Ryan Adams

Gut gebrüllt, Tiger!

Ryan Adams: Gut gebrüllt, Tiger! Ryan Adams: Gut gebrüllt, Tiger! Foto: Universal
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(RP) Ryan Adams legt mit „Easy Tiger“ sein zehntes Album in sieben Jahren vor. Kein Meisterwerk, aber deutlich über dem Durchschnitt. Demnächst erscheint noch ein umfangreiches Boxset mit unveröffentlichten Songs.

Popularität hat nicht unbedingt etwas mit Produktivität zu tun. Ryan Adams veröffentlichte zehn Alben in sieben Jahren, offiziell. Nebenher investierte er sein Talent in zahlreiche kleinere Projekte, meist unter anderem Namen. Trotz allem hat sich der 32-Jährige beim Durchschnittshörer nicht etabliert: Wie bitte, Bryan Adams? Nein: Ryan. Gerade startet der Bursche aus North Carolina nach eineinhalbjähriger (Solo-)Schaffenspause einen weiteren Anlauf, sich einen festen Platz in den Plattenregalen zu erobern. „Easy Tiger“ heißt das aktuelle Album, eine gelungene Mischung aus bewährten Zutaten: Die Adams-Familie spielt wieder auf.

Neues Album macht Lust auf mehr

Dass einer, der so rastlos von inneren Dämonen getrieben wird wie Adams, überhaupt pausieren kann, scheint schwer vorstellbar. Ist ja auch nicht wirklich so. Der Amerikaner hat seine Energien unter kruden Namen wie SnoKobra, WereWolph oder The Shit ausgelebt, und er hat unermüdlich Songs auf Halde geschrieben. Mit einem Boxset will Adams demnächst schon mal die Altlasten abräumen - einen beachtlichen Haufen unveröffentlichter Stücke, von rockigen Lärmorgien über Country-Kapriolen bis zu intensiven, melancholischen Folksongs. Adams Welt als CD-Konzentrat. Das neue Album übernimmt da mal wieder die Funktion des Appetitanregers: Es liefert von allem etwas und macht Lust auf mehr.

Was auch daran liegt, dass sich in der Schaffenswut des Künstlers die Kleinode und der Krimskrams allzusehr vermengen. Soll heißen: „Easy Tiger“ lässt sich prima durchhören, folgt treu den Koordinaten Americana, Blues und Rock, liefert neben schmerzlich schönen Momenten aber auch Durchschnittsware. „Halloween Head“ etwa stände Bon Jovi gut zu Gesicht, wenn Adams das Stück nicht ironisch brechen würde - nach seinem Aufruf „Guitarsolo!“ folgt eine Keyboardeinlage. Das ist die Art von Humor, die ihm gefällt, leicht skurril, verschroben, eigenwillig. Wenn die Plattenfirma ein Soloalbum verlangt, schleppt Adams seine Band, die Cardinals, ins Studio. Wenn die Fans auf ein beseeltes Akustik-Konzert hoffen, drischt der 32-Jährige betrunken auf die Saiten seiner E-Gitarre. Das erinnert an Neil Young, auch an Bob Dylan, auf jeden Fall aber an die Allüren eines handelsüblichen Rockstars.

Leben in geordneten Bahnen

Neuerdings, so lässt das kreative Genie werbewirksam verlauten, bewegt sich bei ihm aber alles in geordneten Bahnen. Keine wechselnden Liebschaften mehr mit Hollywood-Schönheiten, keine Drogen-Exzesse. Stattdessen feste Freundin, strenger Tagesablauf, Streberbrille. Um den Durchblick nicht zu verlieren. Adams gilt als strenger Hund im Studio, als einer, der unter Mitbestimmung versteht, dass alle etwas sagen dürfen, und er am Ende entscheidet. Was vielleicht auch gut ist, denn manche Mitmusiker sollen schon erschöpft reagieren ob der Schaffenswut ihres Maestros.

Für „Easy Tiger“ holte sich Adams Sheryl Crow an seine Seite. Im Song „Two“ singt sie, ehrlich gesagt kaum hörbar, die zweite Stimme. Was nicht weiter stört, denn am stärksten ist der junge Mann aus Jacksonville immer noch alleine. Adams leicht brüchige Stimme passt perfekt zu seinen traurigen Geschichten über Verlust und Verdruss, das Misslingen der Liebe und die Sehnsucht nach Geborgenheit. Kein Wunder, dass es mit Adams künstlerisch bergauf ging, nachdem er sich von seiner Band Whiskeytown verabschiedet hatte. So meisterhaft wie auf den Alben „Heartbreaker“ und „Gold“ war er nie wieder.

Einer wie Adams muss alleine auf der Bühne stehen, die Klampfe in der Hand, die Band, wenn überhaupt, zehn Schritte hinter sich. Dann funktionieren seine bittersüßen Songs, reißen verheilte Wunden wieder auf. „Easy Tiger“ hat leider nicht ganz diese Qualitäten. Aber es schürt die Hoffnung: Weil es an Adams’ Ruhm nichts ändern wird. Er bleibt also ein Gescheiterter - wer könnte dem Schmerz ergreifender eine Stimme geben?

Quelle: rpo