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Die Schatzsucher

Debatte: Die Schatzsucher Debatte: Die Schatzsucher Foto: TONIGHT.de/Savo und Nino
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Warum wir so gern in Sachen kramen, die andere Menschen weggeworfen haben.

Ich habe drei Stühle vom Sperrmüll. Einer ist weiß mit vielen Verstrebungen an der Lehne, von denen eine lose ist. Mich stört das nicht. Ich finde den Stuhl schön, er ist aus den 50er Jahren. Ich habe ihn mal durch Zufall gefunden, als ich abends nach Hause kam und ein paar Nachbarn Sperrmüll vor die Tür gestellt hatten. Damals hatte ich außer einer Matratze und einem Tisch keine Möbel. Der Stuhl kam mir also ganz gelegen. Und ich war mächtig stolz. Zumal ich gar nichts dafür getan hatte, außer mich in einen Wust von Kisten, alten Koffern und Möbeln zu beugen, ihn herauszuziehen und nach Hause zu tragen. Er blieb auch nicht lange allein. Einen braunen Caféhaus-Stuhl hatte ich mir gewünscht. Eine Freundin fand ihn - auf der Straße.

Sperrmüllsuchen, das ist Tauchen für Landratten. Man begibt sich auf eine Art Reise ins Verborgene. Alles riecht nach Keller. Alte Werkbänke tragen zentimeterdicken Staub. Buchseiten lösen sich beim Durchblättern und den Wandspiegel durchzieht ein tiefer Riss. Es ist aufregend, vor allem, wenn es dunkel ist und man sich mit einer Taschenlampe oder dem Handy einen Überblick verschafft.

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Das gleiche Phänomen lässt sich auf Flohmärkten beobachten. Am besten sind die in einem feuchten Hinterhof, unter irgendeiner Brücke oder in einer alten Lagerhalle. Das Abgekratzte, Aufgerissene, Verrostete muss sein, damit der Schatz, den man vielleicht findet, noch glänzender erscheint. Dann werden plötzlich vergilbte Taschenbücher zu begehrtem Bibliotheksmobiliar oder 70er-Jahre-Lederstiefel zur Trophäe. Die Augen müssen schnell sein, aber mindestens genauso schnell die Hände, damit einem nicht ein anderer Schatzsucher den Silberlöffel vor der Nase wegschnappt. Oder den Kinderpulli. Denn viele Mütter suchen noch akribischer nach Schätzen als ihre Kinder.

Den dritten Stuhl gabelte ich in der Nähe der Steinstraße auf. Ein Mann und eine Frau trugen ihn gerade aus einem Ladenlokal. „Ziehen Sie um?“, fragte ich. Nein, den Stuhl könne ich haben. Ich trug ihn in die nächste Straßenbahn. „Der ist aber antik“, sagte eine Frau anerkennend. Ich lächelte.

Nun seid ihr gefragt. Woher kommt unsere Leidenschaft fürs Schatzsuchen in alten Sachen? Was habt ihr schon vom Sperrmüll mit nach Hause genommen?

Quelle: RP+