Ein Abend auf der Singleparty

Das Herz ist ein einsamer Jäger

Ein Abend auf der Singleparty: Das Herz ist ein einsamer Jäger Ein Abend auf der Singleparty: Das Herz ist ein einsamer Jäger Foto: Andreas Endermann
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Die Erwartungen sind hoch, die Sprüche flach - doch wie groß ist die Chance, sich tatsächlich zu verlieben? Eine Nacht auf der Singleparty. Frauen haben es leicht heute Abend in der Krefelder Disko. Sie sind eindeutig in der Unterzahl. An der Theke lehnen Männer und folgen mit ihren Blicken den Gogo-Girls, die sich mit roten Dessous und Netzstrümpfen als Liebesbotinnen verkleidet haben und rote Herzaufkleber mit Nummern verteilen. Ansonsten ist es um 23 Uhr noch leer in der Disko. Frauen sind kaum zu sehen. Nicht mal die Wahrsagerin, die in einem Zelt am Rande der Tanzfläche residiert und den Partybesuchern Liebesglück oder -pech prophezeien soll, hat bisher ihren Dienst aufgenommen. Ich bestelle einen Wodka Lemon. 6,50 Euro. Das erklärt die Leere – Mut antrinken ist zuhause deutlich billiger.

Zwei Stunden später: Es ist voll – und stickig. Laute Bässe, dicht aneinander gedrängte schwitzende Menschen und Erwartungen, die so viel Raum einnehmen, dass es noch ein bisschen enger und stickiger wirkt. Der Boden ist klebrig, die Theke und die Gläser sind es, und die Sprüche sowieso.

Der Herzaufkleber mit aufgedruckter Nummer fühlt sich etwas weniger peinlich an, weil jeder einen trägt. Welche Nummer darauf steht, ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, was es aussagt, einen zu tragen: Ja, ich will! Und wie! Das ist ermutigend und furchteinflößend zugleich – denn einerseits verheißt jeder dieser Aufkleber Chancen, doch andererseits macht er eine Ablehnung noch demütigender, als sie ohnehin schon wäre: Ja, ich suche jemanden, ganz dringend sogar – aber, haha, doch nicht jemanden wie dich!

Briefchen-Taktik

Wer Körbe lieber nicht persönlich entgegennehmen möchte, kann dem Objekt der Begierde eine Nachricht auf einem Zettel zukommen lassen. Ein bisschen wie früher in der Schule, nur dass die passenden Sprüche auf dem Zettel bereits vorgedruckt sind – Ankreuzen reicht. „Ich finde deinen roten Erdbeermund süß“; oder für die, die nicht ganz so dick auftragen möchten: „Ein Abenteuer für eine Nacht ist ganz o.k.“ Sollte es tatsächlich Menschen geben, die mit jemandem zusammen sein möchten, der solche Zettel schreibt – oder mit jemandem, der auf solche Zettel antwortet?

Ich verzichte auf die Briefchen-Taktik – ob irgendeiner dieser Zettel in der inzwischen extrem vollen Disko seinen Empfänger erreicht, erscheint ohnehin fraglich. Sich durch das Gedränge zu einem der Tische zu kämpfen, auf denen die Liebesbotschaften ausliegen, dauert eine gefühlte Ewigkeit. Und unter tausenden tanzenden Menschen den mit der Nummer 2234 ausfindig zu machen, erscheint auch eher aussichtslos.

Wie immer in der Liebe spielt auch hier der Zufall eine entscheidende Rolle. Blicke treffen sich, oder sie treffen sich nicht – hier wird bloß ein bisschen angestrengter geguckt. Wer zurückguckt, bleibt nicht lange allein. Plötzlich steht Andi neben mir, Mitte 20, sein weißes Shirt spannt über dem Bauch, den er fünf Bier zuvor vermutlich noch tapfer eingezogen hat.

Als er sich zu mir beugt, um mir ein „Ich bin der Andi. Wie geht’s dir?“ ins Ohr zu schreien, atme ich sein Parfum ein, das nach Desinfektionsmittel riecht. Und noch plötzlicher legt mir Andi seine Hand auf den Oberarm. Wenn jemals eine Notlüge erlaubt war, dann jetzt. „Mir ist nicht so gut gerade“, schreie ich zurück. Offenbar wirkt der Satz ermutigender, als er gemeint war, denn plötzlich liegt Andis Hand an meiner Taille, und zwar unter meinem T-Shirt.

Wo endet eine Begegnung, die nach eineinhalb Minuten ihren ersten Höhepunkt in Form von Hautkontakt an einer zumindest mittelmäßig intimen Stelle erreicht? Ich möchte es nicht wissen, murmele ein „Ich muss weg“ in den Lärm aus Musik und Stimmengewirr und versuche, mich in der Menge unsichtbar zu machen. Wichtigstes Accessoire für eine Singleparty sind zwei Blicke: der ermutigende – und der abweisende.

Zehn Minuten später an der Theke: Der Barkeeper ist sehr gut aussehend. Dunkle Locken, Typ Soap-Darsteller. Heute Abend scheint er unglücklich darüber zu sein. Er starrt konzentriert auf seine eigenen Hände, während er ein Bier auf der klebrigen Theke abstellt. Auf ein „Danke“ und ein Lächeln reagiert er, indem er noch ein bisschen mehr darauf achtet, keiner Frau in die Augen zu sehen. Offenbar ist es ein harter Job, Barkeeper auf einer Singleparty und gleichzeitig hübsch zu sein.

Neben mir steht eine Blondine, die sich den roten Herzaufkleber tief in ihr noch tieferes Dekolletee geklebt hat. Nachdem der Barkeeper bewiesen hat, dass er der unangefochtene Meister des abweisenden Blicks ist, wendet sie sich gelangweilt von der Theke ab und der Tanzfläche zu.

Inzwischen ist es spät. Jetzt tanzen auch die Männer. Die meisten versuchen, dabei möglichst lässig auszusehen, und das heißt: minimale Bewegungen. Ein leichtes Zucken in den Schultern, dann in den Knien, dann ein Schluck aus dem Bierglas und dann das Gleiche von vorn.

"Ich steh nicht auf Modeltypen, sondern auf Frauen wie dich"

Die Königsdisziplin ist das Antanzen. Das bedeutet: Die minimalen Bewegungen müssen so gezielt ausgeführt werden, dass sich der Tänzer langsam aber sicher auf das Objekt seiner Begierde zubewegt – sofern dieses nicht inzwischen die Geduld verloren hat und seit fünf Minuten am anderen Ende des Raums an der Theke steht. Erst, wenn das Antanzen geglückt ist, entscheidet sich, ob es sich gelohnt hat: Steigt die Frau darauf ein, dann kopiert sie seine Bewegungen (bloß etwas eleganter und weniger minimal).

Wer so weit gekommen ist, startet Phase drei: Körperkontakt. Erst die Oberarme, dann die Hüften, und dann ist die Sache so gut wie gewonnen. Hunderte Menschen drängen sich auf der Tanzfläche, und sie alle folgen mehr oder weniger dieser Choreographie.

Für mich endet der Abend an der Theke, mit einer Freundin, die mich zu dieser Party begleitet hat. Ihr (blond, groß, hübsch) hat gerade ein Endzwanziger mit engem Rollkragenpullover und zu viel Gel in den Haaren eröffnet, er arbeite in der Modebranche, stehe aber nicht auf Modeltypen, sondern auf Frauen wie sie. Möglicherweise ist seine Flirt-Taktik einfach zu raffiniert, als dass wir Normalsterbliche sie durchschauen könnten. Vielleicht wüsste die Wahrsagerin Bescheid. Doch die hat gerade wieder Pause.

Quelle: rpo