"Zum Aufhören ist es noch zu früh"

Campino von den Toten Hosen im Interview

"Zum Aufhören ist es noch zu früh": Campino von den Toten Hosen im Interview "Zum Aufhören ist es noch zu früh": Campino von den Toten Hosen im Interview Foto: RP/Hans-Jürgen Bauer
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Campino, 49-jähriger Sänger der Düsseldorfer Punkrock-Band Die Toten Hosen, spricht über die neue Platte seiner Gruppe, die Bedeutung des Film "Clockwork Orange" und den Plan, einen Titel von Kraftwerk neu einzuspielen.

Campino kommt zu Fuß an diesem trüben Vormittag. Er sieht gut aus, elastisch irgendwie. Er trägt die Lederjacke offen, dazu eine Wollmütze. Der 49-jährige Sänger der Toten Hosen bestellt schwarzen Kaffee und frisch gepressten Orangensaft. Er wirkt entspannt, schaut in die Speisekarte. "Was zu essen?", fragt die Bedienung. "Nee, lieber doch nicht", sagt Campino.

Sänger der Toten Hosen: Campino Sänger der Toten Hosen: Campino Sänger der Toten Hosen: Campino Sänger der Toten Hosen Campino 13 Fotos Was machen Sie an Heiligabend?

Campino Ich bleibe dieses Mal nicht in Düsseldorf. Ich fahre nach Berlin und werde dort mit meinem Sohn und seiner Mutter feiern.

Ihr Sohn müsste jetzt in der zweiten Klasse sein.

Campino Ja, er wird nächstes Jahr acht. Er ist gut in der Schule angekommen, das freut mich sehr. Er geht da gerne hin, was bei mir ja eher selten vorgekommen ist.

Finden Sie die Pendelei zwischen Düsseldorf und Berlin nicht schwierig?

Campino Ich habe weiterhin meinen Lebensmittelpunkt hier. Das Problem besteht darin, auf möglichst viel gemeinsame Zeit mit meinem Sohn zu kommen. Das Pendeln wird immer dann schwierig, wenn ich stark eingebunden bin. Wir produzieren gerade ein neues Album, und da muss man sehr diszipliniert sein, sonst bekommt man das nicht unter einen Hut.

Welche Hosen-Platte sollte ein Vater seinem Sohn als erste vorspielen?

Campino Vielleicht "Wir warten aufs Christkind" oder unsere Schlagerplatte, das Rote-Rosen-Album.

Haben Sie das an Ihrem Sohn ausprobiert?

Ein besonderer Spaziergang: Mit Campino am Rhein Ein besonderer Spaziergang Mit Campino am Rhein Zum Artikel » Campino Ich habe ihm unsere Musik so gut wie nie vorgespielt. Ich war überrascht, als seine Mutter erzählte, er würde mit seinem Freund diese Platten hören, und beide würden laut dazu singen. Ich wusste nicht, dass er die Sachen genau kennt. Ich dachte immer, das muss nicht sein, dass er von mir in eine Richtung geschoben wird. Er war auch noch nie auf einem Konzert von uns. Vielleicht ist es im kommenden Jahr so weit. In der Schule wurde er inzwischen öfter damit konfrontiert. Da stehen dann ältere Jungs vor ihm und fragen: Ist dein Papa bei den Toten Hosen?

Das nächste Jahr wird anstrengend für Sie. Die Toten Hosen werden 30, Sie selbst feiern Ihren 50.

Campino Ich feiere tatsächlich. Zum ersten Mal gebe ich eine Party. Das Versprechen haben mir meine Freunde abgerungen.

Wann erscheint das neue Album?

Campino Es soll im April oder Mai kommen.

Für den Zeitraum sind Veröffentlichungen von Silbermond, den Ärzten und Seeed angekündigt. Gleiche Zielgruppe, harte Konkurrenz. Oder?

Campino Das wird ein großer Tanz, ja.

Wie geht es voran im Studio?

Campino Wir stecken mittendrin in der Schlacht. Wir nehmen in einem umgebauten Bauernhof bei Senden im Münsterland auf.

Sie vergleichen die Produktion mit einer Schlacht. Haben Sie noch genügend Kraft für solch einen Kampf?

Campino Wir arbeiten seit anderthalb Jahren an der Platte, und jetzt ist mit den finalen Aufnahmen die Stunde der Wahrheit gekommen. Es hat lange gedauert, bis bei uns der Knoten geplatzt ist. Es war schwierig, beim Texteschreiben eine Existenzberechtigung für die Lieder zu finden, eine Dringlichkeit, die gegeben sein muss, um Dinge auf Platte zu pressen.

Können Sie das erläutern?

Campino Anders gesagt: Wie schafft man es, sein Innerstes auf den Tisch zu legen, ohne dass es aufdringlich wird? Das ist eine Frage, die ich mir stelle. Inzwischen sind zum Glück ein paar Lieder dabei, die die Leute überraschen könnten. Die man vielleicht von uns so nicht erwarten würde. Ich hoffe wirklich, dass es ein frisches Album wird.

Stimmt es, dass Sie mit dem Liedermacher Funny van Dannen arbeiten?

Wim-Wenders-Werk: Campino-Film "Palermo Shooting" feiert Premiere Wim-Wenders-Werk: Campino-Film "Palermo Shooting" feiert Premiere Wim-Wenders-Werk: Campino-Film "Palermo Shooting" feiert Premiere Wim-Wenders-Werk Campino-Film "Palermo Shooting" feiert Premiere 7 Fotos Campino Er ist seit langem ein guter Freund. Wir tauschen uns oft aus. Wir sitzen in der Küche, essen und trinken und zeigen uns Texte und Lied-Ideen. Wir haben eine Abmachung: Wer etwas vom anderen gebrauchen kann, der nimmt es sich. Wir sind auf lockere Weise ständig im Austausch. Und die Band wird ihn bitten, uns in Senden zu besuchen. Vielleicht kann er uns bei einer Idee unterstützen.

Bei welcher?

Campino Wir wollen uns zum Geburtstag ein Geschenk machen und andere Künstler mit Coverversionen würdigen. Texte aus dem deutschsprachigen Raum und natürlich aus Düsseldorf. Mittagspause etwa und S.Y.P.H., vielleicht versuchen wir uns an einer Kraftwerk-Nummer. Wir wollen aufzeigen, wo unser Background ist. Das geht bis zu Texten von Erich Kästner, den ich sehr liebe, und Hermann Hesse. Das klingt vielleicht anstrengend, soll aber nicht so rüberkommen. Bestenfalls werden die Lieder so, dass man nicht merkt, dass wir den Song eines anderen Künstlers covern. Wir wollen das auf unsere Weise interpretieren.

Ist ein Konzert in Düsseldorf geplant?

Neuer Fotoband: Die Toten Hosen in Bildern Neuer Fotoband Die Toten Hosen in Bildern Zum Artikel » Campino Das ist der Startschuss in eine lange Live-Saison. Wir beginnen mit der Wohnzimmertournee. Jeder kann sich darum bewerben, dass wir bei ihm auftreten. Wir wollen den Geist von früher wiederbeleben und schlafen teilweise auch bei den Leuten, mit Schlafsack und allem, was dazugehört. Dann steht das 20. Jubiläum unseres ersten Auftritts in Buenos Aires an, dort werden wir also auch feiern. Wir spielen bei Rock am Ring und haben Einladungen auch aus Ländern, in denen wir noch nie gespielt haben. Danach überlegen wir, wie wir in Europa weitermachen.

Und Ende des Jahres hören Sie auf?

Campino Sie meinen für immer?

Bis zum ersten Comeback-Versuch. Wäre doch der ideale Zeitpunkt.

Campino Das kann ich nicht beantworten. Vom Gefühl her würde ich meinen endgültigen Abschied anders einleiten. Ich glaube, es ist noch nicht so weit. Aber ich habe schon den Eindruck, dass es von Mal zu Mal schwieriger wird, an die Grenzen des eigenen Anspruchs zu gehen. Ich mache viel davon abhängig, wie zufrieden wir mit der neuen Platte sein können. Und wenn andere es ebenso sehen, dann ist das gut. Es soll nicht so laufen, dass man die nächste Platte erduldet, aber auf den Konzerten nur auf "Hier kommt Alex" wartet.

Dieser Song und das dazugehörige Album "Ein kleines bisschen Horrorshow" beziehen sich auf Stanley Kubricks Film "A Clockwork Orange". Der Film wurde in diesem Jahr 40.

Campino Ein wichtiger Film für mich. Ich sah ihn im Metropol-Kino in Düsseldorf. Ein knallharter Film. Was er brillant umsetzt: Dass man Sympathie für die Bösewichte entwickelt, obwohl man das eigentlich nicht dürfte. Was daran verwirrt: Wieso lacht man über das Verhalten von so einem Schwein? Gleichzeitig fragt man sich: Ist die Hauptfigur eigentlich ein Produkt der Gesellschaft, oder ist die Gesellschaft ein Produkt von Individuen wie ihm?

Es geht auch um Jugendbewegungen.

Campino Das ist das Gefühl, dass man in einer Gang rumläuft, zu zehnt oder mit 20 Mann. Und dass man Lust hat, im Mob gegen eine Straßenlaterne zu treten. Diese von oben betrachtet völlig sinnlosen und dummen Gedanken, die jungen Menschen kommen. Nicht zu wissen, wohin mit seiner Kraft. Das war auch bei mir so. An hundert Abenden geht es gut, aber dann endet es plötzlich in der Katastrophe. Dieses Gefühl können viele Leute nachvollziehen, die in der Altstadt mal eine Rangelei erlebt haben.

Ich habe ein Geschenk für Sie.

Campino Vielen Dank. Eine CD. James Blake? Kenne ich gar nicht.

Das ist für mich die wichtigste Platte des Jahres.

Campino Warum?

Sie zeigt, dass Neues in der Popmusik noch möglich ist. Bass, Hall und Stimme, mehr braucht es nicht. Ist aber elektronisch.

Campino Ich habe keine Berührungsängste. Bin sehr gespannt.

Gehen Sie oft zu Konzerten?

Campino Zuletzt fast täglich. Funny van Dannen, Beatsteaks, Donots. Ich finde auch die Gorillaz genial. Zurzeit die einzige Band, für die ich im Auto zwölf Stunden zum Konzert fahren würde.

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Quelle: RP