Artist Alife-Mitgründer im Interview

Tom Preuss über Düsseldorf, die Kiesgrube und Petrus

Artist Alife-Mitgründer im Interview: Tom Preuss über Düsseldorf, die Kiesgrube und Petrus Artist Alife-Mitgründer im Interview: Tom Preuss über Düsseldorf, die Kiesgrube und Petrus Foto: TONIGHT.de/Harry Schaack

Mit der Gründung von Artist Alife erfüllten sich Loco Dice und Tom Preuss vor fünf Jahren ihren Lebenstraum. Heute sind die beiden nicht nur mit ihrer Agentur international erfolgreich unterwegs, sondern locken mit ihren Events regelmäßig absolute Szenegrößen in die Kiesgrube. Im TONIGHT-Interview sprach Tom Preuss über seinen Traum-Job, das Potenzial der Düsseldorfer Clubkultur und seinen Wunsch, Petrus im nächsten Sommer mal ordentlich in den Arsch zu treten ;-).

Impressionen Kiesgrube 2012 | Sonntag, 19. August 2012 Impressionen Kiesgrube 2012 | Sonntag, 19. August 2012 Impressionen Kiesgrube 2012 | Sonntag, 19. August 2012 Impressionen Kiesgrube 2012 // So 19.08.12 Am Blankenwasser 55 Fotos 2007 hast du zusammen mit Loco Dice die Agentur Artist Alife ins Leben gerufen. Heute besteht das Team aus 13 Leuten, ihr habt zahlreiche Künstler unter Vertrag, veranstaltet eigene Events, nicht zu vergessen das Label Desolat… Wie würdest du die Entwicklung innerhalb dieser fünf Jahre beschreiben und wie siehst du den weiteren Weg der Artist Alife Family?

2006 haben Loco Dice und ich Artist Alife gegründet, 2007 wurde dann von Dice und Martin Buttrich das Label Desolat ins Leben gerufen. Wir haben damals nie geglaubt, dass wir uns so gut entwickeln würden. Vor drei Jahren saßen wir noch in einem Ein-Zimmer-Büro in der Düsseldorfer Altstadt. Und heute beherbergt unser Head Quarter in Flingern neben einem kleinen Tonstudio eigene Departments für Management, Booking, Events, Grafik und Buchhaltung. Vladimir Ivkovic, bekannt aus dem Salon des Amateurs, kümmert sich um das Label Desolat.

Kiesgrube | Sonntag, 12. August 2012 Kiesgrube | Sonntag, 12. August 2012 Kiesgrube | Sonntag, 12. August 2012 Kiesgrube // So 12.08.12 Am Blankenwasser 106 Fotos Unser dreizehnköpfiges Team ist international, wir beschäftigen Leute aus Barcelona oder der Schweiz, aber natürlich auch professionelle „alte Hasen“ aus der Düsseldorfer Szene. Wir sind überglücklich mit unserem Team und hätten noch vor sechs Jahren nie gedacht, dass wir einmal da stehen, wo wir heute sind. Der Weg ins Jahr 2012 war nicht immer einfach und wir mussten viele Hürden bewältigen, aber wir hoffen, dass es genauso schön weitergeht, wie es bisher gelaufen ist. Dice und ich haben natürlich immer noch Träume, die auch über Künstlermanagement und Booking hinausgehen. Das könnten weitere Events sein, Kunstprojekte, aber auch ein eigenes Gastro-Objekt steht im Raume. Projekte, die wir von Düsseldorf aus in die Welt tragen wollen.

Kurz und knapp in einem Satz: Was bedeutet dir Artist Alife?

Artist Alife ist der Lebenstraum von Dice und mir. Wir wollten schon immer hier in Düsseldorf etwas aufbauen und eine Agentur wie Artist Alife schaffen. Wir freuen uns jeden Tag, mit Leidenschaft und Spaß zur Arbeit zu gehen.

Freundschaften spielen in diesem Business eine große Rolle – wie wichtig sind sie dir persönlich?

Kiesgrube mit Marco Carola | Sonntag, 29. Juli 2012 Kiesgrube mit Marco Carola | Sonntag, 29. Juli 2012 Kiesgrube mit Marco Carola | Sonntag, 29. Juli 2012 Kiesgrube mit Marco Carola // So 29.07.12 Am Blankenwasser 121 Fotos Freundschaften spielen für mich eine absolut große Rolle! In der Musik-Branche verschwimmen die Grenzen zwischen Business und Privat natürlich häufig, denn viele meiner Leute kenne ich aus der Szene. Es gibt viele Künstler und Kollegen, mit denen ich privat Dinge unternehme. Auch viele unserer Mitarbeiter sind gute Freunde oder zu Freunden geworden. Gute Freundschaften fernab von Artist Alife empfinde ich als sehr, sehr wichtig. Meine Freunde lenken mich von Alltäglichkeiten ab und was vielleicht noch wichtiger ist: Sie halten mich liebend gern aus. Einfach bin ich nämlich nicht immer.

Ein ganz normaler Tag im Leben von Tom Preuss: Wie sieht der aus?

Mit meinem neuen Entsafter beginnt kein Tag mehr ohne frischen Saft! Dann checke ich meine E-Mails von daheim und mache mich auf den Weg ins Büro. Es folgt ein Zeittunnel, der den Tag nach gefühlten zehn Minuten auch schon wieder enden lässt. Der Abend gehört dann meist meiner Freundin. Wir lieben Filme und wir lieben Kino – das entspannt total und ich kann voll und ganz abschalten.

Eine Woche ohne Handy, Internet, Facebook und Co. – für dich möglich?

Kein Problem – das würde mich sogar mal sehr freuen! Von Facebook lasse ich mir eigentlich schon lange nicht mehr das Leben versauen – für mich eine absolute Zeitverschwendung. Auf den Rest kann ich nicht verzichten, denn schließlich müssen Telefonate angenommen und E-Mails beantwortet werden. Das ist Hauptaufgabe in meinem Job. Das Internet und mein Telefon sind als Hilfsmittel und Informationsquelle sensationell!

Mit euren Künstlern seid ihr in den Partymetropolen rund um den Globus unterwegs, an Ibiza etwa kommt nach wie vor keiner vorbei. Welche Städte zählen zu deinen weiteren Hot Spots?

Spontan-Kiesgrube  | Sonntag, 22. Juli 2012 Spontan-Kiesgrube  | Sonntag, 22. Juli 2012 Spontan-Kiesgrube  | Sonntag, 22. Juli 2012 Spontan-Kiesgrube // So 22.07.12 Am Blankenwasser 80 Fotos Ibiza hat die größte Aufmerksamkeit, das stimmt. Im Cocoon Amnesia hostet Loco Dice beispielsweise sieben Mal in der Saison mit seinen Gästen die Terrasse. tINI & The Gang ist mit ihrer eigenen Veranstaltung jeden Mittwoch im Sirocco Beach unterwegs. Im Space bespielen wir mit unseren Künstlern ebenfalls vier bis fünf Mal pro Saison die Terrasse. Weitere Desolat Events finden in Metropolen auf der ganzen Welt statt. Zu unseren „Hot Spots“ zählen New York, Tokio, London, Barcelona oder Buenos Aires - aber die Liste ist lang. Ein persönlicher Hot Spot ist natürlich auch meine Heimatstadt Düsseldorf!

Standort Düsseldorf: Wie attraktiv ist die Stadt und Region in Sachen Clubkultur und ganz speziell für euch als Homebase?

Kiesgrube | Sonntag, 20. Mai 2012 Kiesgrube | Sonntag, 20. Mai 2012 Kiesgrube | Sonntag, 20. Mai 2012 Kiesgrube // So 20.05.12 Am Blankenwasser 60 Fotos Es gibt keine elektronische Clubkultur in Düsseldorf - zumindest keine Clubkultur, die vergleichbar wäre mit der in anderen Städten wie zum Beispiel in Berlin oder London. Die einzigen Clubs, die hier Anfang 2000 mithalten konnten, waren in meinen Augen die Harpune und das Tribehouse. Im Foyer oder Salon des Amateurs steckt viel Herz. Die beiden lasse ich an dieser Stelle aber einmal außen vor, denn möglicherweise wollen sie mit dieser Clubkultur, über die wir hier reden, nicht verglichen werden. Die legendären Altstadtjahre mit Unique, Ratinger Hof und den ganzen Kellerclubs fernab der elektronischen Musik gibt es leider auch nicht mehr. Trotzdem bleiben wir in Düsseldorf. Düsseldorf ist unsere Heimatstadt und hier schlägt unser Herz.

Kiesgrube May Dance | Dienstag, 1. Mai 2012 Kiesgrube May Dance | Dienstag, 1. Mai 2012 Kiesgrube May Dance | Dienstag, 1. Mai 2012 Kiesgrube May Dance // Di 01.05.12 Am Blankenwasser 27 Fotos Es wird viel über Düsseldorf und die fehlende Subkultur gemotzt. Natürlich finden wir einige Dinge, wie zum Beispiel eben genau diese Clublandschaft und wenig Abwechslung traurig, aber die Stadt hat unglaubliches kreatives Potenzial. Viele Kreative und Künstler leben hier, man hat tolle Restaurants und Bars - zum Beispiel hat vor kurzem die Bronx Bar in Flingern neu eröffnet -, aber auch Museen und Ausstellungshäuser wie das NRW-Forum, Kunsthalle, K21 usw. Deutschlandweit bekommt Düsseldorf medial wieder mehr Relevanz, nicht zuletzt durch den Aufstieg von Fortuna Düsseldorf! Veranstaltungstechnisch merkt man, dass etwas passiert - die kreativen Strömungen sind da. Schöne Beispiele sind die ehemaligen Single Club Veranstaltungen aus Richtung der Kunstakademie, Julia Stoschek mit ihrem neuen Off-Veranstaltungsraum Venus & Apoll am Worringer Platz oder das Toykio mitsamt Posse auf der Immermannstraße.

Kiesgrube | Sonntag, 26. Juni 2011 Kiesgrube | Sonntag, 26. Juni 2011 Kiesgrube | Sonntag, 26. Juni 2011 Kiesgrube // So 26.06.11 Am Blankenwasser 27 Fotos Natürlich könnte noch viel mehr passieren und hier müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen und sagen, dass wir das Ganze in den letzten Jahren etwas vernachlässigt haben. Allerdings haben wir uns in den letzten drei Jahren verstärkt um die Kiesgrube gekümmert und sie mit internationalen Künstlern auf ein internationales Level gehoben. Wir können stolz darauf sein, einen Ort wie die Kiesgrube in unserer Umgebung zu haben! Ich denke, in Deutschland gibt es nichts Vergleichbares. Um unseren kleinen Teil zur Düsseldorfer Subkultur beizusteuern, planen wir ab Herbst zusätzlich kleinere Veranstaltungen in Off-Locations in Düsseldorf und ab Dezember startet Loco Dice eine monatliche Desolat Residency im Salon des Amateurs.

Ob Nightlife oder auch Fashion: Immer mal wieder kommt der Vergleich Düsseldorf-Berlin. Hinkt, ist sinnvoll oder einfach fehl am Platz, da man beide Städte nicht vergleichen muss/kann?

Kiesgrube | Sonntag, 12. Juni 2011 Kiesgrube | Sonntag, 12. Juni 2011 Kiesgrube | Sonntag, 12. Juni 2011 Kiesgrube // So 12.06.11 Am Blankenwasser 32 Fotos Man kann die Städte absolut NICHT vergleichen! Düsseldorf und Berlin sind in ihrer Infrastruktur, Kultur und ihren Mentalitäten komplett unterschiedlich gewachsen. Während Berlin sich tatsächlich immer noch in einem kontinuierlichen Umbruch, Aufbau und ständiger Bewegung befindet, ist Düsseldorf - trotz der vielen Baustellen - einfach etwas verschlafener und ruhiger. Ich kann verstehen, wenn es einen Mittzwanziger in Städte wie Berlin zieht – das wilde Leben findet in Düsseldorf einfach nicht statt. Die Qualitäten der Stadt lernt man vielleicht erst zu schätzen, wenn man Mitte Dreißig ist und gewisse Dinge zu schätzen weiß. Man darf in Düsseldorf nicht nach Dingen suchen, die es einfach nicht gibt. Ich habe das Gefühl, diese Stadt bietet Freiräume zum Denken und Platz zum Entfalten, während man in einigen Großstädten das Gefühl hat, dem vermeintlich nächsten Hype hinterher rennen zu müssen....

Unter eurer Fittiche lief lange die erfolgreiche „College Pop“-Party, im Februar war dann aber nach insgesamt neun Jahren Schluss… Passte das Konzept nicht mehr?

Die College Pop startet wieder! Am 9. Oktober geht’s mit neuem Team in der Nachtresidenz weiter. Nicht nur wir vermissten die Partyreihe, auch das super Feedback der Besucher zeigte uns, dass noch nicht Schluss sein kann. Nicht zuletzt hänge ich persönlich sehr an der College Pop. Das waren die ersten Partys, die ich mit 19 veranstaltet habe.

Die Kiesgrube erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit und zählt zu den absoluten Highlights im Sommer. Einziger Knackpunkt ist schlechtes Wetter – und dieses haben wir 2012 ja leider öfter… Ihr entscheidet deshalb oft kurzfristig, ob die Events stattfinden. Ganz im Ernst: Wie oft checkt ihr die Wetterdienste vor einem Event und was würdet ihr für einen direkten Draht zu Petrus geben ;-)?

Kiesgrube | Donnerstag, 2. Juni 2011 Kiesgrube | Donnerstag, 2. Juni 2011 Kiesgrube | Donnerstag, 2. Juni 2011 Kiesgrube // Do 02.06.11 Am Blankenwasser 43 Fotos Jedes Jahr ab April sind zehn Online-Wetterdienste unser ständiger Begleiter. Wir haben sogar einen eigenen Ansprechpartner beim deutschen Wetterdienst, mit dem wir täglich kommunizieren. Und ja: Wir können behaupten, dass wir mittlerweile absolute Wetterexperten sind. Eins haben wir daraus gewiss gelernt: Traue keinem Wetterdienst! Denn alle sagen etwas anderes. Natürlich hätten wir gerne immer Superwetter. Es macht uns traurig und deprimiert, wenn wir gute Veranstaltungen mit Top-Künstlern absagen müssen. Wir möchten unsere Besucher nicht enttäuschen. Deshalb geben wir die Line-ups neuerdings nur noch kurzfristig bekannt, wenn wir wissen, dass das Wetter hundertprozentig passt.

Secret Summer mit Marco Carola | Sonntag, 24. April 2011 Secret Summer mit Marco Carola | Sonntag, 24. April 2011 Secret Summer mit Marco Carola | Sonntag, 24. April 2011 Secret Summer mit Marco Carola // So 24.04.11 Am Blankenwasser 29 Fotos Aber wenn eine Kiesgruben-Party stattfindet, dann richtig! Wir sind immer wieder überwältigt von dem grandiosen Feedback. Die Leute kommen mittlerweile aus ganz Europa, das Event wächst international und der August hat gezeigt, dass die besten Open-Air-Partys nur bei gutem Wetter stattfinden können. Leider haben die Besucher dieses Jahr keinen Zugang mehr zum See gehabt, aber wir arbeiten dran, dass das im nächsten Jahr wieder klappt – und treten Petrus ordentlich in den Arsch.

Die Kiesgrube ist bekannt für ein ausgezeichnetes Line-up – schon viele Größen aus der Szene waren bei euch. Gibt’s noch Wunschkandidaten?

Am 9. September: Sven Väth kommt in die Kiesgrube Am 9. September Sven Väth kommt in die Kiesgrube Zum Artikel » Wir sind wirklich sehr glücklich, dass so viele Top-DJs wie Sven Väth, Richie Hawtin, Loco Dice, Luciano, Marco Carola oder tINI uns supporten und regelmäßig und mehrmals in der Saison in die Kiesgrube kommen. Wir müssen glücklicherweise keine große Überzeugungsarbeit leisten, denn die DJs lieben die Location und das Partyfeeling der Kiesgrube. Ich würde allerdings gerne noch mehrere größere Live-Acts sehen. Der kleine Haken an der Sache ist leider der gute alte Petrus – dieses Jahr konnten von geplanten 22 Kiesgruben nur circa sieben stattfinden. Das macht es natürlich schwierig, die Line-ups aufzustellen und begrenzt uns in der Breite der Künstler.

Für viel Gesprächsstoff und Ärger sorgen die neuen Tarife der GEMA für 2013 – für so manchen Club könnte es in letzter Konsequenz das Aus bedeuten. Wie siehst du das Ganze?

Das sagen DJs, Musiker, Veranstalter und Club-Betreiber: Ärger über neue GEMA-Gebühren Das sagen DJs, Musiker, Veranstalter und Club-Betreiber Ärger über neue GEMA-Gebühren Zum Artikel » Wer glaubt, Raubkopien hätten keine Konsequenzen, der irrt gewaltig. Jetzt holt sich die GEMA ihr Geld auf einem anderen Weg. Wir als Betreiber, Label und Club finden die Entwicklung katastrophal. Erst Labelausbeute, jetzt sind die Clubs dran. Davon profitieren nur die Mitglieder der GEMA, die noch nie etwas für den Dancefloor getan haben.

Bitte unbedingt die Petition unterschreiben, aber die Revolution findet nicht auf Facebook statt. Geht raus, erhebt eure Stimme, geht tanzen, denn möglicherweise werden mit der Tarifreform die letzten Freiräume für Entfaltung und freie Kommunikation verschwinden.

Zum Schluss: Wo siehst du dich 2020?

Ich hoffe, immer noch das machen zu können, was ich jetzt mache! Vielleicht etwas reduzierter, was natürlich nur mit einem starken Team im Rücken funktioniert. Und wenn das glücklich ist, dann bin auch ich der glücklichste Mensch der Welt.

Das Interview führte Denise Breidbach.

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