Innenministerium erhebt Vorwürfe

Loveparade: Veranstalter gerät schwer unter Druck

Innenministerium erhebt Vorwürfe: Loveparade: Veranstalter gerät schwer unter Druck Innenministerium erhebt Vorwürfe: Loveparade: Veranstalter gerät schwer unter Druck Foto: AFP, AFP

Heute will NRW-Innenminister Ralf Jäger einen ersten Bericht über den Polizeieinsatz vorlegen. Angeblich werden darin massive Vorwürfe gegen die Lopavent GmbH erhoben, den Veranstalter der Loveparade. Das Unternehmen des einzigen Gesellschafters Rainer Schaller soll sich mehrfach über Bedenken der Behörden hinweggesetzt haben.

Der Bericht, den Jäger vorlegen will, erhebt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung schwere Anschuldigungen. Der Massenpanik am Samstag, bei der 21 Menschen ums Leben kamen und mehr als 500 verletzt wurden, seien verschiedene Fehleinschätzungen vorausgegangen, schreibt das Blatt. Dem Sicherheitskonzept sollen "völlig falsche Berechnungen" zugrunde gelegen haben, wie sich die Besucherströme auf dem Gelände verteilen würden.

Einziger Zugang zum Gelände war eine Rampe, zu der die Besucher aus zwei nur 16 Meter breiten Tunneln strömten; dort entstand die Massenpanik, bei der 20 Menschen ums Leben kamen. Die Polizei habe den Veranstalter zuvor auf diese Problematik hingewiesen, hieß es in Polizeikreisen. Der Veranstalter habe aber lediglich geantwortet, es werde alles reibungslos ablaufen: "Wir haben da unsere Erfahrungen."

Würstchenbuden im Eingangsbereich

Die vorläufige Ursachenanalyse kommt angeblich zu dem Schluss, dass sich die Besucher nach Betreten des Festivalgeländes nicht wie erwartet schnell von der Rampe entfernt und auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofes verteilt haben. Vielmehr sei es im Eingangsbereich zu einem Stau gekommen, der den Druck auf die nachströmenden Gäste weitergegeben habe.

Die Mängel hat das Schaller-Unternehmen demnach mitverschuldet. Die Float-Lkws mit Tänzern und DJs seien viel zu nah am Eingangsbereich vorbeigefahren. Zudem seien Buden für Gastronomie in der Nähe des Eingangsbereichs aufgestellt worden, die das Verteilen der Menschen zusätzlich behindert hätten.

Keine Kameras

Zudem habe der Veranstalter deutlich weniger eigene Ordnungskräfte eingesetzt als angekündigt: 150 Kräfte seien zugesagt worden. Tatsächlich seien dann aber offenbar viel weniger Ordner eingesetzt worden, soll Jäger dem Kabinett in Düsseldorf berichtet haben. Zudem habe der Veranstalter Vorschläge ignoriert, im Zugangsbereich eine Videoüberwachung zu installieren.

Wer den Bericht des Innenministeriums erstellt hat, geht nicht eindeutig aus den Angaben der Süddeutschen Zeitung hervor. Mehrfach ist von Sicherheitsbehörden die Rede. Ob es sich dabei um Ermittler der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder einer anderen Behörde handelt, ist offen. Das NRW-Innenministerium hatte die Ermittlungskompetenzen aus Gründen der Neutralität am Montag auf das Kölner Polizeipräsidium übertragen.

Auf Sitzungen wurde regelrecht gefeilscht

Unmittelbar nach dem Einsatz hatte der SPD-Politiker die Beamten in Schutz genommen und erklärt, an der Polizei habe "es nicht gelegen". Ob er recht hat, müssen die Ermittlungen ergeben. In der Aufklärung der Ereignisse hatten sich die eingebundenen Akteure Stadt, Polizei und Veranstalter Lopavent zuletzt gegenseitig die Schuld zugeschoben. Wolfgang Bosbach (CDU), Chef des Bundestags-Innenausschusses, regt daher an, bei "Mammutveranstaltungen" auch übergeordnete Behörden einzuschalten.

Dokumente aus Sitzungsprotokollen der Planer passen ins Bild. Demnach feilschten Veranstalter und Stadt regelrecht um die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen. Lopavent beschwerte sich den Dokumenten zufolge über die Auflagen der Stadt hinsichtlich der maximalen Teilnehmerzahl und der Fluchtwege.

Schaller verteidigt sich

In einem Interview mit der Bild-Zeitung verteidigte sich Rainer Schaller am Mittwoch gegen die scharfe Kritik. Alle Auflagen seien zu hundert Prozent erfüllt worden. Weder er noch sein Untternehmen hätten Druck ausgeübt, die Veranstaltung trotz Bedenken durchzuführen. Bedenken, so Schaller, gebe es immer. Fakt sei: "Diese Bedenken wurden gelöst - sonst hätte keiner der Beteiligten zugestimmt."

Nicht nur gegen Lopavent sind massive Vorwürfe erhoben worden. Auch die Stadt Duisburg ist in Erklärungsnot geraten. Insbesondere Oberbürgermeister Adolf Sauerland steht mit dem Rücken zur Wand. Neue Dokumente, die unserer Redaktion vorliegen, belegen, dass er über Sicherheitsbedenken gegen die Loveparade informiert wurde. Zuvor hatte Sauerland noch beteuert, er habe von Warnungen nichts gewusst. Einen Rücktritt lehnt Sauerland bislang ab. Zur Trauerfeier will er nach Informationen unserer Redaktion jedoch nicht erscheinen. Er soll Morrdrohungen erhalten haben und steht unter Personenschutz.

Als Spaßbremse verspottet

Neben Lopavent und Stadt steht auch die Polizei in der Kritik. Unternehmer Schaller beschuldigt sie, einen Tunnel für die Besucherströme geöffnet zu haben und so das Gedränge mitverursacht zu haben. Auch Vertreter der Stadt Duisburg belasten die Polizei. Planungsdezernent Jürgen Dressler sagte unserer Redaktion, augenscheinlich hätten eine Kommunikationspanne bei Polizei und Veranstaltern zu der Katastrophe geführt.

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, wies in der Passauer Neuen Presse vom Mittwoch Berichte über Fehler der Polizei zurück und fordert erneut den Rücktritt der politisch Verantwortlichen in Duisburg. "Der Oberbürgermeister und die politisch Verantwortlichen waren geradezu besessen von der Idee, die Loveparade in Duisburg zu veranstalten, dass sie die Warnsignale entweder nicht wahrgenommen oder beiseite geschoben haben", sagte Wendt. Er selbst habe bereits vor einem Jahr gewarnt, dass die Stadt Duisburg ungeeignet sei, da sie zu eng für eine solche Veranstaltung ist. "Damals hat man mich als Spaßbremse und Sicherheitsfanatiker verspottet", klagte Wendt.

Quelle: rpo