Ausstellung im NRW-Forum

Unwerths Berliner Bilder

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XXX: Ellen von Unwerth im NRW-Forum XXX: Ellen von Unwerth im NRW-Forum XXX: Ellen von Unwerth im NRW-Forum XXX Ellen von Unwerth im NRW-Forum 31 Fotos Die Fotografin Ellen von Unwerth zeigt im NRW-Forum Düsseldorf neue Fotoarbeiten. Für ihre zeitgeistigen Shootings buchte sie die Techno-Disco "Tresor" in der Hauptstadt und verschiedene angesagte Models.

Wenn etwas Kult ist, wissen wir das lange vor dem eigentlichen Ereignis. So vagabundieren die neuen Fotos von Ellen von Unwerth schon seit Wochen durch das Netz, Werbung gibt es allerorten für ihre Schau "Berlin bei Nacht", bei Facebook ist der Termin hundertfach vorgemerkt.

Seit heute kann man im Düsseldorfer NRW-Forum unmittelbar draufschauen, vor solcher Kult-Kunst stehen, staunen und überlegen, was sie in uns auslöst. Ist dieser Berliner Bilderbogen frauenfreundlich oder frauenfeindlich? Muss man das gut finden, weil man die Fotografin für eine gute Handwerkerin hält? Oder stimmt es, was von ihr behauptet wird: Sie fotografiere Frauen so, wie es ein Mann nie wagen würde?

Es sind vor allem schlanke Geschöpfe, die im Auftrag einer bekannten Haarwaschmittelfirma "geshootet" wurden und als Weihnachtsüberraschung für den Geschäftsführer Zugang in ein museumsähnliches, publikumsnahes Haus fanden.

Die blonden und brünetten, auffallend gut frisierten Schönen der Nacht wurden im morbiden Ambiente des Techno-Tempels arrangiert, mehr oder weniger spärlich bekleidet, in kühlen Posen. Das wirkt gekünstelt, weil so kein Mensch dasteht, nur der Groove der Nacht, die Coolness des Hauptstadt-Underground vermag die Models zu derartigen Körperverdrehungen zu animieren. Ihre Blicke erst – ichverliebt und irritierend, uninteressiert, selten direkt.

Ellen von Unwerth ist selbst ganz anders drauf, sie wirkt mit Mitte 50 natürlich – und fröhlich. Ihre Lebensgeschichte ist bewegend, die gebürtige Frankfurterin wuchs im Waisenhaus auf, später bei Pflegeeltern. Als Teenager war sie bei Roncalli als Nummerngirl für die bauchigen Seifenblasen zuständig, modelte später für die "Bravo", wurde dann für die "Elle" entdeckt.

Als sie beschloss, selber Fotografin zu werden, machte sie mit der damals noch völlig unbekannten Claudia Schiffer eine vielbeachtete Werbekampagne für Jeans. Ohne Ausbildung gelang von Unwerth der große Sprung, die Profikarriere, der Statuswechsel: Sie, die heute mit ihrer Tochter in Paris lebt, wird als internationale Künstlerin gehandelt. Als Vorbild nennt sie Helmut Newton, "weil seine Bilder störend und ergreifend zugleich sind".

Nun also von Unwerths Fotoarbeiten, nicht alle so glatt wie die eingangs beschriebenen, sorgfältig komponierten Paparazzo-Schüsse. Störfeuer sind darunter, existentielle Befragungen wie bei dem Mann mit total tätowiertem Oberkörper oder dem anderen, der den Zylinder schräg aufgesetzt hat, schwarze Fliege zu schwarzem Hemd trägt, einen tiefschwarzen Oberlippenbart hat und sich mit der Zunge lustvoll die Lippen ableckt. Die zwei sich küssenden Frauen und die anderen nicht im Auftrag der Haarwaschmittelfirma abgelichteten Damen sind theatralisch im Retrostil inszeniert, auch sie tragen Schwarz, hohe rote Pumps und haben grell geschminkte Lippen.

Hier zeigt die Fotografin, dass sie Bühnen baut für vergangene Zeiten, für vergangene Rollen, die längst als überwunden gelten, doch in aufregenden Einzelheiten wieder aufflackern. Von Unwerth setzt eine neue Halbwelt zusammen, indem sie der Frage nachgeht: Was ist auf der Straße los? Was geht ab in einer Techno-Disco außer Trinken, Flirten, Lieben? Die Hauptstadt gibt die Richtung vor. Das weiß auch die Haarwaschmittelfirma. Sie zieht aus Unwerths Fotos Lehren und formt die aktuellen Frisuren ihren zeitgeistigen Bildern nach.

Berlin bei Nacht im Obergeschoss des NRW-Forum Kultur und Wirtschaft (Düsseldorf, Ehrenhof 2), vom 15. Dezember bis 13. Februar 2011, di. bis so. von 11 bis 20 Uhr, freitags bis 24 Uhr, Eintritt 2,50 - 3,50 Euro.

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Quelle: rpo