Ort. "So richtig Pause gemacht haben wir zwar nur sechs Monate, aber wir haben die Dinge auch danach langsamer angehen lassen", sagt Holofernes. "Das war wichtig."

Durchs Leben gepeitscht

Der rasche Aufstieg der Band hatte Kraft gekostet. Viel Kraft. Die geöffnete Tür in das Zauberland forderte Anstrengungen: Konzerte, Studio, Proberaum, Promotion, Interviews. Dazu die Mutterrolle. Es gab Tage, da kam Judith Holofernes von der Bühne, verschwitzt und vom Adrenalin gepeitscht – und musste erst mal Friedrich stillen. An Schlaf war in dieser Zeit kaum zu denken. "Wenn man vor ein paar tausend Menschen auftritt, kann man danach nicht sofort abschalten. Man braucht drei, vier Stunden, um wieder runterzukommen."

Ins Bett ging es häufig erst um drei Uhr nachts, zwei Stunden später klingelte der Wecker wieder. Friedrich musste versorgt werden. Dazu der Rummel, das Rampenlicht. Das zehrt. "Man fragt sich mitunter, wie viel Schlafmangel eigentlich möglich ist", sagt Judith Holofernes. "Ich habe mich zeitweise wie über den Rand geschubst gefühlt. Es dauert lange, bis man das einsieht." Zur Ruhe zu kommen ist nicht leicht, wenn man so durchs Leben peitscht. Die Sängerin weiß, dass Erfolg und Karriere schwer vereinbar sind. Daran ändert auch ein Babysitter nichts.

Eine Sehnsucht nach Ruhe

Judith Holofernes musste die eigene Rastlosigkeit besiegen. In "Bring mich nach Hause", dem Titelstück des neuen Albums, singt sie: "Ich will nach Hause, ich bin schon zu weit hier draußen. Komm und trag mich, schlag mich nieder, ich bin nicht still genug."

Stille, sich ausruhen, Heimat: Judith Holofernes lebt mit Ehemann und Kindern in Berlin-Kreuzberg. Dort wurde sie auch geboren, zog aber nach der Trennung ihrer Eltern im Alter von sechs Jahren mit ihrer Mutter nach Freiburg. Nach dem Abitur ging es zurück nach Berlin. Eigentlich zum Studium, das sie dann aber wegen des Banderfolgs abbrach. Mit Keyboarder Jean-Michel Tourette, 35, Bassist Mark Tavassol, 36, sowie Pola Roy hat sie seit Sommer 2000 an Wir sind Helden-Songs gearbeitet. Tourette und Roy hatte Holofernes bei einem Pop-Workshop in Hamburg kennengelernt.

Nach einem Interview war die Hölle los

Das 2003 erschienene Debütalbum "Die Reklamation" wurde schnell mehr als eine halbe Million Mal verkauft, die Band füllt seither die großen Konzerthallen. Damit nicht genug: Bands wie Juli oder Silbermond erhielten im Fahrwasser des Wir sind Helden-Erfolgs Plattenverträge. Doch das Verspielte, das Lyrische in den Texten von Judith Holofernes fehlt jenen Bands. Während die Helden-Frontfrau mit dem Rock-Poeten Rio Reiser verglichen wird, erinnern Juli und Silbermond textlich eher an Nena. Die Zeile "Guten, Tag ich will mein Leben zurück" war mehr als eine Parole. Es war eine verspielte Absage an die Fremdbestimmung im Alltag. "Visionen gegen die totale Television", singt Holofernes.

Erfolg weckt öffentliche Begehrlichkeiten. Judith Holofernes wurde als Klassensprecherin des deutschen Pop bezeichnet. Eine Rolle, die ihr nicht behagt. Wie mühsam es sein kann, sich politisch zu äußern, musste sie erst kürzlich erkennen. Da sprach sie mit der "Süddeutschen Zeitung" über Integration und Integrationsprobleme in Kreuzberg. Auch, weil sie und Ehemann Pola sich schon jetzt mit der Frage beschäftigen, auf welche Grundschule Sohn Friedrich in zwei Jahren gehen soll.

Integration geschieht auf dem Spielplatz

Holofernes sagte, der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund von 86 bis 94 Prozent an einigen Kreuzberger Schulen sei ein Drama für alle Beteiligten – weil so, vor allem sprachlich, Integration kaum möglich sei. "Was danach vor allem in einigen Internetforen los war, ist unglaublich", betont sie. Zum Teil wurde Holofernes dort übel beschimpft. "Seit Thilo Sarrazin sein Buch veröffentlicht hat, ist in der Integrationsdebatte unfassbar viel Polemik im Spiel."

Dabei erlebt sie jeden Tag, dass gerade über die Kinder Integration und Annäherung ermöglicht würden. Auf dem Spielplatz zum Beispiel könne man beobachten, wie Eltern mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund, die ohne Kinder eher nebeneinander her leben würden, ins Gespräch kämen. Das helfe, dass Integration funktionieren könne.

Ein Horror mit der Kindermusik

Etwas anderes, viel Banaleres hat bei den Aufnahmen des neuen Albums funktioniert. Da waren die Kinder erstmals mit im Studio. Für Judith Holofernes und Pola Roy bedeutete das Entlastung – musikalisch betrachtet. Zuvor wollte Sohn Friedrich zu Hause ausschließlich Kindermusik hören. "Kindermusik ist häufig nicht nur weitestgehend schrecklich. Kinder wiederholen sie auch unentwegt. Da hat man ein Lied dann Monate lang exklusiv", sagt Holofernes und lacht. Das hat sich geändert. "Seit Friedrich mit im Studio war, wird zu Hause auch Erwachsenenmusik toleriert." Auf der aktuellen Tournee bekommt er ebenfalls viel "Erwachsenenmusik" zu hören: Friedrich ist, ebenso wie Schwesterchen Mimi Lucille, im Tourbus mit unterwegs.

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Eine Band im Foto-Porträt: Wir sind Helden - auch nur Menschen Eine Band im Foto-Porträt: Wir sind Helden - auch nur Menschen Eine Band im Foto-Porträt: Wir sind Helden - auch nur Menschen Eine Band im Foto-Porträt Wir sind Helden - auch nur Menschen 7 Fotos Deutsch-Popper in der Philipshalle: 6.000 Düsseldorfer bejubeln "Wir sind Helden" Deutsch-Popper in der Philipshalle: 6.000 Düsseldorfer bejubeln "Wir sind Helden" Deutsch-Popper in der Philipshalle: 6.000 Düsseldorfer bejubeln "Wir sind Helden" Deutsch-Popper in der Philipshalle 6.000 Düsseldorfer bejubeln "Wir sind Helden" 59 Fotos Tourneeauftakt: "Wir sind Helden" starten in Rostock durch Tourneeauftakt: "Wir sind Helden" starten in Rostock durch Tourneeauftakt: "Wir sind Helden" starten in Rostock durch Tourneeauftakt "Wir sind Helden" starten in Rostock durch 8 Fotos

Quelle: rpo