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Neue Taugenichtse: Tocotronic

Aktuelles Album: Neue Taugenichtse: Tocotronic Aktuelles Album: Neue Taugenichtse: Tocotronic Foto: Katja Ruge/Universal
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(RP) Diese Platte ist das wichtigste Buch des Jahres. Ein spätromantisches Werk ist das, es geht um Selbstfindung in der Verweigerung und um ein Lebensgefühl, das eben nicht in unserer Gesellschaft wurzelt, um all das geht es auf dieser Platte. Darin erzählt ein redseliger Fata-Morgana-Sucher, wie er auszieht, um über den Tellerrand zu blicken und dabei womöglich herunterzufallen und in ein anderes Leben zu plumpsen. Genau genommen also bietet das neue, textlich umwerfende Album „Kapitulation“ der Band Tocotronic eine zeitgenössische Version des Eichendorffschen „Taugenichts“ - allerdings spielt der Titelheld nicht Geige, sondern die Stromgitarre.

„Du musst nicht zeigen, was du kannst“, so lautet der zentrale Satz auf dieser achten Studio-Platte von Tocotronic. Vom Leichtsein ist die Rede, vom So-Sein. Ansonsten wird viel gelaufen - flaniert, um genau zu sein - und dabei gegrübelt: in Wiesen, auf Feldwegen, in Parks, in Alleen, an Flüssen und unter Elstern. Das klingt ein bisschen schwermütig, ist es ja auch, aber doch eher so, wie die Engländer schwermütig sind: „happy to be sad“ heißt das bei denen - froh, traurig zu sein.

Tollkühner Feingeist

Das Wort „Kapitulation“ wird hier denn auch irgendwie hüpfend gesungen, des natürlichen Grundbasses ledig. Sänger Dirk von Lowtzow lutscht die Silben wie ein Kind das Erdbeer-Bonbon: „Und wenn du dir denkst / Alles ist zum Speien / Und so wie du jetzt bist / Willst du überhaupt nicht sein / Ka-pi-tu-la-tion ohoho.“ Das Dichte, es tönt ganz leicht, la-la-leicht. „Pure Vernunft darf niemals siegen“ heißt das Vorgänger-Album, und daran knüpfen Tocotronic an. Der da immer „ich“ sagt und dazu die Gitarren recht rockig heulen lässt, leidet am Prosperitätsstreben seiner Zeit, im ersten der zwölf Songs stärker als im letzten. Er lehnt das Müssen ab, aber er ist kein Barrikaden-Kämpfer, sondern ein tollkühner Feingeist, er würde lieber nicht. Und deshalb wendet er seinen Lebensekel ins Positive, er lässt alles liegen und geht, um in der Vorläufigkeit anzukommen.

Sein Wirkstoff ist die Poesie: „Die Gegner, sie ergeben sich / von selbst, denn du bist nachtumweht / Unter dein Bett hat man ein Rosenblatt / Gelegt“. Taugenichtse sind sympathisch.

Tröstliche Gelassenheit

Auf ihren frühen Platten haben Tocotronic T-Shirt-Sprüche am laufenden Meter produziert. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ etwa, „Es ist egal, aber“ und „Aber hier leben, nein danke“. Von diesem offensiven Ton haben sich von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail verabschiedet. Die neuen Texte strahlen Gelassenheit aus, eine tröstliche Gelassenheit, eine zärtliche Gelassenheit, die Gelassenheit desjenigen, der den Schwebezustand als natürlichen Lebensraum akzeptiert hat. Ich schwanke, also bin ich. Allerdings hätten sie das Album auch als Gedichtband veröffentlichen können, denn musikalisch ist es völlig unerheblich, weil irgendwo kurz nach Punk stehen geblieben.

Die Texte hingegen erzählen ein Märchen aus der neuen Zeit. Es macht die Wirklichkeit erträglicher, obwohl die Wirklichkeit in ihm kaum eine Rolle spielt, denn auf „Kapitulation“ herrscht die Geschichtsstille, die Utopie. Diese Platte riecht nach Herbstlaub und neuen Lederschuhen, nach Zigarettenrauch und gestärkten Hemden, nach Bier und Milch. Und das Wunderbare an ihr ist, dass sie so eine barmherzige Ausweg-Gewissheit ausstrahlt. Der Balance-Akt am Tellerrand endet gut, Märchen gehen ja immer gut aus. „Alles gehört dir / Kein Wille triumphiert“, heißt es schließlich bei Tocotronic.

In Eichendorffs „Taugenichts“ klang das so: „Von ferne schallte Musik herüber - und es war alles, alles gut!“

Quelle: rpo