Neues Album

Air - Musik für Aristokraten

Neues Album: Air - Musik für Aristokraten Neues Album: Air - Musik für Aristokraten Foto: EMI
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(RP). Die französische Band Air hat es geschafft, ihren Namen zu einer Marke zu machen, zu einem Signet für guten Geschmack und Lebensart, das ist ein bisschen wie bei einem Modehaus. Ähnlich wie ein Jil-Sander-Kleid oder ein Marc-Jacobs-Pullover vermitteln Air-Produkte dem Käufer das Bewusstsein, zur Stil-Elite zu gehören.

Diese Wirkung bemerkte die Industrie rasch: Nach Erscheinen des Debüts „Moon Safari“ gab es eine Zeitlang kaum einen Werbespot, der nicht mit Air-Songs unterlegt war oder dessen Musik nicht zumindest nach Air klang. Und es ist tatsächlich wundersam mit Air; irgendwie aristokratisch fühlt man sich mit ihnen, erhaben, und dieses Gefühl wird beim Hören des neuen Albums „Pocket Symphony“ (erscheint Freitag) zunächst noch intensiver.

Neues Album "Pocket Symphony"

Die 13 Stücke bieten in konzentrierter Form, was die drei Vorgänger-Platten ausgemacht und millionenfach verkauft hat: elegische Klangflächen mit triumphalen Momenten, die an einen Gleitflug durch die Weiten des Alls denken lassen. Hingehauchte Gesangspassagen mit englischen Gaga-Texten („Ich bin ein Junge, du bist ein Mädchen, es war einmal“). Hier und da ein asiatisches Instrument. Dazu sanft federndes Geklöppel, komplexe Piano-Linien und eine Gitarre, deren Riffs die edle Melancholie für einen Moment unterbrechen, die aber nie ausbrechen. Die Schönheit von Air zeichnet sich aus durch Maß und Kontrolle - was logisch ist, wenn man sich die Biografie des Duos anschaut. Nicolas Godin und Jean Benoît Dunckel stammen aus großbürgerlichem Hause, Heimatstadt Versailles; zwei 37-Jährige, die sozusagen im lachsfarbenen Lacoste-Polohemd unterm Kristall-Lüster zur Welt gekommen sind und nun sogar in ihrem für die ekstatischen Momente bekannten Hauptberuf Rockstar die Selbstbeherrschung pflegen.

Populäre Gastsänger

In den vergangenen Jahren scharten die Air-Musiker Menschen mit ähnlich ausgeprägtem Stilwillen um sich. Der Busenfreundin Sofia Coppola arrangierten sie Soundtracks zu den Filmen „Virgin Suicides“, „Lost in translation“ und „Marie Antoinette“. Für Charlotte Gainsbourg schrieben sie im vergangenen Jahr das wunderbare Album „5:55“, und während der Arbeit daran trafen sie auf Pulp-Sänger Jarvis Cocker und den britischen Pop-Dandy Neil Hannon, einziges ständiges Mitglied der Band Divine Comedy. Die drei letzteren haben auf „Pocket Symphony“ Auftritte als Gastsänger - man bleibt halt gerne unter sich.

Das Album ist denn auch so perfekt geworden, wie die Runde der Zuträger es vermuten lässt, und eben diese Perfektion ist sein Problem. Man ertappt sich beim Hören irgendwann dabei, wie man sich nach Kratzern auf der spiegelglatten Oberfläche sehnt, nach Brüchen - kreischenden Gitarren etwa, dreckigen Beats oder dem Heulen einer Sirene.

„Moon Safari“ von 1998 bleibt eben doch das aufregendste Air-Album, weil es noch immer frisch wirkt, ungezwungen. So ungezwungen, wie sich Air zuletzt nur noch ein Mal gaben: Für den Sampler „Late Night Tales“ versammelten sie kürzlich ihre Lieblingslieder. Neben den üblichen Stil-Heroen wie Lee Hazelwood und Scott Walker findet man dort die Metaller von Black Sabbath. Und deren Sänger heißt Ozzy Osbourne.

Quelle: rpo