Der Unkonventionelle

Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier wird 60

Der Unkonventionelle: Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier wird 60 Der Unkonventionelle: Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier wird 60 Foto: dpa, Fredrik von Erichsen
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Jean-Paul Gaultier wurde berühmt, weil er das Schönheitsgebot der Mode missachtet. Der Franzose mischt hohe Kultur und Pop, seine Inspiration zieht er aus Barock und Boudoir. Seine Kleidung gilt als Anschlag auf die Konvention – ihr Schöpfer ist ein geschäftstüchtiger Erforscher des Zeitgeists.

Vielleicht ist das überhaupt sein größtes Verdienst, dass er von Beginn an das Schönheitsgebot in der Mode missachtete und persiflierte. Jean-Paul Gaultier kam aus dem Punk, und seine erste eigene Kollektion präsentierte er 1976 – damals veröffentlichten die Sex Pistols den Song "Anarchy In The UK". Mode, so dachten die meisten in jenen Tagen noch, ist dazu da, Harmonie, Ganzheit und Einklang zu erreichen.

Angemessenheit war ihr Ziel, und Gaultier zeigte, was man mit Kleidung außerdem machen kann: Bei ihm dient sie der Kommunikation, sie animiert und informiert. Sie ist Signal. Wer Gaultier trägt, geht in Opposition, so ist das. Er brachte ein komplettes Ordnungssystem durcheinander, denn nichts anderes waren Kleider und ihre Vorschriften einst. Er verriet die gängigen Bewertungskrititerien als unzulänglich, indem er die Grenze zwischen Kleid und Kunst neu definierte.

Mit 17 zu Pierre Cardin

Als er 1985 berühmt wurde, weil die Nachrichten Ausschnitte aus seinen spektakeligen Modenschauen zeigten, auf der Männer Röcke trugen und Frauen ihre Unterwäsche über den Blusen, war er längst ein alter Hase. In der Schule hatte er die Netzstrumpfhosen der Varieté-Tänzerinnen nachgezeichnet, die er in Zeitschriften gesehen hatte.

Auch seine eigenen Ideen vom Aussehen und Auftreten der Frauen hielt er fest. Er schickte die Entwürfe an berühmte Couturiers, einfach so, und als der 17-Jährige eines Tages nach Hause kam, öffnete ihm die Mutter und sagte: "Pierre Cardin hat angerufen. Er will dich einstellen." Gaultier nahm das Angebot an, er musste keine Modeschule besuchen, um aus einem ärmlichen Pariser Vorort auf den Olymp zu gelangen.

Er erkannte keine Lehre an, ließ sich ausschließlich vom Gespür leiten. Früher verbrachte er viel Zeit mit der Großmutter, in ihrem Haus trafen sich die Frauen der Nachbarschaft zum Kartenlegen und zu Kosmetik-Anwendungen, und für diese Gruppe nähte er erste Modelle. Nur deren Meinungen und Reaktionen zählten, sie waren sein Maßstab, sind es bis heute.

Und dann kamen dem Model die Tränen: Modefotograf Lindbergh im NRW-Forum Und dann kamen dem Model die Tränen Modefotograf Lindbergh im NRW-Forum Zum Artikel » Man könnte sagen, dass Gaultier diesen Kreis von Vertrauten ständig erneuert hat, jeweils auf seine Bedürfnisse abgestimmt. Die Schauspielerin Beatrice Dalle, die man aus dem Film "Betty Blue" kennt, gehört dazu, auch Grace Jones, Kylie Minogue, Beth Ditto von der Band Gossip sowie der französische Superstar Mylène Farmer.

Die Genannten benutzen Kleidung, um Unruhe zu stiften und Spannung zu erzeugen, und besonders gut gelang das Madonna 1990, als sie mit einer Corsage auftrat, der Gaultier einen eiswaffelförmigen Brustpanzer aufgesetzt hatte, den "cone bra". Dieses Kleidungsstück ist als Anschlag zu verstehen auf die ursprüngliche Bedeutung des BH und auf die Überlieferung des Bildes von der verfügbaren Frau.

Auch für die Filmindustrie gearbeitet

Das Kino interessierte sich früh für die Zeichenkunde, die Gaultiers Entwürfe eben auch sind. Er stattete Klassiker wie "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" von Peter Greenaway aus, "Das fünfte Element" von Luc Besson und "Die Stadt der verlorenen Kinder" von Jean-Pierre Jeunet. Gaultier zitiert die hohe Kultur ebenso wie den Pop, seine Inspiration bezieht er aus Barock und Boudoir. Er betont stets das Gemachte seiner Arbeiten, und auch damit beweist er Widerständigkeit.

Hatten Kleider stets die Aufgabe, ihre Träger besser aussehen zu lassen, machte Gaultier Nähte sichtbar, brachte Verschlüsse und Verstrebungen außen an. Er ließ die Stücke von übergewichtigen, tätowierten und gepiercten Models vorführen, und als er 1997 seine erste Haute-Couture-Kollektion entwarf, war das natürlich ein Schock für die Arrivierten.

Da tanzten Männer mit rasierter Brust, sie trugen Tutus und Oberteile aus Möbelstoffen, auf die Köpfe hatten sie sich Badekappen mit angenähten Teddybären gesetzt. Gaultier interessiert sich nicht für Konventionen, sondern bildet Stimmungen ab. Was vorangegangenen Generationen die Freiheit war, ist Gaultier die Identität. Sein Werk umkreist nicht mehr die Frage, wie man leben möchte. Es fragt: Wer bin ich?

Der Mann im Ringelshirt

Eines der großen Missverständnisse im Zusammenhang mit Gaultier ist das Gerücht, er sei kein guter Handwerker. Wer das glaubt, fällt auf das vorgeblich Amateurhafte, das Zufällige herein, das der Designer seinen Stücken einschreibt. Besonders die Blazer von Gaultier gelten im Gegenteil als unverwüstlich, in Modemagazinen werden sie als "best buy" empfohlen.

Der andere Irrtum in Sachen Gaultier ist der Zweifel an seiner Geschäftstüchtigkeit. Früh erkannte er, wie viel es wert ist, seine eigene Marke zu sein. Also trat er allerorten im unvermeidbaren Ringelshirt auf, produzierte eine grässliche Disco-Platte und eine TV-Sendung namens "Euro-Trash". Er verteilte seine Kreativität auf mehrere Linien, wobei er darauf achtete, seine tragbaren Stücke erschwinglich zu halten.

Start der Castingtour in Düsseldorf: Haarmodels posieren mit Marcus Schenkenberg Start der Castingtour in Düsseldorf Haarmodels posieren mit Marcus Schenkenberg Zum Artikel » Sein großer Coup war 1993 das Frauen-Parfüm, das seinen Namen trug. Dessen Flakon in Form eines corsagierten weiblichen Oberkörpers sah man zeitweise unter dem Spiegel jeder besseren Gästetoilette stehen. Er arbeitete für Hermès und verkaufte große Teile seines Konzerns an die Puig-Gruppe, zu der auch die Firmen Nina Ricci und Paco Rabanne gehören.

Gaultier ist längst ein Klassiker, und das heißt auch, dass er nicht mehr so frisch ist und beweglich. Der Zeitgeist wird von anderen Schneidern besser eingefangen. Zuletzt ließ Gaultier seine Modelle als Amy Winehouse verkleidet über den Laufsteg schreiten, das regte viele auf, aber nicht so sehr. An diesem Dienstag also wird er 60 Jahre alt, und weil man Jubilaren etwas Nettes sagt, möchte man dieses anbringen: Es ist Gaultier zu verdanken, dass wir uns nicht mehr sicher sein können, ob etwas schön ist.

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Quelle: RP